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Peter Przygodda (rechts) und Volker Schlöndorff bei Film+ 2008

Das Cutter-Lemma des Schnittmeisters

Ein kurzer Bericht zu Film+ 2008

Von Werner Busch Überzuckert bitterer Glühwein, verbrannte Bratwürste und allerlei unnützer Nippes, alles ausschließlich zu Wucherpreisen erwerblich, gab es auf dem großen Kölner Weihnachtsmarkt vor der imposanten Kulisse des angestrahlten schwarz-grauen Doms zu besichtigen. Noch in Rufweite, kaum hundert Meter von diesem glühweinseligen Dezemberfest entfernt, fand im Filmforum des Museum Ludwig ein Großteil der Veranstaltungen des Montagekunstfestivals Film+ statt.

»Der Cutter von Wenders« ist eines der Lemmata, mit denen der Schnittmeister Peter Przygodda in der allgemeinen Wahrnehmung bis heute belegt ist. Zweifellos nicht das schlechteste, aber die Hommage von Film+ an Przygodda zeichnete mit ihren launig-freundschaftlichen Laudationes u.a. von Volker Schlöndorff, Filmvorführungen und einem mit zahlreichen Filmausschnitten pikant gespickten Werkstattgespräch, ein ungleich vielschichtigeres und interessanteres Bild des Veteranen abgedunkelter Räume. Sämtliche Facetten des Werkes wurden ausgeleuchtet, sodaß neben der Vorführung von Besuch auf dem Lande des Regisseurs Przygodda auch Ausschnitte aus seinem Schnitt-Frühwerk Der lüsterne Türke gezeigt wurden, ein herrlich trashiger Tittenfilm aus den frühen 1970ern.

Freundschaftlich und familiär war die Atmosphäre während und nach den Veranstaltungen, zu denen eine große Zahl Filminteressierter und Filmschaffender zusammenkam. Viele Gesichter kehrten im jährlichen Turnus wieder – darunter auch einige traurige, denn wer in diesem Jahr bei den Vorführungen der nominierten Dokumentarfilme noch einen Sitzplatz bekommen wollte, mußte sich früh an der Kinokasse einfinden. Sämtliche Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz – und darüber hinaus – ausverkauft, wohingegen die meist parallelen Vorstellungen der Spielfilme noch durchaus ausreichende Platzwahlmöglichkeiten boten.

Eine der Entdeckungen dieses Wochenendes war der Dokumentarfilm Nicht böse sein! von Wolfgang Reinke, dessen Porträt einer WG dreier drogenabhängiger Männer nicht nur durch den Schnitt, den der Regisseur zusammen mit Ginés Olivares realisierte, zu einem schroff-anrührenden, äußerst fesselnden Filmerlebnis machte. Auch ein weiteres Aha-Erlebnis dieses Wochenendes stammte aus der Doku-Sparte: Gegenschuss – Aufbruch der Filmemacher wußte mit großartig montierten Interviews und Archivmaterial von höchstem Unterhaltungswert vom Beginn des Neuen Deutschen Films zu erzählen. Bis den Machern leider einfiel, daß sie ja eigentlich die Geschichte des Filmverlags der Autoren erzählen wollten, was das letzte Drittel dieses bis dahin sehr kurzweiligen Genusses zur Sitzfleischfrage deklassierte. Nur ein einziger Schnitt, nämlich der zum Abspann, hatte irgendwo bei der hundertsten Minute gefehlt.

Nicht überraschend war so jedenfalls die Auszeichnung von Nicht böse sein! bei der Verleihung der Schnitt Preise am Montag. Ausgezeichnet wurden außerdem der bereits mehrfach nominierte Tobias Suhm in der Sparte Kurzfilm und Andrew Bird. Erst dessen Arbeit an Auf der anderen Seite von Fatih Akin gab dem Film seine Erzählstruktur, seinen Rhythmus und seine Stimme, sie war in diesem Falle für das Ergebnis mindestens ebenso entscheidend wie Regie und Drehbuch zusammen. Auch Andrew Bird ist zweifellos mehr als »Der Cutter von Akin«. 2009-01-22 14:35
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