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Endlich Editor

Von Dietmar Kraus Schnittmeister? Cutter? Dietmar Kraus fragt sich, warum solch unscharfe Begriffe noch immer für einen Beruf verwendet werden, der längst einen präziseren, sinnvolleren Namen hat. Sein Appell: Montiert Filme bitte mit einem »Editor«, bzw. einer »Editorin« und nutzt Cutter zum Teppichschneiden!

Der Filmeditor Götz Filenius war mal bei den Vorbereitungen zu einem Ü-Wagen-Dreh in Hamburg, als jemand rief: »Gibt es hier einen Cutter?« Es klang für ihn so ähnlich wie »Gibt es hier einen Arzt?«, und so fühlte er sich geradezu berufen, seine Hilfe anzubieten. Doch der Rufende war enttäuscht; er brauchte nämlich ein Teppichmesser.

Ähnliches erlebt jeder, der zu »Cutter« eine Google-Bildersuche startet: Lauter Küchen- und Arbeitsgeräte tauchen auf, mit denen sich alles von Butter bis Zigarren schneiden läßt – doch Menschen fehlen gänzlich, mal abgesehen von der Indie-Popsängerin »Cookie Cutter Girl« (passend zum Thema, ist ein »cookie-cutter« sowohl eine Ausstechform zum Backen, als auch eine abfällige Beschreibung für Gegenstände oder Ideen, die nullachtfünfzehn sind).

Der Pseudoanglizismus »Cutter«

Das Wort Cutter entfaltet eben für englische Ohren keine tiefsinnigere Assoziationskraft als die reine Mechanik des Schneidens oder das »schnittige« Vorankommen bestimmter Pferde und Schiffe (Kutter!). Niemand in Amerika oder England sucht für die gestalterische Arbeit der Filmmontage einen Cutter, sondern stets einen »film editor«. Nur in Nischenbereichen mit wenig oder gar keinem kreativen Spielraum gibt es die »news cutter« und »negative cutter«. Würde ein Amerikaner etwa Thelma Schoonmaker als Cutterin bezeichnen, wäre das so, als hätte er die dreimalige Oscar-Preisträgerin zur »Schnipslerin« degradiert.

Doch wir Deutsche haben ja eine Schwäche für Pseudoanglizismen (Handy, Beamer), die außer uns keiner nutzt oder versteht. Zwar hat der Bundesverband Filmschnitt (BFS) bereits 2001 im Einklang mit den Verbänden aus Österreich und der Schweiz beschlossen, den Film-editor als offizielle Berufsbezeichnung zu verwenden. Eine breite Öffentlichkeitskampagne gab es dazu allerdings nicht, und so hält sich der Cutter bis heute hartnäckig im allgemeinen Sprachgebrauch, selbst bei der Mehrzahl der Filmschaffenden. Es ist höchste Zeit, dies zu ändern, und dem Editor endlich zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Macht der Gewohnheit

Wenn ich das Thema unter meinen Schnitt-Kollegen anspreche, findet sich eigentlich niemand, der »Cutter« für einen gelungenen, inhaltlich wertvollen Begriff hält. Trotzdem fallen häufiger Sprüche wie: »Naja, an Cutter haben sich nun mal alle gewöhnt«; oder »Warum jetzt ein Fremdwort durch ein anderes ersetzen«; oder »Mit Editor kann ich mich auch nicht so richtig anfreunden«; usw. Manche finden den »Schnittmeister« sympathischer, doch bei den meisten löst diese Alternative auch keine Begeisterung aus. Eine mehrfach preisgekrönte Kollegin gab sogar zu, daß sie im Alltag versucht, möglichst gar keine Berufsbezeichnung für ihre Tätigkeit zu verwenden! Doch das kann es ja wohl nicht sein. Wer die facettenreiche Kunst der Montage beherrscht und somit entscheidend zum Gelingen eines Films beiträgt, sollte bei der Frage nach dem Beruf nicht in Verlegenheit geraten. Es lohnt sich daher, noch mal an die zahlreichen Vorzüge des Begriffs »Editor« zu erinnern. Schon damit klar wird, daß es sich wirklich nicht um die Wahl zwischen Pest, Aids und Cholera handelt.

Was für den Editor spricht

Das ursprünglich lateinische »Editor« ist im Englischen zum Stammwort mehrerer Berufe geworden, z.B. Herausgeber, Redakteur, Lektor. Gemeinsamer Nenner dieser Berufe sind etliche Vorgänge, die auch bei der Filmmontage stattfinden: Auswählen, einordnen, redigieren, umbauen, verfeinern – und in die endgültige, zur Veröffentlichung bestimmte Form bringen.

Dagegen lassen weder »Cutter« noch »Schnittmeister« erahnen, welche gestalterischen Gedankengänge das Wesen der Montage ausmachen; sie deuten lediglich ihre technische Ausführung an – und tragen so auch zu einer verzerrten Wahrnehmung des Berufs bei. In der Rubrik »Goldener Schnitt« aus Heft 37, schreibt Tilman Kellersmann treffend: »Der Begriff Cutter verweist jedenfalls auf ein Schnitt-Verständnis, das die Finalität und damit die vermeintliche Autonomie einer Einstellung unterstützt. Der Begriff Editor hingegen unterstützt die Bezugnahme von Einstellungen auf das ganze Werk […] Dieser Begriff erkennt an, daß Einstellungen durch den Schnitt einer dramaturgischen Ordnung zugeführt werden und Kontextqualitäten zum Tragen kommen.«

Der »Schnittmeister« hat zudem das Manko, daß er nicht nur etwas altbacken klingt, sondern leider auch ist: Durchgesetzt wurde er von den Nationalsozialisten, die allen Berufssparten deutsche Bezeichnungen verordneten. Nach 1945 blieb er im Osten erhalten, während Westdeutschland zum Cutter der Stummfilmzeit zurückkehrte – völlig ignorierend, daß in Amerika der »film editor« schon in den 1930er Jahren den »cutter« vollständig ersetzt hatte, als Konsequenz einer gewachsenen Wertschätzung des Berufs.

Mißgünstige Stimmen sagten damals, dies sei bloß ein dünkelhafter Etikettenwechsel. In seinem Buch »On Film Editing« schreibt Edward Dmytryk, daß ein »cutter«, der sich als »film editor« bezeichnete, noch bis Anfang der 1930er Jahre mit dem Vorwurf rechnen mußte, ein Snob zu sein. Kaum zu glauben, aber 80 Jahre später gibt es ähnliche Reaktionen auch hierzulande – obwohl man doch schwerlich behaupten kann, daß die im stillen Schnitt-Kämmerlein erbrachten Leistungen der Filmeditoren überschätzt werden; sie waren im Gegenteil jahrzehntelang das wohlgehütete Geheimnis von Produzenten und Regisseuren.

Daß Namen nicht Schall und Rauch sind, sondern kognitive Ausstrahlungskraft haben, zeigen auch zwei pragmatische Gründe, die 2001 bei der BFS-Entscheidung eine Rolle spielten: Als Cutter fand man damals keine Aufnahme in die Künstlersozialkasse; als Editor ist man inzwischen willkommen. Und als Cutter ist es bis heute schwer, sich von der Sozialversicherungspflicht befreien zu lassen; als Editor gelingt der Nachweis einer nicht weisungsgebundenen Tätigkeit viel eher. Intuitiv spüren also selbst Beamte, daß ein Wort wie »Cutter« nicht nach eigenständiger schöpferischer Leistung klingt.

Initiative Pro Editor

Daher mein Appell an alle Filmschaffenden: Gewöhnt Euch endlich den Cutter ab – und den Editor an – in Gesprächen genauso wie in Verträgen, Texten, Medien aller Art. Die Zeitschrift »Schnitt« ist hier seit langem vorbildlich, genauso wie das Festival Film+. Aber dort geht’s schon los: Wenn ein Geißendörfer oder ein Schlöndorff auftritt, um die Laudatio zu halten, schwirrt wieder das »C-Wort« durch den Saal. Wie sieht’s bei anderen Festivals aus? Walter Murch, ein weltweit angesehener Filmeditor, Tongestalter und Autor, war 2008 Mitglied der Berlinale-Jury. Im Katalog bekam er natürlich das Etikett »Cutter« verpaßt, und zwar nicht nur in der deutschen, sondern auch in der englischen Fassung.

Den Murch-Büchern ergeht es genauso: Fleißig haben die Verlage jedes »editor« mit »Cutter« übersetzt. Düster auch die meisten Nachschlagwerke: Wer bei der deutschen Wikipedia »Editor« eintippt, landet prompt auf der »Cutter«-Seite. Als 2007 jemand versuchte, diese Lenkung umzukehren, wurde die Aktion schon nach einem halben Tag torpediert. Und der Duden? Der kennt nur einen Editor, den »Herausgeber«. Bei »Cutter« steht 1. »Schnittmeister« und 2. »Gerät zum Zerkleinern von Fleisch«. Unübertroffen aber, was die obersten Sprachhüter in ihrem Bedeutungswörterbuch schreiben: »Cutter: Mitarbeiter bei Film, Funk u. Fernsehen, der cuttet«.

Mitkämpfer gesucht

Fazit: Diese Zählebigkeit des »C-Wortes« kann der BFS nicht allein bekämpfen; dazu bedarf es möglichst vieler Multiplikatoren, die den Editor in alle Bereiche hinein kommunizieren, wo über den Beruf gesprochen oder geschrieben wird. Um diesen Prozeß zu fokussieren, entsteht unter www.filmeditoren.de ein Forum für Initiativen, Anregungen und Kritik. Auf diese Seite (und auf die BFS-Seite www.bfs-filmeditor.de) kann dann jeder verweisen, der im Gespräch oder Schriftverkehr mit zögernden »C-Sprachlern« Begründungsfutter für den Wandel der Berufsbezeichnung braucht.

Ein letztes Beispiel, warum eine konzertierte Aktion überfällig ist: Seit 1996 gibt es den IHK-Ausbildungsberuf »Film- und Videoeditor«. Grundsätzlich ist es sympathisch, daß sich hier der Editor schon etabliert hat. Allerdings vermittelt diese dreijährige Ausbildung tendenziell eher technisch versierte als gestalterisch überragende Fähigkeiten – was wiederum dazu führt, daß ein paar Kollegen, die seit Jahren als »Cutter« hochwertige Kinofilme montieren, etwas mißliebig auf solche »Editoren« blicken. Welche Absurdität sich aber ergibt, wenn der Begriff Editor nur mit der IHK-Ausbildung in Verbindung gebracht wird, zeigt die Aussage einer frisch gebackenen »Film- und Videoeditorin«, die sich 2007 an der Babelsberger Filmhochschule im Studiengang Montage bewarb. Ihre Begründung: »Ich habe gemerkt, daß mir zu einer richtigen Cutterin noch einiges fehlt.« Sollte sich diese Perspektive durchsetzen, wäre die germanische Vergewaltigung der englischen Sprache perfekt: Der »Cutter« als Gütesiegel, mit dem man sich von ordinären »Editoren« unterscheidet. 2009-07-03 12:07

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