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96 Hours – Taken 2

Taken 2. F 2012. R: Olivier Megaton. B: Luc Besson, Robert Mark Kamen. K: Romain Lacourbas. S: Camille Delamarre, Vincent Tabaillon. M: Nathaniel Méchaly. P: Europa Corp., Grive Productions, Canal+, M6 Films u.a. D: Liam Neeson, Maggie Grace, Famke Janssen, Rade Serbedzija, Leland Orser, Jon Gries, D.B. Sweeney, Luke Grimes u.a.
91 Min. Universum ab 11.10.12

Zurückgenommen

Von Nils Bothmann Taken 2 ist kein schlechter Film. In einem Kinojahr mit vielen enttäuschenden Sequels ist er, angesichts von Werken wie Prometheus und Das Bourne Vermächtnis, nicht die schlechteste Wahl, aber er hat ein Problem: Er verhält sich zu Taken ungefähr so, wie sich The Dark Knight Rises zu The Dark Knight verhält und verdeutlicht damit den Unterschied zwischen einem okayen bis guten und einem großen Film.

Eine Aufgabe eines Sequels, vor allem im Actionbereich, ist die, zu erklären, warum die Hauptfigur erneut in Höchstgefahr gerät und sich bewähren muß. Handelt es sich dabei nicht um die Jobbeschreibung des Protagonisten, man denke an den Superagenten James Bond, den Abenteurer Indiana Jones oder zahlreiche Comichelden, so verfolgen Sequels meist zwei Strategien – es sei denn, sie ignorieren das Glaubwürdigkeitsproblem ganz. Die erste Strategie ist die der Ironisierung, am besten verdeutlicht von dem »How can the same shit happen to the same guy twice?«-Zitat aus Stirb langsam 2; die Unglaubwürdigkeit wird hier also ironisch kommentiert und gebrochen. Die zweite Strategie besteht darin, einen Ansatz zu finden, der logisch erklärt, warum der Held sich erneut behaupten muß, häufig als Konsequenz aus dem Vorgänger. Genau diesen Weg wählt auch Taken 2, wegen der Betitelung des ersten Teils in Deutschland etwas unglücklich 96 Hours – Taken 2 genannt, der seine Handlung als Resultat der Geschehnisse aus Taken präsentiert: Personenschützer Bryan Mills und seine Familie geraten bei einem Istanbulurlaub ins Visier der Verwandten jener Menschenhändler, die Mills im ersten Teil auf der Suche nach seiner entführten Tochter umbrachte.

Eine weitere Aufgabe eines Sequels ist die, den richtigen Weg zwischen Variation und Wiederholung zu finden, und genau hier strauchelt Taken 2 stellenweise. Als eigenständiger Actionthriller funktioniert der Film meist ordentlich, trotz einiger mißglückter Passagen: Etwa wenn Mills’ Tochter inmitten von Istanbul Granaten detonieren läßt, damit ihr via Handy zugeschalteter Vater seinen Standort anhand der Geräusche orten kann. Doch als minder glaubwürdige Actionware funktioniert Taken 2 gar nicht mal schlecht, gerade angesichts der immer abstruser werdenden Konkurrenz, als Fortsetzung zu dem geerdeten Taken wirkt der Anschluß allerdings halbherzig. Dies macht sich vor allem in den Nahkampfszenen bemerkbar, die sich choreographisch durchaus auf dem Niveau des Vorgängers bewegen, allerdings dessen Konsequenz und Härte vermissen lassen: Wo Mills im Erstling jeden Kontrahenten pragmatisch und schnellstmöglich ausschaltete, da hält er sich in der Fortsetzung mit vielen Gegnern überraschend lange auf, schleudert sie nur durch die Gegend anstatt sie direkt außer Gefecht zu setzen. Dieser Stilbruch wird auf der Tonebene weitergetrieben, denn es fehlen wuchtige Schlaggeräusche zur Untermalung der Kampfszenen, zum anderen auch Effekte wie Genickbrüche. Letzteres könnte aber auch einer nachträglichen Entschärfung verschiedener Fassungen geschuldet sein (die amerikanische Version wurde für die Freigabe PG-13 konzipiert) und damit ein Problem, daß nur bestimmte Tonspuren betrifft. Jedenfalls wirkt es nicht wie eine Entscheidung des Regisseurs, wenn anschwellende Musik den Genickbruch eines Kontrahenten vorbereitet, das erwartete Knacken nach dem Verstummen der Musik aber ausbleibt.

In vielen Punkten bleibt Taken 2 dem Vorgänger treu, greift beispielsweise die hier deutlich ironischer ausfallende Thematisierung von Mills’ Pedanterie und Paranoia auf, die viele Kritiker in Taken als bierernst dargestellt sahen. Doch als Vertreter des Actiongenres sind es nun einmal die Nahkämpfe, die Schießereien und die Verfolgungsjagden, denen das Hauptaugenmerk gelten sollte, und somit macht der Stilbruch in diesem Bereich Taken 2 leider zu einer Fortsetzung, die deutlich hinter dem grandiosen Vorgänger zurückbleibt. 2012-10-11 13:36
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