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Lore

D/AUS/GB 2012. R,B: Cate Shortland. B: Robin Mukherjee. K: Adam Arkapaw. S: Veronika Jenet. M: Max Richter. P: Edge City Films, Porchlight Films, Rohfilm. D: Saskia Rosendahl, Nele Trebs, André Frid, Mika Seidel, Kai-Peter Malina, Nick Holaschke, Ursina Lardi, Hans-Jochen Wagner u.a.
109 Min. Piffl ab 1.11.12

Coming of Nazi Age

Von Nils Bothmann Im Grunde genommen ist die Idee hinter Lore eine ausgesprochen interessante: Eine filmisch eher selten thematisierte Epoche deutscher Geschichte, nämlich das Kriegsende und den Einmarsch der Alliierten aus der Sicht eines Kindes zu zeigen, noch dazu eines von Nazi-Ideologie geprägten Kindes. Die 15jährige Lore ist ein solches Kind, das von einem Moment auf den anderen die Erwachsenenrolle übernehmen muß, als ihre Eltern, reiche Nationalsozialisten, verhaftet werden und sie ihre vier jüngeren Geschwister quer durch Deutschland nach Hamburg bringen soll, zum Haus der Großmutter.

Doch der gute Klang, den Lore auf dem Papier hat, ist im fertigen Film nicht zu finden. Das Drehbuch greift wahllos gute wie schlechte Ansätze auf und läßt diese ebensoschnell wieder fallen, entwickelt keinen davon zu Ende. Sei es Lores Festhalten an der NS-Ideologie, das in manchen Szenen dann aber doch ausgeblendet wird, sei es das Aufkeimen widersprüchlicher Gefühle für den gleichaltrigen Thomas, der ihr und ihren Geschwistern hilft, den seine Papiere aber als jüdischen KZ-Überlebenden ausweisen, wie Lore bei einer Kontrolle feststellen muß. Dies führt auch zu einer eigenwilligen und teilweise reichlich problematischen Darstellung von Sexualität im Spannungsfeld von instinktivem Trieb und erlernter Rassenideologie.

Größtes Problem des Films ist allerdings seine platte und gänzlich unsubtile Inszenierung: Wenn Lores Familie zu Beginn des Films das Eigenheim in der Großstadt verlassen muß und Unterlagen verbrennt, wird ein einzelner Aktenordner genau gezeigt, dessen Thema die Nazivorstellung vom gesunden Herrenmenschen und dessen Abweichungen sind. Als die Familie das Exil auf einem ländlichen Bauernhof aufsucht, trifft Lore wenig später den Sohn des Bauern, der einen Klumpfuß hat, und ist dementsprechend ratlos – eine Szene, die auch ohne das vorige, überdeutliche Zeigen des Aktenordners funktioniert hätte.

Vor allem aber nervt die Inszenierung bald mit ihrer Angewohnheit, jede zweite Szene wahlweise in bedeutungsschwangerer Zeitlupe, bedeutungsschwangerer Großaufnahme oder bedeutungsschwangerer Kombination beider Stilmittel abzulichten, wodurch Lore nicht den gewünschten Effekt, sondern das genaue Gegenteil erreicht: Die Überbetonung jedes Details verleiht dem Film keine zusätzliche Gravitas, sondern wirkt einfach nur redundant, sodaß im Endeffekt alles in Bedeutungslosigkeit versinkt.

In wenigen Momenten zeigt Lore, was das Thema des Films hergegeben hätte. Da wäre jene Szene, in welcher die Kinder auf amerikanische Soldaten treffen, aufgrund der Sprachbarriere keine Seite die andere versteht und die Kinder innerlich vor Angst zittern, da sie haarsträubende Lügen und Gerüchte über mörderische amerikanische Soldaten gehört haben – von denen man als Zuschauer natürlich weiß, daß sie nicht wahr sind. Doch trotz der nichtexistenten Bedrohung vermittelt Lore hier ein Gefühl von Suspense: Die Kinder werden auf einem Laster von den Amerikanern mitgenommen, zuvor haben Lores jüngere Geschwister immer wieder unbedacht Fremden gegenüber vom Führer geschwärmt oder die Grußformel »Heil Hitler!« benutzt. Nun fürchtet die Hauptfigur, daß man sie als Nazisprößlinge enttarnen könne, was die Regisseurin und Drehbuchautorin nicht im Dialog, sondern allein durch Bilder und das Mienenspiel der Darsteller zu vermitteln weiß.

Ebenfalls mutig ist es, daß nicht nur eines der Kinder auf der Reise dran glauben muß, sondern Lore dies auch in einer bemerkenswert nüchternen Szene zeigt, die allerdings vom Schnitt suboptimal aufgelöst wird. Noch dazu sind die Folgeszenen, die den Todesfall thematisieren, im Gegenzug dazu voll von theatralischen, gestelzten Dialogen über den Verlust und die Frage, wer Schuld daran trägt. Immer dann, wenn Lore tatsächlich Qualitäten beweist, verspielt der Film diese schnell wieder. So ist es auch nur passend, daß die innere und äußere Reise der Hauptfigur in einem verkitschten Blitzumdenken endet, in dem sich Lore mit pathetischen Gesten vom Erbe der Nazi-Ideologie lossagen möchte. Hach, wie ist das schön, das Mädel ist zur Besinnung gekommen, können die Weltverbesserer im Kinosessel seufzen und den Saal in dem Glauben verlassen, ganz großes Kino gesehen zu haben. In Locarno gewann die peinliche Vertreibungsschmonzette gar den Publikumspreis – da möchte man lieber gar nicht wissen, wie die Konkurrenz aussah. 2012-11-01 15:25

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