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6 x Venedig

Sei Venezia. I 2010. R,B: Carlo Mazzacurati. B: Marco Pettenello, Claudio Piersanti. K: Luca Bigazzi. S: Paolo Cottignola. M: Eleni Karaindrou. P: Argonauti.
92 Min. Rendezvous ab 29.3.12

Geschnitten oder am Stück

Von Nicole Ribbecke Ja, man muß auch einfach mal mit einem heiteren Gefühl im Bauch das Kino verlassen, weiter nichts. Sollte nach dem Besuch von Carlo Mazzacuratis 6 x Venedig dann auch noch die Sonne draußen scheinen, paßt alles zusammen. Also am besten rein in die Früh- oder Nachmittagsvorstellung dieses Frühlingsfilms – denn ein solcher ist er allemal. Und zwar gerade nicht, weil allein dieser Jahresabschnitt dominiert. Jeder Protagonist erhält seine eigene Jahreszeit, im Winter beginnend. Wir erleben den Beginn des Frühlings und dann, stimmig gemeinsam mit der jüngsten Zentralfigur, den Sommer.

Natürlich böte eine Dokumentation über sechs Protagonisten (daher der allzu einfallslose deutsche Titel) auch die Möglichkeit, die verschiedenen Portraits abwechselnd zu beleuchten und auf diese Weise dramaturgisch miteinander zu verweben. Mazzacurati durchbricht die starre Erzählweise der Aufzählung jedoch nicht und läßt seine allesamt charmanten Venezianer brav hintereinander ihre liebenswerten Geschichten erzählen. Vielleicht fühlt er sich auch einfach nicht ganz sicher im Metier des Dokumentarfilms, in das er vorher, abseits seiner Spielfilme, lediglich mit den drei einstündigen Ritratti-Filmen mit Marco Paolini ein paar Abstecher unternommen hat.

Dafür hat er einen anderen Trumpf in der Tasche. Luca Bigazzi, mit dem er hier ein weiteres Mal zusammenarbeitet, liefert pittoreske Bilder, die nicht nur die konservative Erzählstruktur, sondern auch die Enge der Gassen und Kanäle auflockert. Untermalt werden die stimmungsvollen Stadtpanoramen stets treffend, teils sogar fast komödiantisch von der, wohlgemerkt griechischen, Komponistin Eleni Karaindrou. Ein kleines, bescheidenes Fest der Sinne wird hier gefeiert. Dabei ist die Kamera immer nur Beobachter, niemals wertende Instanz. Die immer noch schwächere Position der Frau in Italien ist allenfalls ein leises Phantom wohingegen das soziale Gefälle des öfteren Bestandteil der unterschiedlichen biographischen Ausführungen ist, der gewählten Darstellung ist die Annäherung an ebensolche Themen aber keineswegs inhärent. Derartige Politika ließen sich wohl kaum glaubwürdig einbetten in ein solch rührendes Potpourri aus Alltäglichkeiten einer Touristenmetropole. Mehr als diese leisen Randgeschichten erzählen will Mazzacurati auch gar nicht. Und wie bereits eingangs angedeutet will man am Ende sogar ein wenig applaudieren – und auch das hat natürlich einen ganz bezaubernden Grund. 2012-03-28 14:18
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