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Winter's Bone

USA 2010. R,B: Debra Granik. B: Anne Rosellini. K: Michael McDonough. S: Affonso Goncalves. M: Dickon Hinchliffe. P: Winter's Bone Productions, Anonymous Content. D: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt, Sheryl Lee u.a.
100 Min. Ascot Elite ab 31.3.11

Hinterm Wald gleich links

Von Carsten Happe Wenn Winter's Bone im April schließlich in den deutschen Kinos angekommen sein wird, hat er eine bemerkenswerte Reise durch Festivals, Preisverleihungen und Jahresbestenlisten hinter sich, die mit dem Grand Jury Prize beim Sundance Film Festival 2010 begann – und die letztlich auch ein Paradebeispiel für einen kleinen Independentfilm ist, der groß rausgekommen ist. Und fürwahr, der zweite Langfilm von Regisseurin Debra Granik ist eine echte Entdeckung, der alle Meriten und Lobpreisungen verdient hat.

Von der ersten Minute an baut Winter's Bone eine ungemein stimmige Atmosphäre seines Schauplatzes, den Ozark Mountains in Missouri, auf. Das Leben ist hart in dieser abwertend als hinterwäldlerisch zu bezeichnenden Gegend, das Klima unwirtlich, die Arbeit – sofern es sie überhaupt gibt – stumpfsinnig, die Menschen abweisend und desillusioniert. Gezwungenermaßen hat die 17jährige Ree für ihre psychisch kranke Mutter die Fürsorge der kleinen Geschwister übernommen, ihr drogendealender Vater ist schon seit langem dem Familienbund entschwunden. Daß er gerade einmal keine Haftstrafe absitzt, sondern gerichtlich gesucht wird, erfährt Ree erst, als die Polizei mit der Pfändung ihrer Blockhütte und des gesamten Hab und Guts der Familie droht. Dem toughen, zu früh erwachsen gewordenen Mädchen bleibt als einziger Ausweg, ihren Vater ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Trotz aller dramatischen Zuspitzungen ist Winter's Bone vielmehr eine Gesellschaftsstudie, die mit ethnographischem Blick ihr Sujet seziert und mit Hingabe in eine fremde, faszinierende wie abstoßende Welt eintaucht. Anklänge des Film Noir verbindet der Film mit dokumentarisch präzisen Beobachtungen eines Lebens abseits des American Way of Life und erreicht streckenweise eine Authentizität, die schlicht atemberaubend ist, weil sie einen unverstellten, traurig-schönen Blick auf das andere Amerika gestattet, dem weder Obama noch Michael Moore beikommen. Gerade aus dieser erstaunlichen Realitätsnähe entfaltet sich schleichend ein Redneck-Horror, der aus der Ferne an John Boormans Beim Sterben ist jeder der Erste gemahnt.

Die Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Woodrell, der zuvor auch am Drehbuch des ähnlich sensiblen Ride with the Devil mitschrieb und seinen Stil ganz treffend als »country noir« umschreibt, besticht neben seinen dokumentarischen Qualitäten vor allem auch durch sein engagiertes Ensemble. Insbesondere die junge Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence spielt sensationell und ist mittlerweile längst an den Mainstream (in Form des nächsten X Men-Abenteuers) verloren. Oder anders betrachtet, setzt sie die eindrucksvolle Reise von Winter's Bone auf anderer Ebene fort. 2011-03-25 15:33

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.

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