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17 Mädchen

17 filles. F 2011. R,B: Delphine Coulin, Muriel Coulin. K: Jean-Louis Vialard. S: Guy Lecorne. P: Archipel 35, arte France Cinéma, Canal+, Ciné u. a. D: Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran, Carlo Brandt, Esther Garrel, Noémie Lvovsky, Yara Pilartz, Solène Rigot u.a.
90 Min. Arsenal ab 14.6.12

Mit 17 hat man noch Träume…

Von Martin Wertenbruch …da wachsen noch alle Bäume / in den Himmel der Liebe.«

Der »Himmel der Liebe« im Langfilmdebüt von Delphine und Muriel Coulin wird in Pastelltönen inszeniert, als wolle er sich abgrenzen von den knallrosafarbenen Visionen, die Peggy March einst besang. Während March auf eine romantisch verklärte Version von Teenagerliebe abzielte, geht es in 17 Mädchen um die bedingungslose Liebe zwischen Mutter und Kind. Oder nur um eine Vision davon?

In der bretonischen Hafenstadt Lorient beschließen etwa 17 Schülerinnen derselben Schule, schwanger zu werden. Während für die Gruppe der Teenager ein neuer Lebenssinn am Meereshorizont aufscheint, sehen die Erwachsenen dort eher eine Gewitterfront aufziehen. Diese absehbare Dichotomie wird in verschiedenen Varianten dargelegt, vom individuellen Zwist beim Abendbrot bis zur kollektiven Panik bei der Elternversammlung.

Als Zuschauer kann man sich einer der beiden Perspektiven anschließen. Aus der Erwachsenensicht handeln die Jugendlichen naiv, geradezu fahrlässig. Für diese Sicht mag es relevant sein, daß der Film auf einer wahren Begebenheit beruht – dramaturgisch eher belanglos. So aber macht das wenig Spaß.

Anders wird es, wenn man sich auf die Sicht der Schülerinnen einläßt, deren Schwangerschaftspakt eine Gruppendynamik in der Schule entfaltet. Die Mädchen begeistern sich gegenseitig mit ihren Vorstellungen über die »ungeteilte Aufmerksamkeit« ihrer zukünftigen Kinder, mit der »bedingungslosen Liebe«. So brechen sie aus ihrem ergrauten Normengefüge aus. Für sie macht ihr Handeln Sinn, sie malen sich eine bessere Zukunft als Mütterkollektiv aus. Und auf einmal wird der Himmel doch leicht rosig.

Für die ästhetische wie detailverliebte Bildsprache zeichnet Jean-Louise Vialard verantwortlich. Gemächlich wirken seine harmonisch kadrierten Aufnahmen, denen die jugendliche Dynamik gegenübergestellt wird. Statische Weiten eigentümlich leerer Orte werden mit Nahaufnahmen kontrastiert. Dabei ruht der Kamerablick oftmals lange auf den Protagonistinnen, wenn sie innehalten und nachdenken – oder einfach träumen? 2012-06-07 12:57

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #66.
© 2012, Schnitt Online

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