— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Zeit im Film

#56 ¦ 04.2009

Mit Beiträgen von Martin Thomson, Andreas Becker, Hans Beller, Enjott Schneider, Ulrich Meurer, Sascha Seiler und einem Gespräch mit Volker Weicker.
John Turturro als Uhrmensch in Box of Moonlight (Tom DiCillo, 1996)

Das Verstummen der Uhr

Von Martin Thomson Seit Aristoteles beschäftigen sich die Menschen mit der Frage, was Zeit eigentlich ist und inwiefern sie sich veränderbar denken läßt. Erst durch die Erfindung des Films sind einige dieser Träume zur Sichtbarkeit gelangt. Eine kurze Einführung in die Kulturgeschichte der Zeitwahrnehmung.

Der im Film dargestellte Verlauf der Zeit ist in keiner Weise an den Verlauf der Zeit im Publikumssaal gebunden. Da das innere Zeitempfinden eines jeden Zuschauers ebenfalls, jedoch in geringerem Umfang, unabhängig von der äußeren physikalischen Zeit ist, läßt sich sagen, daß Film ein adäquates Medium darstellt, um subjektive Zeitwahrnehmung zu vermitteln.
Die äußere physikalische Zeit soll hier einfach als die auf den Armbanduhren des Publikums vergehende Zeit angesehen werden. Daß wiederum die im Film dargestellte Zeit nicht zwangsläufig dieser als universellen Richtmaßstab angesehenen Zeit entsprechen muß, wird bereits daran ersichtlich, daß etwa ein gängigerweise mehrere Jahrzehnte umspannender Lebenslauf in zwei Stunden Laufzeit nachverfolgt werden kann.

Indessen fühlt sich das Publikum vom Ticken der Armbanduhren immer an den unaufhaltsamen Fortlauf der physikalischen Zeit erinnert. Und dennoch: Das innere Zeitempfinden des Zuschauers kann nun dadurch, daß ihn nichts daran hindert, in seiner Vorstellung vergangene Erlebnisse als gegenwärtig zu erinnern, ebenfalls als weitgehend unabhängig von der physikalischen Zeit angesehen werden. Nirgendwo ticken die Uhren unhörbarer als im Kinosaal.

Die mit Erfindung des Kinematographen einsetzende Möglichkeit, Zeit zu verändern, setzt erst einmal voraus, daß sie als veränderbar gedacht werden kann. Aristoteles war der erste, der sich der Frage, was Zeit überhaupt ist, mit der Frage nach ihren Maßstäben näherte. Seine Ausführungen bilden die Grundlage für die gedankliche Präfiguration filmischer Zeit, die später von Étienne Bonnot de Condillac und Karl Ernst von Baer vorgenommen wird.

Zeit als relatives Maß

Für Aristoteles ist Zeit eine Meßzahl der Bewegung. Bei der Bestimmung von Zeit wird eine standardisierte Bewegung als Zeiteinheit angesehen. Diese dient als Richtmaß, das alle Bewegungen und Vorgänge einteilt, deren Dauer messen läßt, aber diese auch skalierbar macht. Damit ist gedanklich bereits der Schritt getan, der die Zeit dehnen, strecken und manipulieren läßt. Denn die Wahl dieser Einheit ist willkürlich. Voneinander abweichende Bewegungen erfordern verschiedene Maße und lassen daher für Aristoteles den Schluß zu, daß es multiple Zeiten geben muß.

Der französische Philosoph Étienne Bonnot de Condillac greift zu Beginn des 18. Jahrhunderts die von Aristoteles ersonnenen Spekulationen auf und ergänzt sie um die beiden Begriffe Raum und Subjekt.
Condillac findet für seine Theorie von den räumlich geschiedenen Dimensionen ein sehr eingängiges Beispiel, indem er feststellt, daß die Wahrnehmung von Dauer zwischen Bewohnern der Welt unserer Größe und den Bewohnern einer haselnußgroßen Welt gleichauf liegen würde, obgleich sich deren Organisation vom Auf- und Untergehen ihrer Gestirne in unterschiedlicher Geschwindigkeit vollziehen würde.

Condillacs Annahme von der Relativität der Zeit stützt sich auf die Feststellung, daß jeder Mensch Zeitpunkte auf eigene, unverwechselbare Weise zählt. Anders als bei Aristoteles ist Zeit für ihn also nicht eine Meßzahl äußerer Bewegung, sondern viel eher ein inneres Vermögen, äußere Bewegung mittels subjektiver Maße zu rhythmisieren.

Der deutsche Embryologe Karl Ernst von Baer geht zu Beginn des 19. Jahrhunderts, genau wie Condillac, von der These aus, daß es keine absolute Zeit, sondern lediglich subjektiv empfundene Zeitwahrnehmungen gibt und benennt dabei erstmals ein konkretes Grundmaß: den Pulsschlag. Aus der Tatsache, daß der Pulsschlag unterschiedlicher Tiergattungen unterschiedlich schnell verläuft, leitet Baer ab, daß jedes Lebewesen für sich genommen in derselben Zeit unterschiedlich viel erlebt. Demnach ist das Verharren, das der Mensch in der Natur ausmacht, nur der Tatsache geschuldet, daß die menschlichen Sinnesorgane ihren Wandel nicht aufzunehmen in der Lage sind.

Baer nimmt in seinen theoretischen Spielereien viel von dem vorweg, was uns spätestens im Genre des Actionfilms wieder begegnen wird. So ersinnt er etwa einen Monate-Mensch, dessen Leben auf den tausendstel Teil unserer Lebensdauer beschränkt wäre, dessen Pulsschlag jedoch 1.000 Mal schneller wäre: »Er würde z.B. einer ihm vorbeifliegenden Flintenkugel, die wir nicht sehen, weil sie zu schnell ihren Ort verändert, um von uns an einer anderen Stelle gesehen zu werden, mit seinen Augen und ihrer raschen Auffassung sehr leicht folgen können.«

Die filmische Zeiterfahrung

Ob in der Montage, wo eine indirekte Raffung und Dehnung von Zeit durch die Abfolge zweier unterscheidbarer Ansichten erfolgt und damit die konstituierende Zeit gemäß ihrer thematischen Nähe vom Zuschauer eigenständig hergestellt wird oder im Zeitlupe/Zeitraffer-Verfahren, wo der Eingriff in die Zeit direkt am Substrat des Dargestellten erfolgt: Die vielfältigen technischen Möglichkeiten, die aus dem zur Jahrhundertwende aufkommenden Kinematographen hervorgehen, organisieren Zeit gemäß abstrakter Parameter und verschaffen damit dem Zuschauer einen Blick auf Wirklichkeiten, wie sie sich ein Aristoteles vor über 2.000 Jahren nur theoretisch erträumen konnte.
2009-10-05 18:12

Info

Martin Thomson hat nach mehreren Jahren praktischer Tätigkeit für unterschiedliche TV-Formate für den »Schnitt« zu schreiben begonnen. Daneben verfasst er auch Drehbücher, dreht Kurzfilme und studiert in seiner Wahlheimat Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft.

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap