— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Star Wars – Krieg der Sterne (George Lucas, 1977)

Montierte Klangwelten (I)

Wie der Schnitt die Töne zu den Bildern bringt und umgekehrt

Von Hans Beller Die Montage gibt den Bildern einen eigenen Rhythmus. Doch auch wenn diese Arbeit visuell geprägt ist, darf die Ebene des Tons nicht außer Acht gelassen werden. Denn beim Kombinieren müssen beide Ebenen eine logische Einheit ergeben.

Das Zusammenspiel von Bild und Tonwelten ist eine spannende und spannungsgeladene Geschichte. Am Anfang steht die Trennung. Phonographie und Kinematographie mußten über zwei Jahrzehnte auf ihre Vereinigung im Kinodunkel warten. Thomas Alva Edison hatte nach der Erfindung des Phonographen zur Konservierung von Klängen jedoch auch gleich deren Verknüpfung mit aufgezeichneten Bildern im Sinn. Doch soll hier nicht medienarchäologisch eine Technikgeschichte mit ihrer Entwicklung von Nadelton über Lichtton und Magnetton zum derzeitigen Digitalton rekapituliert werden. Nur so viel zum heutigen Standard: Mit den digitalen Verfahren werden Audio und Video schließlich auf die technisch identische Ebene von Bits und Bytes gebracht. Für den Schnitt und die Montage in der Postproduktion jedoch werden Bild und Ton wieder getrennt, um sie nach dramaturgischem und gestalterischem Bedarf autonom behandeln zu können.

Grundlagen der Tonpraxis

Die optische Bildinformation wird bei Dreharbeiten, vereinfacht ausgedrückt, von der Kamera aufgenommen. Die Tonaufnahmen können simultan am Set mit einem entsprechenden Modul ebenfalls innerhalb der Kamera synchron zu den Bildern aufgezeichnet werden, gewöhnlich aber separat mit einem Sound-Rekorder, der die Synchronität von Bild und Ton für die originale Wiedergabe der Töne vom Drehort garantiert.

Bei der Tonaufzeichnung für die spätere »Reproduktion« unterscheidet man unterschiedliche auditive Aspekte: Unter »Originalton« (O-Ton, OT) versteht man den mit Tonband, DAT-Rekorder (»digital audio tape«) oder in der Digitalkamera integriertem Tonaufnahmemodul (Camcorder) separat und live, während die Kamera läuft, aufgenommenen Ton, unabhängig davon, ob es sich dabei um Sprache, Geräusche, Musik oder Atmosphäre dreht. Dieser Ton kann später dank Klappe oder sonstigem Sync-Signal synchron, das heißt feldgenau oder dem »Timecode« (der elektronischen Bildnummer) entsprechend, zum Bild angelegt werden.

Vom qualitativ hochwertigen O-Ton unterscheidet sich der zwar auch synchron vor Ort aufgenommene »Primärton« (PT), der vergleichsweise »unsauber« und unelaboriert wirkt. Man braucht ihn, um einen Eindruck von der akustischen Originalsituation am Set zu erhalten. Er wird vom Schnitt aufgenommen, damit man bei der Tonbearbeitung und Mischung einen auditiven Richtwert hat.

Von »Nur-Ton« (NT, engl. »wild track« oder »wild sound«) spricht man bei separat, aber ohne laufende Kamera aufgenommenen Klängen am Set. Diese können verzerrte oder zu weit entfernte O-Töne ersetzen oder zusätzlich in eine Szene insertiert werden.

»Nachsprecher« (NS) sind Dialogsätze und Sprach-Passagen, die am Set ohne bildaufzeichnende Kamera (oder bei bildunabhängigem Weiterlaufen des Mikrofons einer dokumentierenden Digitalkamera bzw. eines Camcorders) aufgenommen werden. Sie dienen dem Austausch von unsauberen Aufnahmen z.B. in halligen Räumen, bei Autofahrten oder von Versprechern und sind dabei oft natürlicher und räumlich dichter an der Szene als spätere Nachsynchronisationen aus dem Studio.

Bei den sogenannten »Atmos« (AT) handelt es sich dem Wort entsprechend weniger um vordergründige Töne als vielmehr um stimmige Hintergrundgeräusche, die ohne laufende Kamera aufgenommen werden können. Zur späteren Ergänzung der Szenenstimmung liefern sie beispielsweise das Rauschen einer Autobahn, eines Waldes oder des Meeres.

Beim »Playback« (PB) werden bereits existierende Tonaufnahmen bzw. zuvor erstellte Musik am Set per Lautsprecher dazugespielt. Sie helfen, eine emotionale und rhythmische Stimmung am Set herzustellen oder dienen zur Synchronisation von Bewegungen, z.B. bei Tanzaufnahmen. Die dabei aufgenommenen O-Töne sind dann aber nicht für die Endbearbeitung verwertbar, sondern müssen ersetzt werden.

Grundlagen des Tonschnitts

Je hochwertiger die Filmproduktion durchgeführt wird, desto mehr Sorgfalt kommt der Bildaufzeichnung mit der Kamera und der Tonaufzeichnung mit dem Sound-Rekorder zu, weil beide bereits die Postproduktion antizipieren. Dort findet eine primäre und sekundäre Bearbeitung der Töne statt. Primär werden in der Montage die Bilder und Töne kombiniert und sekundär in der Tonmischung mit zusätzlichen Tönen angereichert. Das bedeutet, daß in der Postproduktion alle aufgenommenen Töne nachträglich bearbeitet, aber auch neue, zusätzliche Klänge hinzugefügt werden. Dabei unterscheidet man verschiedene Arbeitsbereiche.

Die (lippengenaue) »Sprachsynchronisation« (ADR, engl. »Automated Dialog Replacement« oder »Automated Dialog Recording«) ermöglicht heute durch computergestützte Tonaufnahme im Studio sowohl das lippensynchrone Auswechseln von Dialogpassagen oder des ganzen Dialogs als auch die Anpassung von Dialekten oder die Nachsynchronisation ausländischer Produktionen. Mit der Erzeugung fehlender Geräusche und deren Synchronisation beschäftigt sich der Geräuschemacher (»Foley Artist«, »Foley Mixer«), der Geräusche wie beispielsweise Schritte (»Foley Walker«) im Studio herstellt.

»Effekte« (FX) sind spezielle Einzelgeräusche auf der Tonspur, die zum Teil neu und speziell aufgenommen oder auch als NT hinzugefügt werden. Die »Speziellen Effekte« (SFX) sind dementsprechend die Kombinationen von Einzelgeräuschen (wie Laserschwerter im Krieg der Sterne oder das Fußstapfen der Dinosaurier in Jurassic Park) oder auch artifiziell hergestellte Geräuschmontagen, wie sie insbesondere David Lynch einsetzt. Die schon oben erwähnten Atmos (AT) können in Stereo neu abgemischt und durch Software-Anwendungen verfremdet oder gefiltert werden.

»Archivtöne« (AV) sind als zusätzliche Töne (Geräusche, Atmos wie z.B. ein von innen oder von außen wahrgenommenes Hubschraubergeräusch) aus Schall- und Geräuscharchiven (»sound effects library«) verschiedenster Anbieter zur Ergänzung oder zum Austausch vorhandener Geräusche vorgesehen.

Für die »Musik« (M) werden entweder von Tonträgern stammende Musikstücke oder/und speziell für den Film hergestellte Kompositionen eingesetzt. Während des Schnittprozesses wird zumeist mit vorläufigen Layout-Musiken gearbeitet, die u.a. als Baseline für den Schnittrhythmus dienen, aber vor der Tonmischung ausgetauscht werden.

Tonmischphasen und Montage

Die Grenzen zwischen den ursprünglich getrennten Funktionen Schnittmeister und Tonmischmeister überschneiden sich heutzutage mehr als früher. Im Idealfall ist der Editor nicht nur bei der Montage, sondern auch an der Mischung beteiligt. Ansonsten passiert, was Editor und Sound Designer Walter Murch beklagt: »Die meisten meiner Kollegen wissen nicht, wer die Tonebene unter welchen Bedingungen bearbeiten wird. Sie fühlen sich also etwas unsicher und neigen dann im Schnitt dazu, alles sehr deutlich zu fixieren, so daß die Töne, welche auch immer später dazu kommen, nur Lücken füllen können. Das ist die undankbarste Aufgabe für den Ton, er wird zum Juniorpartner, vom Bild abhängig gemacht. Es ist viel interessanter, den Ton gleichberechtigt zu behandeln, also Ton im weitesten Sinne, also Dialog, Musik oder Toneffekt.« Auch in der Tonmischung können verschiedene Arbeitsschritte voneinander unterschieden werden. In der »Vormischung« (»premix«) werden zunächst mehrere Tonspuren der gleichen Abteilung (O-Ton, NT, ADR, Foley, SFX, AT und AV) additiv zusammengeführt. Die »Endmischung« (»final mix«) bringt dann die vorgemischten Spuren mit den Musikspuren zusammen.

Hierbei wird zuerst eine »Rohmischung« (»rough mix«) als zwar schon komplette, aber noch vorläufige Mischung erstellt, um vorab einen Eindruck vom audiovisuellen Ganzen zu bekommen. Bei der entscheidenden »Mischung« (»mix«) werden dann alle tonrelevanten Filminformationen – wie Re-Recording, O-Ton, Dialog, Geräusche, Atmos und Musik – zu einer dramaturgischen und inhaltlichen Einheit in Klangfarbe und Lautstärke in Abstimmung mit Regie, Sound Design, Montage/Editing in einem speziellen Mischstudio zum »Soundtrack« zusammengemischt.

Abhängig von den Auswertungsformaten werden in diesem Prozeß verschiedene Versionen der Mischungen hergestellt. So dient der »IT-Mix« (»international track«) als Extramischung ohne Sprache für den internationalen Verkauf ins Ausland, wo dieser dann in der jeweiligen Sprache nachsynchronisiert wird (siehe ADR). Der »TV-Mix« als fernsehspezifische Mischung liefert einen ans Endgerät angepaßten Pegel und kann aus Copyright-Gründen andere Musikanteile enthalten.

Die Montage organisiert in der Postproduktion die Bilder und Töne auf der Zeitachse des Films auf entsprechend unterschiedlichen Spuren und begleitet daher sinnvoll auch die Tonmischphasen.
Wurden die verschiedenen Klangebenen noch bis in die 1990er Jahre nach ausgetüftelten Plänen auf verschiedenen Tonrollen synchron zur Bildrolle angelegt, bieten Schnittprogramme mittels parallel horizontal angeordneter Timeline-Fenster nicht nur eine bessere Übersichtlichkeit, sondern ermöglichen sowohl handwerklich leichtere als auch kompositorisch komplexere Soundmischungen schon vorab beim Montageprozeß.

Vor Beginn der eigentlichen Montage legen in der arbeitsteiligen Filmindustrie »Sound Cutter« den O-Ton passend zum Bild, der »Sound Editor« zusätzliche Soundeffekte, Musiken und Dialoge (»Voice Over« als Kommentar oder als Erzählinstanz aus dem Off) an. »Picture Lock« bezeichnet in der Gesamtfilmnachbearbeitung schließlich den Zustand der Montage, in dem der Bildschnitt framegenau feststeht und nicht mehr geändert wird, selbst wenn im Ton Veränderungen stattfinden könnte. 2010-05-17 10:08

Info

Der Artikel basiert auf einem Vortrag und Veröffentlichungen im Rahmen von »See this Sound« der Kulturhauptstadt Linz 2009.

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