— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Zombiefilm

#67 ¦ 03.2012

Mit Beiträgen von Jamie Russell, Florian Krautkrämer, Michael Fürst, Christian Hoffstadt, Eleonóra Szemerey, Ingo Strecker, Tobias Haupts, Nils Bothmann, Marcus Stiglegger, Carsten Tritt, Annekatrin Bock, einer Bildstrecke von Matthias Conrady und Illustrationen von Ruben A. Fischer.
Die Zivilisation macht Schlußverkauf: Zombies im Kaufhaus in George A. Romeros Dawn of the Dead (1978)

Manchmal kommen sie wieder

Der Zombie als neues Phänomen der Popkultur

Von Jamie Russell Was ist ein Zombie und wenn ja, wie viele? Zur Einführung in unseren Thementeil beschäftigt sich Zombie-Experte Jamie Russell mit dem Phänomen der lebenden Toten, ihrer Geschichte in den Medien und seiner eigenen Faszination für sie.

Seit den 1930er Jahren wankten Zombies immer wieder über die Kinoleinwände, doch nie waren sie so populär wie heute. Was steckt hinter dem derzeitigen Wiederaufleben der Untoten?

Man schaue sich nur um: Die lebenden Toten sind überall.

In den letzten zehn Jahren sind Zombies vom dunklen Geheimnis des Horrorkinos zu einem Phänomen der Popkultur mutiert. Sie sind die ultimativen transmedialen Monster, Flüchtlinge vor dem Totengräber, sie erfassen unsere Herzen, unsere Fantasie und unsere Ängste in allen Medien vom Film bis zum Videospiel.

Nächstes Jahr wird Brad Pitt im Blockbuster World War Z (Marc Forster) gegen Zombies kämpfen. Inzwischen hat sich »The Walking Dead« von einem Comic-Geheimtip zu einer Erfolgsserie in den USA verwandelt. Das Videospiel »Plants vs. Zombies« brach den Rekord als meistverkauftes iPhone-Spiel. Romane wie »Pride & Prejudice & Zombies« sind Bestseller… Selbst Intellektuelle schreiben Aufsätze in der »New York Times«, in denen sie fleischfressende Zombies als Metaphern unserer Zeit deuten: »Warum sich das moderne Leben irgendwie untot anfühlt.«

Warum diese anhaltende Faszination der Zombies? Warum lieben wir es, lebende und laufende Leichen zu sehen? Seit die Untoten jede Ecke der Popkultur besetzt haben, sucht jeder nach einer Antwort auf diese Frage.

Mein Buch über die lebenden Toten »Book of the Dead. The Complete History of Zombie Cinema« kam 2005 heraus, als das Zombiephänomen gerade den Mainstream erreichte. Als ich in den Jahren davor Recherche betrieb und gefragt wurde, woran ich arbeitete, erzählte ich von laufenden Leichen aus George A. Romeros Filmen und von der Notwendigkeit, ihnen in den Kopf zu schießen. Es gab zwei mögliche Reaktionen darauf: Entweder lachte man mich aus oder man kratzte sich am Kopf. »Zombies sind albern «, wurde mir gesagt. »Keiner interessiert sich für Zombies.«

Nun, ich interessierte mich für Zombies. Als Jugendlicher hatte ich eine Dokumentation über Romero im Fernsehen gesehen, den Vater des modernen Zombiefilms. In Ausschnitten aus seinem Film Dawn of the Dead (Zombie) aus dem Jahr 1978 sah ich die menschlichen Monster durch ein apokalyptisches Amerika wanken. Ich sah, wie die Rotorblätter eines Helikopters Untote köpften, ich sah Zombies, die den Menschen das Fleisch von den Knochen rissen und ich sah ein Einkaufszentrum, in dem das Motto »Einkaufen bis zum Umfallen« wahr geworden war. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob es brüllend komisch oder erschreckend war.

Ich liebte diese Atmosphäre des totalen gesellschaftlichen Kollapses, des apokalyptischen Endes der Welt, wenn die Toten aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu verspeisen. Das schiere Ausmaß der Geschichte faszinierte mich. Das hier war keine Geschichte über einen einsamen Vampir oder die Probleme eines Werwolfs, über ein Geisterhaus oder eine Teufelsaustreibung. Es war ein Grauen, das die ganze Welt erfaßt hatte. Nirgends war man sicher. Wohin man auch flüchtete, die Zombies waren bereits da. Sie waren so unausweichlich wie der Tod selbst.

In dieser Nacht träumte ich von Zombies: Ich wurde von einer Horde lebender Toter gejagt und versuchte zu überleben, während mir buchstäblich der Tod im Nacken saß. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schwor ich mir, mir jeden Zombiefilm anzuschauen, den ich nur auftreiben konnte, um herauszufinden, warum ich so verängstigt und so besessen von diesen Kreaturen war.

Jahre später führte meine Obsession zu besagtem Buch, einer illustrierten Geschichte der Zombies in der westlichen Popkultur von den 1930er Jahren bis heute. Obwohl mir alle prophezeit hatten, daß niemand sich für Zombies interessieren würde, wurde das Buch ein Erfolg. Es brauchte vier Auflagen, bis der Verlag FAB Press die Nachfrage gestillt hatte. Ohne jedes Marketing – ich gab ein einziges Online- Interview, und wir verschickten eine Ankündigung an die wenigen Stammkunden des Verlags – erhielt das Buch großartige Kritiken und verkaufte sich sowohl in Europa als auch in Amerika sehr gut. Anscheinend war ich nicht der einzige, der fasziniert war von den lebenden Toten.

Was war kurz nach der Jahrtausendwende bloß geschehen, das die lebenden Toten wiederauferstehen ließ? Darauf gibt es viele Antworten. Teilweise hatte es mit den zyklischen Trends im Horrorgenre zu tun: Körperhorror wird von Vampiren abgelöst, diese von Serienmördern, dann Geisterfilme und dann wieder Körperhorror – und immer so weiter. Zombies waren schon häufiger in Mode gekommen und wieder passé gewesen. Sie waren in den 1930ern ebenso populär wie in den 1970ern und 1980ern. In den 1990ern dagegen schienen sie vergessen. Im neuen Jahrtausend kamen sie dann erneut auf – größer, stärker und noch unaufhaltsamer als je zuvor.

Videospiele wie die »Resident Evil«- Reihe, die eine neue Generation begeisterter Gamer an die klassischen Zombies heranführte, spielten dabei sicher eine große Rolle. Auch die Verfilmungen mit Milla Jovovich und einem Haufen abgerissener Monster taten das ihrige. Kurz darauf folgten 28 Days Later (Danny Boyle, 2002) und eine Reihe neuer Zombiefilme inklusive des Dawn of the Dead-Remakes von 2004 (Zack Snyder). Auch die Technologie hatte ihre Auswirkungen: Durch die DVD kamen viele bereits vergessene Filme wieder auf die Bildschirme, und das Internet erleichterte die Suche nach obskuren italienischen Zombiefilmen aus den 1970ern doch deutlich. Kleinverlage warfen zudem Zombiecomics und -romane auf den Markt.

Aber das war nicht alles: Die Zeit der Zombies war eben gekommen.

In den Jahrzehnten nach den 1930ern, als die Europäer dem Zombiemythos erstmals in der Karibik begegnet waren, erwiesen sich die Untoten stets als äußerst anpassungsfähig. Sie sind die Universalmonster, die jede Dekade zu einem anderen Nutzen hinbiegen kann.

Nicht alle Horrorgestalten sind so anpassungsfähig. Dracula, Frankensteins Monster, Dr. Jekyll und Mr. Hyde und selbst der Werwolf können stolz ihre Ahnenschaft vorzeigen, die bis zur Schauerliteratur, zu den europäischen Märchen und altertümlichen Legenden zurückreicht. Gleichzeitig sind ihre Geschichten starr und unveränderlich: »Frankenstein« erzählt die Geschichte einer Geburt und ist eine Parabel auf die Hybris des Menschen, der Gott spielen will. In »Dracula« geht es um die sexuelle Verführung und um die Angst vor ausländischen Einwanderern im viktorianischen England (oder – wenn man Stephanie Meyer heißt – um grüblerische Vorstadt-Teenager in den USA, die schwarz tragen und es einfach nicht hinkriegen, Sex zu haben). »Dr. Jekyll und Mr. Hyde« handelt von Schizophrenie. Beim »Werwolf« geht es schließlich um das Tier, das unter der hauchdünnen Schicht unserer Zivilisiertheit noch immer lauert.

Die Monster, die die Vorstellungskraft einer bestimmten Kultur oder Epoche beherrschen, bieten einen ungewöhnlichen Einblick in die speziellen Ängste in jenem historischen Moment. Die Horrortheoretikerin Judith Halberstam schreibt: »Monsters are meaning machines«, deren Existenz uns einen Blick auf die Alpträume der Kultur gewähren, die sie hervorbringt. Nicht umsonst läßt sich das Wort »Monster« etymologisch auf das lateinische »monstrare« zurückverfolgen: etwas zeigen, ausstellen – oder eben demonstrieren.

Die Zombiegeschichten haben im Lauf der Zeit viele Bedeutungen gezeigt. Die lebenden Toten sind das modernste Monster, Eindringlinge des 20. Jahrhunderts, die ihren ersten vollwertigen Auftritt in der englischsprachigen Welt 1929 in William Seabrooks wegweisender Haiti-Studie »The Magic Island« hatten. Danach baute sich jedes neue Jahrzehnt den Zombie so zurecht, wie es ihn haben wollte: In den 1930ern spielten die amerikanischen Zombiefilme immer noch in und um Haiti. In den 1940ern konzentrierten sie sich auf die Rassenfrage in den USA. In den 1970ern drehte sich dann alles um Konsumkritik. Und in den 1980ern standen die lebenden Toten stellvertretend für den Körperhorror und die AIDS-Epidemie.

Ohne große literarische Tradition im Rücken konnte der Zombie alles für jeden sein – deswegen ist er auch immer noch unverbraucht und relevant. Derzeit aber liegen die Dinge noch einmal anders: Seit dem Jahr 2000 scheinen die Toten unaufhaltsam. Sie haben sich die Popkultur einverleibt, sind buchstäblich in jedes Genre eingefallen und haben sich vom vielverlachten Randgruppenmonster zur bestimmenden Kreatur unserer Epoche verwandelt.

Mit Zombies kann man derzeit große Geschäfte machen – in einer US-Studie aus dem letzten Jahr hat man errechnet, daß Zombies 5,74 Milliarden US-Dollar zur Weltwirtschaft beisteuern. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß ausgerechnet jene lebenden Toten, die einst als Metapher der Konsumkritik herhalten mußten, nun selbst die Popkultur plündern und den Legionen von Fans das Geld aus der Tasche ziehen. Zombies sind die perfekten Kapitalismusmonster geworden, und das hat ihren Aufstieg durchaus befeuert. Sie sind multimediale Ungeheuer, die in Comics, Videospielen, Romanen, Filmen und Fernsehserien gleichermaßen einsetzbar sind. In einer Ära, da die Zuschauer ihre Geschichten gerne über mehrere Plattformen erzählt bekommen möchten, hat diese Flexibilität die Popularität der Zombies befeuert.

Man betrachte nur den Erfolg der Fernsehserie The Walking Dead (seit 2010). Sie wurde vom Comic zur Serie zum Videospiel, wobei sich die Geschichte je nach Medium anders entwickelt, die Zombies aber unverändert bleiben. Wie eine Zombieepidemie haben sich auch die Zombies in die Popkultur eingenistet und sich dort vervielfältigt – von einer ersten Kontaktaufnahme über eine TV-Serie zur besten Sendezeit bis zum Blockbuster mit Brad Pitt.

Seit uns Romero 1968 in Night oft he Living Dead (Die Nacht der lebenden Toten) die Apokalypse gezeigt hatte, wurde die Zombieinvasion stets als größter anzunehmender Unfall, als das Ende der Welt dargestellt. Romero lehrte uns, daß die Toten über die Erde wandeln, wenn in der Hölle kein Platz mehr ist – und die Lebenden bekämpfen einander, und die Welt endet nicht mit einem Knall, sondern mit dem Wimmern eines Untoten.

Heutzutage scheint uns eher eine andere Apokalypse zu drohen. Ist es wirklich Zufall, daß die Bevölkerungsexplosion der Popkulturzombies mit der globalen Finanzkrise einhergeht? Um uns herum bricht die Welt zusammen: Der Euro kollabiert, untote Banken gieren nach Hilfspaketen; die reiche Elite wird immer reicher; die Armen werden immer ärmer. Die Rückkehr der lebenden Toten ist furchteinflößend, aber zugleich auch seltsam befriedigend – sie sind Monster, die unsere dystopische Gesellschaft komplett auf den Kopf stellen können.

Zombies hatten schon immer die Unterschicht repräsentiert: die ungewaschene Klasse, die Armen, die Menschen am Rande der Gesellschaft. Kein Wunder, daß niemand sie aufhalten kann, wenn die Spekulationsblase mal wieder platzt und eine neue Depression einläutet. In den 1930ern spiegelten die Zombies die Armen und Hungernden, die während der Großen Depression und dem Zusammenbruch der Wall Street vor den Essensausgaben schlangestanden. Heute ist es genauso. Diese Monster stöhnen aus Unzufriedenheit und Wut – sie sind tot, und das gefällt ihnen gar nicht.

Dieser subversive Aspekt der Zombies war schon immer ein Grund, warum Fans sie so gern mochten. Aber angesichts ihrer stetig wachsenden Popularität wird es zunehmend schwieriger, sie noch als radikale Monster zu sehen. Da gibt es zum Beispiel die immer beliebter werdenden »Zombie Walks«. Jeder liebt es offenbar, sich als Zombie zu verkleiden – doch warum? Weil man damit seine ironische Distanz zu unserer hirntoten Kultur demonstrieren kann.

Zum einen sollen wir uns unbedeutend fühlen, gehirngewaschen und »tot«. Unsere Politiker hören nicht mehr zu; für unsere Banken sind wir Sklaven; unsere Medien behandeln uns wie Idioten. Zum anderen leben wir in einer Zeit der Globalisierung, und die direkte Kommunikation sorgt dafür, daß wir uns weniger als Individuen fühlen, sondern mehr als Teil einer großen Masse an Körpern, die nicht mehr wirklich miteinander verbunden ist. Gleichzeitig erleben wir einen erbitterten Kampf zwischen Atheismus und religiösem Fundamentalismus.

Wenn man so viele Ängste hat vor dem Verlust seiner Freiheit, seiner Individualität und selbst vor dem Jenseits, dann ist es eine Art Therapie, diese Verluste in einem sicheren Kontext durchzuspielen – zum Beispiel bei einem »Zombie Walk«. Die Teilnehmer in ihren ketchupverschmierten, selbstgebastelten Kostümen scheinen zu raunen: »Schau her, ich bin tot, ich bin ein Zombie – ich mache mich darüber lustig, wie sehr das moderne Leben dem Dasein eines Untoten gleicht.« Sie sagen aber auch: »Ich bin smart und ironisch, ich bin gar kein Zombie – ich bin ein Individuum.« Es macht Spaß, sich in die stöhnende Masse einzureihen – es beweist, daß man in Wirklichkeit gar nicht zur stöhnenden Masse gehört. Ein Akt des Zombiewiderstands, wie es der Punk früher einmal war. Doch wie auch der Punk irgendwann für den Mainstream neu verpackt und verkauft wurde, werden auch die Zombies immer angepaßter.

Sind Zombies immer noch furchteinflößend und subversiv? Sie sind zu Monstern geworden, über die selbst unsere Mütter lachen. Zombies waren mal von einem metaphorischen Stacheldrahtzaun umgeben, sie waren eine verminte Satire auf unser untotes Leben. Heute sind sie so allgegenwärtig, daß ihre Satire abgestumpft ist. Zombies sind schon lange tot. Gottseidank bleiben sie das jedoch nie allzulange. Zombies stehen stets aufs neue auf und machen weiter, immer wieder. 2012-07-12 09:35

Info

Jamie Russell ist Journalist und Autor. Er lebt in Shrewsbury im Vereinigten Königreich mit seiner Frau und zwei Töchtern (die die Nase voll haben von »diesen dämlichen Zombies« und es viel lieber hätten, wenn er stattdessen ein Buch über Prinzessinnen schriebe). Sein neuestes Buch ist »Generation Xbox. How Videogames Invaded Hollywood« (Yellow Ant Media Ltd, 2012).

Übersetzung

Daniel Bickermann

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap