— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Christoph Schlingensief

#61 ¦ 01.2011

Mit Beiträgen von Henning Nass, Sibylle Dahrendorf, Dietrich Kuhlbrodt, Anna-Catharina Gebbers, Voxi Bärenklau, Christian Fürst, Philip Hauss, einer Bildstrecke von Meika Dresenkamp und Heta Multanen und Illustrationen von Verena Gillmeier.
»Bitte liebt Österreich! Erste Europäische Koalitionswoche« auf dem Platz an der Wiener Oper, Juni 2000 (© David Baltzer/bildbuehne.de)

Schlingensief unter Verdacht

Kuhlbrodt hakt nach

Von Dietrich Kuhlbrodt Ausländer im Container, Kunstfeinde im Theater, Titten in Afrika. Dietrich Kuhlbrodt sammelt Aktionen und Attraktionen, Strategien und Verführungen.

Im Frühjahr 2001 saß ich im Foyer der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, um die Diskussion über die Theaterfestivalaufführung von Schlingensiefs »Hamlet« zu leiten. Es ging um die Doppelfrage: Waren die Naziskins auf der Bühne echt? Und wenn ja: War dann der angebliche Aussteigerwille echt? – Gewißheit war nicht zu erlangen. Der Verdacht blieb. Verdacht ist nicht nur Medium (Boris Groys), sondern Macht (Aki Ross), und Schlingensiefs Attraktion und Verführung ist, daß er mir in seinen finalen Fantasien verdächtig bleibt.

Ein Jahr zuvor hatte ich versucht, mir über meine Rolle bei der Wiener Container-Aktion (»Ausländer raus!«) Gewißheit zu verschaffen. Schlingensief mailte mir Antworten auf meine Fragen.

1.
Du hast mir gesagt, Du hättest gern, dass ich am Pfingstsonntag beim Start Deiner Wiener Aktion eine Rede im Haider-Sound hielte. Worum geht’s?


Es geht um die unglaubliche Möglichkeit, das Unmögliche bis an den Rand des Möglichen durchzuspielen. Schluß mit Spekulation, Schluß mit Erwartung, Schluß mit dieser beschissenen Distanzierung durch Skepsis. Nein, ganz im Gegenteil. Haider widerlegen geht nicht. Haider durchspielen geht. Und zwar bis an die Kante. Jede Forschungsstätte kämpft für die Erhaltung ihrer Testlabors. Nur die Kunst begnügt sich mit Abstraktion. Da kommt dann gar nichts mehr bei raus. Entweder winselt der kleine Yorkshireterrier bei Lancôme, wenn man ihm Lippenstift ins Auge schmiert oder nicht. Ein Bild mit Hund und daneben ein anderes mit einem Lippenstift bringt gar nichts. Man muß beide Seiten schon aufeinandersetzen. Das ist Sex. Haiders Vorschläge zur Lösung von »Überfremdungs-Problemen« können nicht abstrakt widerlegt werden. Das muß ganz praktisch mal durchgespielt werden und zwar für ganz Europa.

Ein Container mitten in Wien, mitten im europäischen Filmdorf für faschistische Filmprojekte. Zwölf Asylbewerber, Flüchtlinge, Gefährdete im Container. Sieben Tage lang. Und der gemeine Österreicher kann jeden Tag per Internet und Ted-Telefon zwei von ihnen rauswählen und aus dem Land schmeißen. Am Abend werden die Abgeschobenen im Gitterauto weggefahren und abgeschoben. Mit allen Konsequenzen. Das ist Realpolitik im Haiderschen Sinne. Also so eine Art populistische Selbstvernichtung. Das, was Österreich im Moment als Hauptdarsteller so interessant macht. Österreich ist ein Yorkshireterrier und wir (?) sind der Lippenstift.

Ab sofort wird nur noch getestet. Arbeitstitel momentan:

»TÖTET EUROPA – Erste österreichische Konzentrationswoche«.

Und alle weiteren Informationen findet man – vorausgesetzt, die Adresse wird genehmigt – demnächst unter: www.auslaender-raus.at

2.
Die Wiener Behörden sind ganz dafür?


Natürlich mit umgekehrtem Düsenantrieb. Je mehr sie sich für das Projekt entscheiden, desto mehr arbeiten sie dagegen. Und umgekehrt. Das ist das wirklich Neue an dieser neuen Form von Kunst. Man muß sie nicht mehr deuten, sondern sie widerlegt sich selbst.

Sozusagen Konträrfarben. Subtraktiv. Je mehr kommt, desto weniger Farbe bleibt übrig. Das Rechte und Linke in einem Vorgang. Jetzt entsteht ein Vakuum und Wien implodiert. Ja, ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß Europa implodiert. Und die Wiener Behörden sind schuld.

3.
Wer liefert Dir die Ausländer? Oder sind es Darsteller?


Nein, natürlich keine Darsteller! Wie schon gesagt. Es bedarf einer Härte, die diese Schwätzer zu verantworten haben. Die Fluchtwege sind versiegelt oder landen im eigenen Körper. Wir arbeiten mit Schleppern zusammen, die diese Leute auf die Gefahr hinweisen und ihnen Geld bieten. Pro Tag kann jeder von Ihnen 500 DM verdienen.

Wird er rausgewählt, ist seine Einnahmequelle geschlossen. Österreich braucht beschmutzte Bilder. Europa freut sich über Bilder, die Österreich schlecht machen. Wir liefern diese Bilder.

4.
Was passiert mit den Ausländern, auch wenn sie momentan nicht abgeschoben oder ausgewiesen werden?


?

5.
Was ist mit der Sippe? Sippenhaft?


?

6.
Welche Behörde/welches Amt setzt die Passanten-Entscheidung (Abschiebung/Ausweisung) um?


Das läuft illegal. Wir versuchen, jeden Asylbewerber soweit zu schützen, daß wir seine Identität verschleiern und den Kontakt zu ihnen unterbinden. Im Internet kann man die Originallebensläufe dieser Leute lesen. Die Fotos sind manipuliert. Derjenige, der abgeschoben wird, wird mit einem ausgeklügelten System abtauchen können.

7.
Willst Du beweisen, dass RTL die direkte Demokratie eingeführt hat?


Warum sollte ich mich auf so einen unwichtigen Beweis einlassen? Die angebliche Transparenz dieser Show hat allerhöchstens klargemacht, daß Transparenz der Tod von Authentizität ist. Jede Partei, die von Transparenz spricht, ist unauthentisch und somit nur noch Konserve. CHANCE 2000 hat Maßstäbe gesetzt. Leider kommt keiner außer Rainald Goetz auf die Idee, darauf hinzuweisen. Die Meßlatte für politisches Theater ist sehr hoch. Da fallen so Veranstaltungen wie Schaubühne oder Peymann oder neuerdings auch die Unterhaltungsfabrik Volksbühne reihenweise durch.

Theater hat immer nur die nächste Premiere vor Augen. Da gibt es kein Gedächtnis. Und genau deshalb werde ich mich ab sofort nicht mehr als Erfinder der CHANCE-IDEE verleugnen. Wir waren nie pädagogisch. Das war unser Vorteil, und deshalb wurde uns daraus oftmals ein Strick gedreht. Aber wie man sieht ohne Erfolg. »Big Brother« ist die billige Imitation unseres Theaterhotels: HOTEL PRORA im Prater der Volksbühne in Berlin. Auch das haben wir schon durchgespielt. Wie schon gesagt: Die Meßlatte hängen wir.

8.
Bist Du Populist?


Aber natürlich, im umgekehrten Sinne. Über 90% der Bevölkerung kennt mich nicht oder findet mich scheiße.

Das ist mein Kapital. Wäre es andersrum, hätte ich verloren.

Nichts ist schöner als Unbekanntes oder Berechenbares.

Beides kann tödlich sein.

9.
Haiders Sprache/Haiders Sound benutzen: Wer ist Deine Zielgruppe? Gegner? Sympathisanten?


Alle und somit Unterhaltung im höchsten Sinne. Unterhaltung aller mit sich selbst. Wer da anfängt zu sprechen, ist Autor und Verleger und Zuhörer zugleich. Wo gibt es das schon? Nur Sympathisanten sind gefährlich. Die kleben einfach nur dran. Genauso wie die Widerstandsbewegung in Österreich. Billige Oberflächenmaskerade. Viel interessanter sind die kleinen Privatunterhalter, die bereits ins Umfeld von Schüssel und Haider vorgedrungen sind und nicht nur vor der Türe rumbrüllen. Nein, diese Privatunterhalter sind mittendrin und ein Fiasko wie in Enschede ist auch in Wien nicht mehr auszuschließen.

Haider und Schüssel befinden sich bereits seit sechs Wochen in Lebensgefahr. Keiner sollte sie umbringen, aber sie sollten wissen, daß sie extrem gefährdet sind, sich selber zu töten. Und diese Privatunterhalter, die sich jetzt hier bei uns melden, sind wirklich interessant. Das ist eine neue Form von Terrorismus. Viel besser als dieser Weltterrorismus ohne Selbsteinschätzung.

10.
Zwischen Hotel Sacher und Oper: Warum gehst Du nicht gleich auf die Bühne, es sind doch gerade die Festwochen in Wien, Du Hättest den Schutzraum »Kunst«.


Schutzräume sind überall. Da muß man nicht den dümmsten aller Schutzräume wählen. Wir wollen direkt in den Sumpf. Da wo Ausländer und Österreichische FPÖler zusammen leben. Sacher und Oper sind Schutzräume für gelangweilte Kriegsveteranen. Die Freiheit der Kunst zu definieren, ist sicher das Wichtigste, was unsere Aktion in Graz und jetzt in Wien leisten kann.

Das ist wirklich interessant, wie sich FPÖler da ihr kleines Museum vorstellen. Malen nach Zahlen.

11.
Machst Du es mit deiner Strategie nicht den Haider-Freunden zu leicht, die gerade eine Pressekampagne entfesselt haben (Kronenzeitung)? ist da nicht was dran, an der unzulässigen Verquickung von Politik und Kunst? Schliesslich wurde Dir auch von Top-Intellektuellen wie vom Ohrt in der »Beute« vorgeworfen, den Ausverkauf von Kunst zu betreiben.


Was soll das sein: Ausverkauf der Kunst. Wenn er damit die Menschheit meint, habe ich keine Probleme, wenn er aber die Erfindung der Kunst meint und somit das Monopol der Erfinder stützen will, gehört er genauso wie die BEUTE zu den Vorgestrigen. Die BEUTE hat ihre Absichten dermaßen verraten und ausgelutscht, daß sie Henryk M. Broder das Heft überlassen sollte. Das wäre sicher spannender.

Ich sehe keine Trennung mehr zwischen Kunst und Politik, Politik und Leben, Leben und Kunst.

Das gehört ab sofort alles zusammen.

Das transformiert sich von selbst. Und wer das behindert oder auf irgendwelche Schutzzonen und Monopoleinrichtungen verweist, ist verloren. Den Haider-Leuten macht man es nur dann leicht, wenn man sie vor sich betrachtet. Haider ist aber viel interessanter, wenn man sich in ihn hineinbewegt und wenn man ihn in sich entdeckt.

Fantasie dazu steht übrigens nicht mehr vor uns, sondern Fantasie ist der Bezugspunkt nach hinten.

Wir reden von Fantasie und meinen eigentlich nur die unendlichen Möglichkeiten in uns, die wir im Guten wie im Schlechten ungenutzt zurückgelassen haben.

Fantasie ist Vergangenheit. Darum sollte man sie nutzen, um zu wissen, was Haider meint, und warum das letztenendes so tödlich ist.

12.
Ich nehm’ mal an, es geht Dir gar nicht um den realen Container mit den realen Menschen drin, sondern um das Medienspektakel. Und das hat ja in der Österreichischen Presse schon eingesetzt.


Kein Interesse an dieser Frage. Die besten Projektionsflächen sind die, hinter denen Entscheidungen getroffen werden. Ob das nun oberflächlich spektakuliert ist oder nicht, ist ganz egal. Bei der Papstwahl ist egal, wer vor der Mauer der Sixtinischen Kapelle irgendwas zu glauben sieht. Wahrheit findet im Verborgenen statt. Deshalb ist unsere Aktion eine Projektionsfläche der unendlichen Möglichkeiten. Und genau das wäre die erste Weltausstellung der Freiheit. Wir starren auf die Unfreiheit anderer und sind die Ersten, die ausgewiesen werden. Das wäre sicher am interessantesten.


Platz und Ort

Der Mainstream hat sein Ziel verloren. Die Challenger zuckt am Horizont herum. Ein Superrezeptionserlebnis. Christoph Schlingensief stellt es auf der Bühne nach. Raumfahrtpatrouille Schlingensief in der Volksbühne zu Berlin. Den Kommentar zu den historischen TV-Aufnahmen übernimmt Mario, der charismatische Behinderte aus Graz. Die Elefantenmaske über dem Kopf trötet er dazu. Es macht ihm Spaß. Und alle freuen sich.

Auch die ravende Masse braucht weder Theorie noch Vermittler. Weder Verwaltungsdirektoren, noch Medienpädagogen, noch Sextherapeuten. »Arschloch!«, rief Schlingensief von der Bühne runter. Das war jetzt das Theater am Schiffbauerdamm. Dann sprang er ins Publikum, packte einen widerstrebenden Herrn. Verwaltungsdirektoren machen die Kultur kaputt! Es kam zu einem Kampf. Schlingensief siegte. Der Kunstvermittler war aus seinem eigenen Theater geworfen. Keiner half ihm. Bedripste Studenten klärten mich hinterher auf, wer das »Arschloch« war: Professor Nickel, führender Theaterpädagoge an der Hochschule der Künste zu Berlin.

Als angeblicher Administrator beschimpft, als Kunstfeind falsch beschuldigt, körperlich angegangen, besudelt und entehrt, des öffentlichen Raums verwiesen, erweckte er im Publikum Schadenfreude, Lustgefühle – und Mitleid. Körperliche Gewalt sei kein Mittel argumentativer Auseinandersetzung, erschall es aus den Logen rechts. – Doch wie falsch war der Einwand! Ging es doch um den Körperkontakt. Infolgedessen schlich der geschlagene und entehrte Professor nach angemessenem Chillout wieder in die hitzige Vorstellung hinein, setzte sich gesittet auf seinen Platz, schlug die Knie übereinander und war ganz Auge und Ohr. – Einverstanden mit dieser Nummer.

Den öffentlichen Platz finden und ihn in Beschlag nehmen. Ihn behaupten. Egal wo. Ob die Bergspitzen für den Geschlechtsverkehr, ob der Blaumeisenraum im Erlebnismuseum, ob die Innenstadt von Hannover zur Chaoszeit, ob die Gedenkbühne im Brecht-Theater, ob die Inline-Skater in der Einkaufsmeile, die Russendeutschen am Allermöher Badesee, die Clique vor McDonald’s, gar das selbstbestimmte Projekt im Medienzentrum. Das zu behaupten, ist die Strategie. »Wir bleiben hier!« Schlingensiefs Schlachtruf in der Volksbühne. Motorik: Einmal quer über die Bühne. Und zurück. Skandieren: Die – Schlacht – um – Europa.

Diese Strategie macht Schluß mit der regressiven Identitätssuche der 1970er Jahre. In den 1990er Jahren rief’s dir zu: Selbstfindung adé. Heraus auf die Straße! Schluß mit dem Terror der Linearität und Intimität. – Richard Sennett hatte sein Buch »Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Der Terror der Intimität« bereits Mitte der 1970er Jahre geschrieben. 1983 wurde es ins Deutsche übersetzt. Auf dem Forum sich zu behaupten. Parlare, gesticolare. Volta. Volta. Die Drehung auf dem öffentlichen Platz. Und wieder zurück.

Dreimal am Tag schritt Kitten Natividad, Ex-Russ-Meyer-Heroine (Beneath the Valley of the Ultravixens [Im tiefen Tal der Superhexen], 1979), frohgemut auf den kleinen Platz mitten im Negerkral (in Simbabwe leben Neger, und sie sind stolz darauf. Die große Staatsausstellung präsentiert »Negroes’ Art«). Dort steht der einzige Wasserhahn. Drumherum drängen sich die Kleinen. Dahinter Männer, Pubertierende vorneweg; ganz dahinter, Sichtlücken nutzend, Frauen. Das Ritual geht so: Kitten holt zunächst die linke Mega-Brust aus ihrem Minihänger und hält sie unter den Wasserstrahl. Es spritzt und funkelt unter der Sonne. Sorgfältig und mit viel Zeitaufwand wird das riesengroße Ding gewaschen. Die Titte hat ein eigenes, sehr organisches Leben. Sie will in alle Richtungen sich entwinden. Sie gebärdet sich als eigenständiges Wesen: als ungebärdiges Haustier, das seine Freiheit sucht. Sie ist wirklich was zum Behaltenwollen, falls die Flucht glücken sollte. Die schwarzen Mädels und Jungs bewegen die Hände, um sofort zupacken zu können. Kitten, ein kumpelhafter Typ, total sympathisch, schenkt jedem ein munteres Lächeln. Nach getaner Arbeit kommt der zweite Apparat dran. Wieder spritzt es. Dann muß die Erfrischung reichen für die nächsten Stunden Dreharbeit (United Trash, 1996).

Auf dem öffentlichen Platz trifft man auch seinen Feind. Den Theaterkritiker der Frankfurter Rundschau. Schlingensief entdeckt ihn im Parkett. Er macht ihn an. Er hält ihm das Mikrofon vor den Mund. Und baut die feinsinnig-zickige Antwort: »Hier ist nicht der Platz noch der Ort« ins Schlacht-um-Europa-Spiel ein. Hohngelächter des Publikums. In der Volksbühne war der Platz und der Ort, Ende der 1990er Jahre. 2011-01-13 09:01

Info

Dietrich Kuhlbrodt, 78, schreibt seit 50 Jahren Filmkritiken, verfolgte als Staatsanwalt Nazis und spielte Nazis in Filmen von Schlingensief. Darsteller auf der Bühne. Autor (Das Kuhlbrodtbuch, Nazis immer besser).

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap