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Attenberg

GR 2010. R,B: Athina Rachel Tsangari. K: Thimios Bakatakis. S: Sandrine Cheyrol, Matthew Johnson. P: Haos Films, Boo Productions, Faliro House Productions, Stefi S.A. u. a. D: Ariane Labed, Giorgos Lanthimos, Vangelis Mourikis, Evangelia Randou.
97 Min. Rapid Eye Movies ab 10.5.12

Unter Menschen

Von Andreas Strasser Wie dichter Brodem erscheint sie oft – die Angst vor der Schwelle. Streckte man, bildlich gesprochen, die Hand in diesen Dunst, man sähe kaum die Fingerkuppen. Jeder Schritt ein Wagnis.

Marina, die schüchterne Heldin dieses griechischen Heranwachsendendramas, steht auf einer solchen Schwelle. Die Welt der Erwachsenen, die in diesem Film oftmals nur auf das Sexuelle reduziert wird, stößt Marina einerseits ab. Andererseits fühlt sie sich von ihr aber begierig angezogen. Ihr Rüstzeug zwischen Unbedarftheit und Kenntnis: die Tierdokumentationen des britischen Filmemachers David Attenborough (ins Griechische liebevoll verballhornt als »Attenberg«). Vor dem Fernseher imitiert Marina Affen und Vögel und vergißt darüber: This is the place, unter Menschen. Dort muß sich Marina mit ihren Ängsten konfrontieren – mit Liebe, Einsamkeit, Tod und Sexualität.

Surreal wirken viele der Szenen und Dialoge zwischen Marina und ihrer sexuell erfahrenen Freundin Bella oder ihrem Vater Spyros. Nach gängiger Vorstellung liegt der Sinn des Surrealen darin, die Wirklichkeit des Menschen im Unbewußten zu erkunden, das Wahrhaftige jenseits des Herkömmlichen zu finden. Wendet man diese Prämisse auf die Figuren in Attenberg an, dann erscheinen sie jedoch als verspielte Karikaturen dessen, wofür sie in der filmischen Dramaturgie eigentlich stehen: Entdeckung und Abenteuer, Liebe und Zärtlichkeit, Erfahrung und Verstand. Die Komik des Surrealen geht hier nicht auf. Sie verstellt vielmehr einen authentischen Zugang zu den Figuren, ihren Gefühlen und Ängsten. Manche der Szenen, die so zentral für den Film scheinen, lassen einen schlichtweg kalt. Zu kurios muten sie an.

Der Film ist ganz bezaubernd fotographiert und die Charaktere gewinnt man anfangs schnell lieb: Man möchte ihnen regelrecht die Chance geben, zu erblühen. Doch leider versandet dies in einer allzu gewollten Komik und Figurenführung, die vom Wesentlichen und der möglichen Fallhöhe des Dramas gänzlich ablenkt.

Was bleibt, ist eine große Unruhe, die von der Erzählung jedoch nicht berührt wird. Es bleibt das Gefühl einer leider verspielten Chance. 2012-05-08 15:54

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #66.
© 2012, Schnitt Online

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