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Vielleicht lieber morgen

The Perks of Being a Wallflower. USA 2012. R,B: Stephen Chbosky. K: Andrew Dunn. S: Mary Jo Markey. M: Michael Brook. P: Summit Entertainment, Mr. Mudd. D: Emma Watson, Logan Lerman, Nina Dobrev, Paul Rudd, Mae Whitman, Ezra Miller, Melanie Lynskey, Kate Walsh u.a.
103 Min. Capelight ab 1.11.12

Unrebellisch

Von Sebastian Gosmann Daß ein Film wie Vielleicht lieber morgen von der Motion Picture Association of America (MPAA ) in erster Instanz tatsächlich die Altersfreigabe »R« aufgebrummt bekommen würde, damit haben die Produzenten dieser Coming-of-Age-Dramödie wohl ebenso wenig gerechnet wie der Autor dieser Zeilen. Man legte umgehend Einspruch ein – und bekam Recht. Nun dürfen Amerikas Teenager doch allein ins Kino; und ihre Eltern können gleich doppelt aufatmen. Denn Stephen Chboskys filmische Umsetzung seines eigenen hoch gelobten und viel diskutierten Jugendbuches ist derart zielgruppengerecht ausgefallen, daß Mama und Papa sich weder dafür interessieren dürften, noch eine nachhaltige Irritation ihrer pubertierenden Sprößlinge zu befürchten ist.

Während Chboskys Briefroman – insbesondere aufgrund seiner expliziten Sprache und des außergewöhnlich offenen Umgangs mit gesellschaftlichen Tabus – Jahr für Jahr Gefahr läuft, aus amerikanischen Bibliotheken verbannt zu werden, geht es im Film erstaunlich bieder zu. Formal als auch inhaltlich. Heikle Themen wie Selbstmord oder Homosexualität finden sich zwar wieder, werden jedoch entweder nur zaghaft behandelt oder aber durch eine allzu klischeehafte Darstellung ihrer Wirkung beraubt. Zudem mag es Chbosky nicht so recht gelingen, eine eigene Bildsprache zu entwickeln.

Einzig bei der Inszenierung von Charlies Innenleben zeigt der Regisseur so etwas wie Gestaltungswillen. Mittels zahlreicher stilisierter, seltsam beunruhigender Rückblenden, die sich später als Schlüssel zu Charlies psychischen Problemen erweisen, erzeugt Chbosky auch beim Zuschauer Unbehagen. Und am Ende des zweiten Aktes kulminieren diese Erinnerungsfetzen dann in einer fantastischen, atemberaubenden Montagesequenz, die nicht nur den dramaturgischen, sondern zugleich den künstlerischen Höhepunkt des Films darstellt. Ansonsten sind die Bilder aus der Highschool- Welt schlicht zu austauschbar und die Erzählweise zu konventionell, als daß sich Vielleicht lieber morgen abheben könnte von den vielen anderen Vertretern seines Genres. 2012-11-01 15:08

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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