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9 Leben

D 2010. R,B,S: Maria Speth. K: Reinhold Vorschneider, Ingo Brückmann. P: Madonnen Film.
109 Min. Peripher ab 19.5.11

Black Box White Cube

Von Sarah Sander Ein White Cube, sieben Portraits. Gut ausgeleuchtet, vor weißer Wand. / Neun Leben, retrospektiv. Ein Mosaik aus Interviews, fotographiert in feinschattiertem Grau.

Das Setting ist immer gleich: weiße Wand, helles Licht, ein Gesicht oder ein halber Mensch. Manchmal auch mit Accessoires oder in Aktion. Wie im Fotostudio. Und die Portraitierten erzählen ihre Leben – erzählen von Ängsten, Drogen und vom Anschaffen, von ihren Familien, der Freundschaft und dem Leben auf der Straße. Sehr ruhig und reflektiert. Ein vielgesichtiges Portrait. Lebensgeschichten auf der Tonspur; im Bild: Körperbilder, selbstgemacht. Vieltätowiert und gepierct. Körper als Ausdrucksmittel, als Aussage, Ausschrei. Zwischen Gruppenzugehörigkeit und Modebewußtsein. Punk als Lebenskonzept.

Maria Speth läßt die Portraitierten Cello und Gitarre spielen, läßt sie ihre Lieblingshunde und Familie mitbringen; sie läßt die »Kinder vom Bahnhof Zoo« ihre Geschichten erzählen, ohne sie ein weiteres Mal in den erwarteten Umgebungen zu zeigen – wohl um ihnen Raum zu geben. Doch dieser Raum verkehrt sich irgendwann gegen sie, erdrückt sie mit seiner gutausgeleuchteten, weißen Last. Ein Konzept, das sich gegen sich selbst und seine Figuren verkehrt. Der unvoreingenommene weiße Raum wird zum Untersuchungssaal, zum grellen Neonlicht einer Befragung, welche die Ungeduld der Zuschauer führt.

Ein bißchen zu hell ausgeleuchtet also für einen ungetrübten Blick aufs weiße Blatt. Ein bißchen viel Fokus aufs Drama, wenn alles außer der Selbstanalyse außen vor bleibt. Die gutausgeleuchteten White Cubes lassen nicht nur die klischierten Milieubilder weg, sondern auch die Geschichten, die sich über Bilder erzählen würden. Die über Nebensächlichkeiten, Farben oder Stadtlandschaften von allbekannten Kleinigkeiten ebenso wie von Sehnsüchten, Ängsten und Alltag erzählen könnten. Ein White Cube ist ein klinisch-neutraler Ausstellungsraum. Die weißen Wände des Studios werden so zur Galerie, die neun Leben ausstellt. Schattenlos und ungeschützt vor Interesse oder Langeweile der Betrachter. Jeder hellerleuchtete Raum ist auch ein weißer Sarg. 2011-05-13 12:17

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.
© 2012, Schnitt Online

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