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Die Libelle und das Nashorn

D 2012. R,B: Lola Randl. K: Philipp Pfeiffer. S: Sabine Smit, Andreas Wodraschke. M: Maciej Sledziecki. P: Coin Film. D: Mario Adorf, Rainer Egger, Fritzi Haberlandt, Irm Hermann, Bastian Trost, Sebastian Weber u.a.
90 Min. NFP ab 6.12.12

Fremde in der Nacht

Von Oliver Baumgarten In Lola Randls Debütfilm Die Besucherin zieht es die Protagonistin hin zum Leben eines Fremden, das sie erst durch heimliche Wohnungsbesuche erforscht und in das sie sich dann irgendwann mitten hineinfallen läßt. Eine Mischung aus Neugier, Faszination und schräger Sehnsucht nach Selbsterkenntnis sind Motor ihrer Distanzlosigkeit, auf die sich der Fremde aber bereitwillig einläßt. Die Figuren von Randls neuem Film – auch wenn der Ton der Erzählung ein ganz anderer ist – scheinen auf den ersten Blick von ähnlichen Motivationen getrieben. Da treffen sich eine Nachwuchsautorin und ein alternder Kinostar bei einer Lesung und können zunächst so recht nichts miteinander anfangen. Erst, als beider Heimflüge ausfallen und sie gezwungen sind, eine ungeplante Nacht in einem urigen Dortmunder Luxushotel zu verbringen, entwickelt sich jene Mischung aus Neugier, Faszination und schräger Sehnsucht nach Selbsterkenntnis, mit der sich die zwei unterschiedlichen Figuren zu betrachten beginnen und ihre Distanz zueinander überwinden. Sie erzählen sich ihr Leben, schlüpfen in verschiedene Rollen, leben Fantasien aus und verbringen so eine ereignisreiche Nacht, in der sich die beiden eigentlich Fremden so nahekommen wie lange mit keinem anderen mehr.

Lola Randl erzählt dieses virtuose schauspielerische Duett zwischen Fritzi Haberlandt und Mario Adorf zuweilen zwar in einem gewissen Plauderton, garniert es aber mit erfreulich unprüdem Witz und legt ein sehr gut getaktetes Tempo vor. Die ein wenig an eine Versuchsanordnung erinnernde Grundidee erhält durch diese sympathisch vorlaute Tonalität genau jene Eigendynamik, die ein solches Kammerspiel zur Entfaltung braucht. Dritter Hauptdarsteller neben den lustvoll aufspielenden Haberlandt und Adorf ist übrigens das Hotel direkt am Dortmunder U, dessen von den Ausstattern betonter skurriler Prunk perfekt zur überbordenden Fantasie paßt, mit der die Figuren durch die Nacht rauschen. Gerade dank des zuweilen offen Bizarren steht der Erzählton dieser nostalgischen Komödie dann Randls Herr Karpf-Kurzfilmen mit Rainer Egger, der hier einen Gastauftritt hat, doch deutlich näher. 2012-12-03 12:10

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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