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Alles wird gut

D 2012. R,B: Niko von Glasow. B: Kirstin von Glasow. K: Anna Heinzig, Markus Henkel, Sebastian Salanta. S: Mechthild Barth, Bernhard Reddig. P: Palladio Film, Westdeutscher Rundfunk.
96 Min. NFP ab 1.11.12

Bretter, die mich halten

Von Tamar Baumgarten-Noort Regungslos steht sie da. Der Saal ist totenstill. Sie schluchzt, flucht und flüchtet von der Bühne. Doch sie sammelt sich nur, denn wenige Augenblicke später steht Leslie wieder vor dem Publikum und singt sagenhaft »Amazing Grace«. Leslie gehört zu einem Theaterensemble, das Regisseur Nico von Glasow um sich geschart hat.

Sie wollen gemeinsam ein Theaterstück erarbeiten, und von diesem Entstehungsprozeß erzählt der Film. Es ist eine Arbeit, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt. Die Grenzen, die die Schauspieler spüren, sind in ihnen. Diese Menschen haben sich entschieden, Nico von Glasow ihr Innerstes zu schenken – und nichts weniger fordert der Regisseur von ihnen ein, er erwartet absolute Offenheit. Von Glasow stellt ihnen zu Beginn der Proben unverblümt intimste Fragen. Er traut sich, weiterzufragen, auch wenn offensichtlich ist, daß die Antwort weh tun wird. Er möchte ihre dunklen Seiten sehen. Das sind die Orte, die ihn interessieren: In den Abstellkammern der Seele leuchtet er die Ecken aus und trägt alles, was er findet, nach draußen, ans Licht. Auf die Bühne.

Denn das Stück, das entsteht, basiert auf den geheimen Ängsten und Sehnsüchten der Schauspieler, die Figuren des Stücks orientieren sich stark an ihren Darstellern. Von Glasow läßt die Schauspieler eine Art innere Version ihres Selbst spielen. Indem er ihnen das ans Licht Getragene als Figur auf den Bauch pinselt, werden die Schauspieler gezwungen, sich auch selbst mit diesen unausgeleuchteten Seiten ihrer Seele auseinanderzusetzen. So gerät die Theaterprobe mehr und mehr zur Therapiestunde. Dazu paßt das Kammerspielartige des Films – Figuren tauchen aus dunkler Schwärze auf, der Theaterraum ist undefiniert, im Mittelpunkt stehen die Menschen und ihr Kampf mit sich selbst und der Welt. Die Schauspieler, die sich auf dieses Experiment eingelassen haben, könnten unterschiedlicher nicht sein. Einige sind körperbehindert, manche haben Trisomie 21, andere stehen sich schlicht selbst im Weg. Ihnen gemein ist, daß sie alle auf der Suche sind nach ihrer Position im Leben und in dieser Gesellschaft. Viele fühlen sich nicht gesehen – und das gilt für Behinderte ebenso wie für Nichtbehinderte.

Das holt Nico von Glasow nach – er schaut so genau hin, legt so präzise den Finger in die Wunde, daß seine Schauspieler sich zuweilen vom Regisseur regelrecht gequält fühlen. Einige brüllen ihn an, andere streiten sich mit ihm, die Kritik wird zuweilen ziemlich scharf. Er benutze sie nur, wirft ihm eine Schauspielerin vor, er nehme ihnen ihre Schutzhülle und ließe sie wehrlos zurück. Er behandle sie wie eine Behinderte, sie kämpfe seit Jahren dagegen, so wahrgenommen zu werden, brüllt die blinde Leslie kurz vor der Premiere den Regisseur an. Daß der Regisseur des Films gleichzeitig einer der Protagonisten ist, wird hier zum Problem: Seine Rolle als Dokumentarist dieser Theaterproben verlangt von ihm einen Blick von außen. Aber als Theatermacher ist er gleichzeitig mittendrin und Kernpunkt des Geschehens. Im Film ist keine klare Regung als Reaktion auf die Kritik zu bemerken. Das wirkt, als stünde von Glasow in seiner Doppelrolle als Theatermacher und Filmregisseur ein bißchen über allem, als könne ihm die Kritik nicht wirklich etwas anhaben. Dabei läßt sich vermuten, daß die Theaterproben auch an dem Regisseur nicht spurlos vorübergegangen sind. Zu nah sind Theater und Wirklichkeit miteinander verwoben, emotionale Ausbrüche sind nicht nur erwünscht, sie sind Teil des Programms. Im Film führt diese enge Verknüpfung von Theater und Wirklichkeit dazu, daß der Zuschauer relativ orientierungslos zurückbleibt. Der Streit zwischen zwei Protagonisten: echt oder Teil des Theaterstücks? Der Film macht nicht deutlich, welche Episode zum Theaterstück gehört und welche nicht. Wenn das Stück das Innenleben der Protagonisten nach außen kehrt, ist diese Unterscheidung allerdings auch gar nicht notwendig. Dann ist das Gesehene immer beides, Wirklichkeit und Theater. »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt«, hat Schiller gesagt. In diesem Sinne sind die Menschen, die in Alles wird gut am Ende bei der Aufführung des Stücks auf der Bühne stehen, tatsächlich angekommen: bei sich selbst. 2012-11-01 15:45

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