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Die dritte Dimension

#59 ¦ 03.2010

Mit Beiträgen von Ray Zone, Gundolf S. Freyermuth, Hinderk M. Emrich, Irene Posch, Hélène Louvart, Daniela Kloock, einer Bildstrecke von Sebastian Denz und Illustrationen von Stefan Mosebach.
Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen (USA 2009. Phil Lord, Chris Miller)

Dreidimensionales Kino aus Sicht der Zuschauer

Empirische Studien zur Rezeption und Akzeptanz

Von Claudia Wegener, Jesko Jockenhövel, Mariann Gibbon Das dreidimensionale Kino erfährt seit gut einem Jahr einen enormen Aufschwung. Zahlreiche 3D-Filme erscheinen auf den Leinwänden der Kinos und werden bislang vom Publikum mit Begeisterung angenommen. Die Erfolge zeigen sich nicht nur in der Anzahl dreidimensionaler Produktionen, sondern auch in den Besucherzahlen. So fanden sich seit Beginn des Jahres 2010 mit Alice im Wunderland, Drachenzähmen leicht gemacht, Kampf der Titanen und Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen allein vier Filme unter den Top-Ten der deutschen Kino-Charts (Stand: 9. Mai 2010), die auch als 3D-Version in den Lichtspielhäusern gezeigt wurden. Zum Kinoereignis der Jahre 2009/2010 avancierte das dreidimensionale Science-Fiction-Abenteuer Avatar – die bislang erfolgreichste Kinoproduktion aller Zeiten. Entsprechend des Angebotes hat sich die Zahl der 3D-Leinwände innerhalb des letzten Jahres um mehr als das Zehnfache vervielfacht. Waren es Anfang 2009 noch 35 Leinwände, wird die Anzahl der 3D-Leinwände gegenwärtig auf ca. 400 geschätzt. Daß solche Filme, die in 2D und in 3D auf den Leinwänden zu sehen sind, ca. 70 Prozent ihres Umsatzes aus den 3D-Vorführungen erwirtschaften, bestätigt das gegenwärtige Interesse des Publikums am dreidimensionalen Film. Daß der dreidimensionale Effekt dem Kino insgesamt zum Aufschwung verhilft, läßt sich aus der Entwicklung des Kinomarktes 2009 schließen. So stiegen die Besucherzahlen im Jahr 2009 um 13,1 Prozent an, daneben verbuchten die Kinos ein Umsatzplus von 22,8 Prozent, was auch auf die höheren Eintrittspreise für 3D-Filme zurückzuführen ist (vgl. ffa 2010).

Die Veränderungen, die der Kinobesucher durch die dreidimensionalen Angebote erfährt, liegen zunächst einmal in der Möglichkeit des räumlichen Sehens. Beim Betrachter kann der Eindruck entstehen, das Geschehen eines Filmes spiele sich tatsächlich vor oder hinter der eigentlichen Leinwand ab. Möglich wird dies, indem der Film mit zwei Kameras aufgenommen wird, die mit unterschiedlichem Abstand zum Drehort platziert sind. Auf diese Weise wird die Aufnahme dem natürlichen räumlichen Sehen angepaßt, das – bedingt durch den Abstand der Augen – aus der Wahrnehmung eines Gegenstandes aus zwei unterschiedlichen Perspektiven resultiert. Das menschliche Gehirn setzt die beiden Bilder dann wieder zu einem Bild zusammen. An eben diesen Prozeß lehnt sich das Prinzip des 3D-Films an. Die von zwei verschiedenen Kameras aufgenommen Bilder werden anschließend gleichzeitig an eine Leinwand projiziert, mit Hilfe einer speziellen Brille kann der Zuschauer diese Darstellung entschlüsseln. Mit ihrer Hilfe sieht das linke Auge des Betrachters nur die Bilder, die für das linke Auge bestimmt sind, und das rechte Auge nur die Bilder, die für das rechte Auge bestimmt sind. Wie beim natürlichen Sehen auch fügt das menschliche Gehirn beide Bilder wieder zu einem zusammen. Es entsteht der Eindruck des räumlichen Sehens. In welcher Weise sich dieser Effekt auf das Filmerleben auswirkt ist eine Frage, die bislang allerdings unbeantwortet blieb.

Studie und Methode

Die Akzeptanz dreidimensionaler Filme über die Besucherzahlen hinausgehend sowie die subjektive Form des Filmerlebens stehen im Mittelpunkt empirischer Studien, die derzeit an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg durchgeführt werden. Mittels qualitativer und quantitativer Analysen nimmt das Projekt triangulativ die Rezipienten in den Blick und fragt nach deren Bedürfnissen, Erfahrungen und Erwartungen mit bzw. an dreidimensionales Kino. Die einzelnen Teilstudien bauen sukzessiv aufeinander auf. Zunächst wurden im März 2009 mittels einer standardisierten Befragung insgesamt 1002 in Deutschland lebende Personen im Alter zwischen 14 und 64 Jahren telefonisch befragt. Dabei ging es um Erfahrungen mit 3D-Medien, insbesondere dreidimensionalen Kinofilmen, dem grundsätzlichen Interesse an der dreidimensionalen Darstellung medialer Inhalte sowie Präferenzen spezifischer Formate und Genres in dreidimensionaler Aufbereitung. Die so gewonnenen Daten zeigen die Ausgangslage, auf die die Renaissance des 3D-Kinos Anfang des letzten Jahres in der Bevölkerung stieß (vgl. Wegener/ Jockenhövel 2009). Ein Jahr später wurden 37 Interviews mit Personen im Alter zwischen 12 und 62 Jahren geführt, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere 3D-Filme der »neuen Ära« gesehen hatten. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung standen damit Zuschauer, die der neuen Technologie aufgeschlossen gegenüber traten und beständiges Interesse am dreidimensionalen Kino entwickelten.

Das Ziel beider Studien ist es, den Erwartungen des Publikums nachzugehen und zu fragen, woraus sich der besondere Mehrwert des dreidimensionalen Kinos für sein Publikum ergibt. Daraus ableitend lassen sich nicht nur Prognosen für den Markt erstellen, sondern filmstilistisch auch solche Merkmale nachzeichnen, die das dreidimensionale Filmerleben für den Zuschauer maßgeblich bestimmen. So ist davon auszugehen, daß sich die Zukunft des 3D-Kinos nicht allein aus der Möglichkeit des Effektes ergibt, sondern vor allem aus einem qualitativen Mehrwert, der maßgeblich auf der dramaturgischen Einbindung dreidimensionaler Effekte beruht. Die folgenden Ausführungen geben auszugsweise einen Einblick in die Ergebnisse der Teilstudien.

Erwartungen und Akzeptanz

Die Ergebnisse der Befragung im Jahr 2009 machen deutlich, daß das 3D-Prinzip bei den Befragten bereits zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich bekannt war. Fast die Hälfte der Befragungsteilnehmer hatte schon einmal einen Film in dreidimensionaler Darstellung gesehen. Dies geschah mehrheitlich in einem Kino und damit im traditionellen Raum der 3D-Darstellung. Präferenzen zeigten sich mit Blick auf unterschiedliche Formate. So konnte sich das Publikum vor allem Dokumentationen und Reportagen gut in dreidimensionaler Aufbereitung vorstellen, aber auch Spielfilme und Serien eigneten sich nach Meinung der Befragten für den 3D-Effekt. Bei den fiktionalen Formaten waren es vor allem Science-Fiction- und Animationsfilme, die sich aus Sicht des Publikums für eine Aufbereitung in 3D anboten. Damit wurden 2009 Präferenzen geäußert, die in den weiteren Monaten massiv durch die Produzenten bedient werden sollten. Übliche Filmpräferenzen verschiedener Zielgruppen werden durch den 3D-Effekt nicht neu definiert, dennoch können beliebte Formate und Genres für die Zuschauer interessanter und erlebnisreicher werden, da der 3D-Effekt dem Publikum nach eigenen Aussagen stärker das Gefühl vermittelt, Teilnehmer des mediatisierten Geschehens zu sein.

Deutlich wird angesichts der Befragungsergebnisse, daß vor allem die jüngeren Zuschauer im Alter zwischen 14 und 29 Jahren besonders 3D-affin sind. Sie bekundeten großes Interesse an den neuen Darstellungsmöglichkeiten, fühlten sich durch eine 3D-Brille weniger beeinträchtigt als ältere Zuschauer und gingen deutlich seltener davon aus, ihnen könne angesichts des 3D-Effekts übel oder körperlich unwohl werden. Zudem waren sie eher bereit, höhere Kosten für das 3D-Erlebnis aufzuwenden. Daß der 3D-Effekt dem Betrachter stärker das Gefühl vermittelt, tatsächlich dabei zu sein und sich als Teil des mediatisierten Geschehens zu empfinden, davon gingen jüngere Befragte überdurchschnittlich häufig aus. Zu Beginn der neuen 3D-Ära waren es damit vor allem Teenager und junge Erwachsene, die sich als Zielgruppe für das dreidimensionale Kino anboten.

Filmerleben in 3D

Die Interviews mit 3D-affinen Kinogängern bestätigen zunächst die Ergebnisse der repräsentativen Studie. Ihre Aussagen machen deutlich, daß der 3D-Effekt tatsächlich zu einem subjektiv intensiveren Filmerleben führt: Die Zuschauer werden nach eigenen Aussagen stärker in das Geschehen »hineingezogen« und vergessen eher, daß es sich um medial vermitteltes und nicht um tatsächlich erlebtes Geschehen handelt. Auch das Erleben der räumlichen Präsenz wird auf diese Weise intensiviert. Der Eindruck, daß das Geschehen auf der Leinwand lediglich medienvermittelt ist, schwindet. »Man ist nicht mehr so der Beobachter. Man merkt diese Distanz nicht mehr so stark wie bei einer 2D-Vorführung«, so äußert sich ein Interviewteilnehmer. Die Schilderungen der Zuschauer knüpfen an medientheoretische Konzepte an, wie sie unter den Begriffen Immersion und Präsenz konzipiert sind. Während immersive Prozesse mit den Erfahrungen des »Sich-hineinziehen-Lassens« verbunden sind (vgl. Curtis/ Voss 2008) ist das Konzept der Präsenz weiter gefaßt. Lombard und Ditton (1997) beschreiben Präsenz in ihren für das Konzept grundlegenden Ausführungen als eine medienvermittelte Erfahrung, die wirkt als sei sie nicht medienvermittelt. Der Terminus der Non-Mediation ist für das Konzept konstitutiv. Eben diese Erfahrung der Non-Mediation ist es vor allem, welche die Zuschauer mit dem 3D-Erleben in Verbindung bringen. Dabei sind es unterschiedliche Formen des Präsenzerlebens, die zu diesem Eindruck führen. Eine besondere Rolle spielt der wahrgenommene perzeptive Realismus (vgl. Lombard/Ditton 1997). Dem Zuschauer scheint es, als würden die Objekte und Menschen im Film aussehen und klingen, als existierten sie tatsächlich. Ferner verstärkt die Raumtiefe der Darstellung das Gefühl, an der Handlung teilzunehmen und intensiviert die wahrgenommene Dynamik. Durch die Unmittelbarkeit der dargestellten Bewegungen fühlt sich der Betrachter dann in besonderer Weise in die Handlung eingebunden. Die Bewegung durch den Raum, die an die phantom-rides des frühen Kinos anschließt und mit der movie-ride-Ästhetik der Blockbuster korreliert (vgl. Curtis/Voss 2008), wird durch den 3D-Effekt verstärkt. Damit einher geht für den Betrachter das Gefühl, das Mediengeschehen so unmittelbar mitzuerleben, als sei er selbst körperlich im Film anwesend.

In eine umgekehrte Richtung zielen solche Effekte, die aus dem Film heraustreten und den Zuschauer unmittelbar in seiner räumlichen Umgebung vor der Leinwand adressieren. Auch durch die Bespielung des Raumes vor der Leinwand werden die Zuschauer physisch in die Handlung eingebunden, indem sie den Eindruck gewinnen, Objekte würden unmittelbar auf sie zukommen. Wie die Gespräche mit Kinobesuchern zeigen, ist die Akzeptanz heraustretender Effekte aber wesentlich vom Kontext der Darstellung abhängig. Der Effekt muß aus Sicht des Publikums inhaltlich motiviert sein und darf nicht allein auf den Schreck abzielen. Darüber hinaus ist die Beurteilung dieser Effekte eine Frage der antizipierten Wirkung. So möchten einige Zuschauer lediglich in einer Weise leiblich adressiert werden, wie sie es auch in der Realität als angenehm empfinden würden. Andere Zuschauer sehen heraustretende Effekte als wesentliches Moment des Films und empfinden das Spannungserleben durch die unmittelbar leibliche Adressierung intensiver. Die spezifische Verwendung des Effektes in unterschiedlichen Genres ist ein Aspekt, der von Zuschauern entsprechend unterschiedlich beurteilt wird.

Insgesamt zeigen die bislang vorliegenden Auswertungen, daß die Dreidimensionalität der Darstellung auf eine sehr differenzierte Art und Weise dazu beitragen kann, das Filmerleben der Zuschauer zu intensivieren. Ob und in welcher Weise dies geschieht, ist von der Qualität der Umsetzung abhängig, die mit dem perzeptiven Realismus korreliert, von der dramaturgischen Einbindung des Effektes sowie den je spezifischen Erwartungen und Voraussetzungen, mit denen sich die Zuschauer den Filmen zuwenden. 2010-08-16 10:05

Weitere Autoren

Info

Claudia Wegener, Jesko Jockenhövel und Mariann Gibbon führen im Rahmen des vom Ministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) geförderten Forschungsprojektes »PRIME – Rezeption und Akzeptanz von 3D« an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg empirische Studien zur Rezeption von 3D-Inhalten durch.
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