— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Preisgekrönte BFS-Mitglieder: Bettina Böhler, Patricia Rommel und Hansjörg Weissbrich über den Austausch zwischen Kollegen

Zusammen ist man weniger allein

Von Daniel Bickermann Editoren arbeiten überwiegend alleine – umso wichtiger erscheint die kreative, kollegiale Kommunikation: Die renommierten Editoren und Gewinner des Schnitt Preises Bettina Böhler, Patricia Rommel und Hansjörg Weißbrich geben Auskunft über den Austausch unter Editoren.

Viele Möglichkeiten zum Austausch unter Editoren gibt es nicht. Die wichtigsten sind sicherlich die regelmäßigen Treffen des Bundesverbands Filmschnitt-Editor e.V. (BFS) in Berlin, bei denen Erfahrungen weitergegeben und Hilfestellungen zu Arbeitsbedingungen und Urheberrecht geleistet werden. Zudem gibt es gewerkübergreifende Treffen während der Berlinale und an der Deutschen Filmakademie, wo Editoren mit Ton- und Kameraleuten, aber auch mit Bühnen- und Maskenbildnern zusammenkommen, Filme sichten und diskutieren. Die künstlerischen Gespräche über aktuelle Montagetrends oder gar einzelne Schnittentscheidungen beschränken sich aber auf das Montageforum Film+, ebenfalls vom BFS unterstützt, oder auf die Privatsphäre des Schneideraums.

Neben dem chronischen Zeitmangel ist dafür auch der spärliche Kollegenkontakt ausschlaggebend, schließlich arbeiten Editoren selten zusammen. In diesem Beruf ist man doch »eher ein Einzelkämpfer«, stellt Bettina Böhler fest: Meist trifft man die Schnitt-Entscheidungen mit dem Regisseur, nicht mit anderen Editoren. Patricia Rommel ist der gleichen Meinung: »Zwei Produzenten mit unterschiedlichen Talenten können sich zusammenschließen und ein gutes Team bilden. Wenn dagegen zwei Editoren zusammenarbeiten, dann tun sie das meistens, weil es Zeitdruck gibt.« Schnitt ist auch deswegen eine Einzeldisziplin, weil sich ein Spezialisierungsmodell, nach dem sich ein Editor auf die Actionszenen und ein anderer auf die feinfühligeren Sequenzen beschränkt, im Kinobereich nicht durchgesetzt hat. Die Editoren haben gerne die kreative Kontrolle über den gesamten Schnittprozeß an einem Film, selbst die Aufteilung in Roh- und Feinschnitt wird höchstens aus Zeitgründen hingenommen: »Ich kann ja nicht einfach einen Arbeitsschritt jemand anderem überlassen, da würde ich leiden«, erklärt Rommel.

Ein prüfender Besucher ist dagegen immer willkommen: »Vier Augen sehen mehr als zwei. Ich lasse keinen Film raus, ohne ihn mal von einem Kollegen meines Vertrauens anschauen zu lassen«, meint Rommel. »Kein gewöhnliches Leinwand-Screening, sondern eine ganze Nacht im Schneideraum speziell über den Schnitt diskutieren.« Solche Sitzungen helfen gegen die »Betriebsblindheit«, die sich nach monatelanger Beschäftigung mit dem Material einzuschleichen droht. Durch diese Schnittberatungen bilden sich oft Netzwerke zwischen befreundeten Editoren, »aber auch mit anderen befreundeten Regisseuren oder Autoren«, so Weißbrich. Oftmals halten auch die Kontakte zu den Ex-Assistenten noch über Jahre hinweg.

Auch die Weitergabe von Erfahrungen an jüngere Kollegen oder Schnittstudenten wird rege betrieben: »Im Sinne einer Weiterbildung« öffnet auch Bettina Böhler ihren Schnittraum und »zeigt auch gerne den Schnitt, den ich am Tag gemacht habe«, vor allem den Assistenten, die das Material kennen, aber beim Feinschnitt meist nicht mehr dabei sind. Schließlich war man früher als Assistent auch aufgrund der alten Technik am kompletten Schnittprozeß beteiligt, während die Ausbildung an den Schnitt-Studiengängen eher theoretisch orientiert ist – da sind Einblicke in den Schneideraum besonders wichtig, um »Routine und Erfahrung in der professionellen Praxis zu sammeln.« Auch Hansjörg Weißbrich demonstriert Nachwuchseditoren seine Kunst »am besten am konkreten Projekt«. Eine beliebte Institution in dieser Hinsicht ist die Tutorenschaft, die die internationale Filmschule Köln (ifs) im Zuge ihrer Weiterbildung Filmmontage anbietet: Ein junger Editor bekommt dabei einen erfahrenen Kollegen zur Seite gestellt, an den er sich bei Problemen oder kniffligen Entscheidungen wenden kann. »Eine sehr gute Einrichtung«, wie Patricia Rommel findet. Auch andere Filmarbeiter läßt Rommel einen Blick über ihre Schulter werfen: »Mein Schneideraum ist natürlich offen für jüngere Kollegen, aber auch für Tonmänner oder Kameraleute.« Wenn dadurch größere Offenheit zwischen den einzelnen Abteilungen herrscht und mehr Leute verstehen, was beim Schnitt eigentlich passiert, »davon können die Filme doch nur besser werden.«

Im gleichen Zuge könnte auch der Austausch zwischen den Schnitttheoretikern und -praktikern noch intensiver sein, um die Aufsätze zum Filmschnitt und die akademische Lehre möglichst nahe an der tatsächlichen aktuellen Praxis im Schneideraum zu halten. Und sogar der Blick über den internationalen Tellerrand ist möglich: Die Sonderveranstaltungen mit ausländischen Kollegen aus den Berufsverbänden Frankreichs oder Polens zum Beispiel, die der Bundesverband zusätzlich zu den regelmäßigen Editorentreffen seinen Mitgliedern anbietet, sind eine seltene Gelegenheit, andere Schnitttraditionen und neue Editoren kennenzulernen. 2007-10-09 13:18

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