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3 Zimmer/Küche/Bad

D 2012. R,B: Dietrich Brüggemann. B,D: Anna Brüggemann. K: Alexander Sass. S: Vincent Assmann. M: Fyfe Dangerfield/Guillemots. P: teamWorx. D: Robert Gwisdek, Jacob Matschenz, Katharina Spiering, Aylin Tezel, Alexander Khuon, Alice Dwyer, Amelie Kiefer u.a.
118 Min. Zorro Film ab 4.10.12

Die Deutschland-WG

Von Daniel Bickermann Dietrich Brüggemanns dritter Langfilm läuft Gefahr, ein Themenfilm zu werden. Mit Grausen erinnert man sich an die Kinogänger, die The Social Network fernblieben, weil sie keinen »Film über Facebook« schauen wollten. Ähnlich muß man sich Sorgen machen um Zuschauer, die in der Inhaltsangabe von einer »Generationenkomödie« lesen und von zahlreichen Wohnungs- und Partnertäuschen, die diese Ensemblekomödie am Laufen halten. Insofern sei hier erst mal festzustellen: Dies ist nicht nur ein Film für kinderlose Dauerstudenten.

Sicher, die Schilderung des Milieus, dieses jungen, frei- bis nichtberuflichen Kulturprekariats ohne Aussicht auf Verbürgerlichung, die ist von Brüggemann und seiner – wie üblich als Koautorin und Darstellerin mitwirkenden – Schwester Anna streckenweise erschreckend genau beobachtet: das Distelmeyer-Gelaber am Lagerfeuer, die Gratis-Berlinale-Taschen, die postironischen T-Shirt-Sprüche, das Herumlungern in WG-Küchen – und das Bewußtsein für all diese Klischees mitsamt der ironischen Kommentierung des eigenen Status. Und sicher, die Elterngeneration wird – nicht ganz zu Unrecht, mag man aus der Praxis hinzufügen – als dysfunktionaler Haufen über einen Kamm geschoren. Buchstäblich keiner der hier dargestellten Babyboomer scheint sich einen Rest Würde, Beherrschung oder Sinn über die Midlife Crisis gerettet zu haben. Das mag manchem älteren Zuschauer böse aufstoßen, es macht den Film aber deutlich stärker: Zum einen führt es zu wahrlich unerwarteten Wendungen (wie der vermutlich besten Familienweihnachtsszene im deutschen Film seit Jahrzehnten); zum anderen ist beispielsweise die herausragende Corinna Harfouch, die mit bitter-zynischer Ehrlichkeit den Lebensfrust einer Mutter aussprechen darf, ungemein wichtig für die Balance der Stimmung.

Denn der eigentliche Grund, warum dieser Film so gelungen ist, liegt nicht in seinem sehr heutigen Thema, sondern in seiner zeitlosen Tonalität, die man im deutschen Kino immer herbeisehnt, aber fast nie findet. Brüggemann gelingt erneut ein Seiltanz auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Drama, ohne jemals in die Belanglosigkeit der 1990er oder in die Sozialtristesse der 2000er Jahre abzurutschen. Natürlich hilft dabei sein Ensemble, das der Filmemacher über die Jahre stets erweitert hat und das in diesem Film die vielleicht beste Gruppenleistung des Kinojahres abliefert. Sie schaffen es, den traurigen Tropf, der von seiner besten Freundin nicht loskommt, den fremdgehenden Frauenheld, der auf der Suche nach seinem Vater ist, oder eben die Mutter, die sich fragt, ob ihre Kinder all diesen Aufwand eigentlich wert waren, mit all ihren Problemen ernstzunehmen und doch zutiefst amüsant und lebensbejahend zu gestalten. Dazu kommt die Neuentdeckung der Musikmontagesequenz – eines Stilmittels, das längst auf dem Komposthaufen der Filmgeschichte lag, die der beeindruckende Musikvideofilmer Brüggemann aber nicht nur mit Leben und Witz füllt, sondern tatsächlich auch mit entscheidenden Story-Wendepunkten. Kurz: 3 Zimmer/Küche/Bad ist ein Film voller Überraschungen und Glücksmomente, mit Figuren, denen man gerne zusieht, und Dialogen, die man gerne anhört. Das ist die eigentliche Sensation.

Und wer doch noch mehr Bedeutung braucht für einen Kinogang, der sollte das nicht an der Generation der Protagonisten festmachen; nicht an dem Grundgerüst der Um- und Einzüge; und nicht an der Vorliebe für zufällige Begegnungen und magischen Realismus, die manchmal mit Brüggemann durchgeht. Statt dessen sollte man 3 Zimmer/Küche/Bad vor allem als Film über Freundschaft lesen: über die unkaputtbare Jungsfreundschaft, in der man auch mal schmerzhafte Wahrheiten aussprechen darf; über die ungesunde Trostpflaster- Freundschaft, mit der man sich statt einer Liebesaffäre abfinden muß; und über die Freundschaft in Gruppen, in denen man selbst gescheiterte Beziehungen und bittere Streitigkeiten abfedern kann. Insofern ergeben die Figuren, die sich zufällig über den Weg laufen, und die Schicksale, die plötzlich geteilt werden, tatsächlich Sinn: Ist in diesen Zeiten der sozialen Vernetzung nicht ganz Deutschland, von Freiburg bis Berlin, eine einzige große WG von Geschwistern, Freunden und Mitbewohnern, die lose miteinander verknüpft sind und sich immer wieder treffen, um ein kurzes Stück des Weges gemeinsam zu gehen? 2012-10-04 14:07

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