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2 Tage New York

2 Days in New York. F/D 2011. R,B: Julie Delpy. B: Aleksia Landeau, Alexandre Nahon. K: Lubomir Bakchev. S: Julie Brenta, Isabelle Devinck. P: Polaris Film Productions & Finance. D: Chris Rock, Julie Delpy, Dylan Baker, Kate Burton, Malinda Williams, Brady Smith, Emily Wagner, Aleksia Landeau u.a.
91 Min. Senator ab 5.7.12

Point of vue

Von Cornelis Hähnel In ihrem neuen Buch »Liebe wird oft überbewertet« bezeichnet Deutschlands wunderbarste Songwriterin Christiane Rösinger Pärchen als »unterentwickelte Lebensform, bei deren Anblick man nur immer wieder ein tiefempfundenes ›Nein, danke‹ ausrufen will«. Der geneigte Kinogänger empfindet ähnlich, sieht er Kinoplakate für romantische Komödien. Auch das Artwork zu Julie Delpys Regiedebüt 2 Tage Paris ließ einen damals skeptisch zusammenzucken – jedoch zu Unrecht. Delpys Pärchen-Komödie erwies sich als kluge Beziehungsanalyse, ein realitätsnahes und unverkrampftes Sezieren von Streitpotentialen, Erwartungshaltungen und intimen Momenten zweier sich liebender Menschen. Hinzu kam eine Prise Amerika vs. Europa sowie offenherziges Geplauder über Sexualität, fernab von krampfhaft inszenierten Scheidensekret-provokationen. Man war überrascht, wie intelligent und kurzweilig Delpy das Thema Beziehung auf die Leinwand gebracht hatte, und wollte sie sogleich im eigenen Freundeskreis aufnehmen. Doch trotz Versöhnungskurs befiel einen die Skepsis ein zweites Mal, als die Fortsetzung 2 Tage New York angekündigt wurde. Die Angst des Cineasten vor der Zweitverwertung. Andererseits: Das Leben geht weiter, Beziehungen gehen in die Brüche und mit einer neuen Liebe kommt eine neue Geschichte. Und so hat Delpy die Jahre in Echtzeit ins Land ziehen lassen und stellt ihrer Protagonistin einen neuen Partner und somit ein neues Lebensumfeld an die Seite. Das Grundprinzip, wenn auch in die andere Richtung verkehrt, behält sie aber bei: Marion lebt mit ihrem neuen Freund Mingus und zwei Kindern in New York und bekommt für zwei Tage Besuch von ihrem Vater, ihrer Schwester und deren neuem Freund. Soweit das Konfliktpotential. Also das neben der Beziehung. Es ist 2 Tage New York anzumerken, daß er versucht, die Leichtigkeit und die feinsinnige Frivolität seines europäischen Vorgängers versucht beizubehalten. Jenes spürbare Bemühen verweist aber auf ein partielles Scheitern am eigenen Anspruch. Vor allem beim Thema der Sexualität fehlt bisweilen die unangestrengte Beiläufigkeit, mit der im ersten Teil Intimitäten verhandelt wurden. Auch die charmant flirrende Erzählweise der version française kann die amerikanische Liebe nicht durchweg halten, mitunter bricht die Situationskomik in 2 Tage New York etwas brachial über den Zuschauer hinein. Geblieben sind hingegen die schlagfertigen Dialoge, die in rasanter Geschwindigkeit sämtliche Lebensbereiche miteinander verknüpfen. Überhaupt ist der Film an die Schnellebigkeit von New York angepaßt, anstelle von »savoir vivre« dominiert nun der »american way of life«. Doch auch wenn Delpy ihre Protagonistin Marion in eine neue Lebenswelt gesteckt hat – ihr Charakter hat sich kaum verändert. Marion ist weiterhin neurotisch, überdreht, unsicher und bisweilen anstrengend. Eitelkeit kann man Delpy wahrlich nicht vorwerfen. Daß sie ihre Figuren konsequent in ihrem Fehlverhalten und bei ihren Fehlentscheidungen begleitet, ohne sie dabei moralisch zu werten, macht die Sympathie des Delpyschen Kosmos aus. Der liebevolle Umgang mit den Charakteren wird auch bei 2 Tage New York durch das »family and friends«-Konzept, das Delpy schon im ersten Teil angewandt hatte, verstärkt, wieder übernehmen z. B. ihr leiblicher Vater und ihre Schwester mit viel Selbstironie die Rollen ihrer Filmfamilie. Viel Sinn für Ironie beweist auch Vincent Gallo, der einen wunderbaren Gastauftritt absolviert und so mit seinem diabolischen Image, das ihm anhaftet, spielt. Dennoch ist 2 Tage New York eine der Fortsetzungen, denen man zwiespältig gegenübersteht. Im Vergleich zum ersten Teil kann man einiges kritisieren und bemängeln, würde man die Fortsetzung autonom betrachten, würden die positiven Wertungen überwiegen. Vielleicht sollte man, auch gerade weil Delpy ihre Protagonistin in eine gänzlich andere Lebenssituation gesteckt hat, nicht den Fehler des Vergleichens machen – ebenso wie man in einer Beziehung seinen Partner nicht mit dem Ex vergleichen sollte. Und mit einem unsentimentalen Blick präsentiert sich 2 Tage New York als durchaus gelungener Film einer Gattung, die sonst von unsäglich-biederen Katherine Heigls und Matthew McConaugheys bevölkert wird, bei deren Anblick man ein beherztes »Nein, danke!« ausrufen möchte. 2012-06-28 13:14

Abdruck

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