— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Matt Damon als Jason Bourne in Das Bourne Ultimatum

Von Schwarzenegger zu Bourne

Ein Blick auf den Wandel von Männlichkeitsbildern und -idealen im neueren amerikanischen Actionkino

Von Nils Bothmann Akademische Betrachtungen zum Actionkino der 1980er Jahre stellen vor allem heraus, daß die Genrefilme dieser Ära ein bestimmtes Männlichkeitsbild verhandeln: das Bild des unkaputtbaren, hypermaskulinen Helden. Dieses Bild ist meist ein Körperbild, ein Ideal von muskulöser Männlichkeit, das par excellence von den Genreikonen Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone repräsentiert wurde. Theoretiker wie Susan Jeffords, Yvonne Tasker und Thomas Morsch sprechen hierbei von einem Ideal, das sichtbar nicht zu erreichen ist: Die Heldenbilder laden zur Identifikation ein, doch eine komplette Identifikation wird gleichzeitig verhindert, da die Hauptfiguren unvorstellbare Anstrengungen erbringen und Folterungen in einem Maße ertragen, die für den Normalmenschen – und damit vor allem für den normal gebauten Menschen – unerträglich wären. Mit dem Ende der 1980er Jahre sank der Stern des maskulinen Machokinos jedoch, Schwarzenegger und Stallone versuchten, ihr Repertoire zumindest etwas zu erweitern, und der Trend ging weg vom reinen Genrestar: Bruce Willis und Mel Gibson suchten sich schnell weitere Standbeine abseits des Actionfilms, für Stars wie Tom Cruise, Keanu Reeves oder Nicolas Cage gehören Action-Blockbuster zu einem Metier unter vielen. Ein gewandeltes Körperbild, welches sich mehr am Ideal von Fitness und Wellness orientierte, verdrängte zudem das Ideal des Bodybuilding-Körpers Anfang der 1990er, und während Schwarzenegger und Stallone noch ihre Nische im Kino fanden, so wurden andere Genrestars wie Steven Seagal, Jean-Claude Van Damme und Dolph Lundgren zunehmend auf den Videomarkt verdrängt.

Das Ende der 1980er Jahre und das Ende des hypermaskulinen Ideals ist für die Filmwissenschaft der Beginn einer kinematographischen Krise der Männlichkeit, die sich über Genregrenzen hinwegsetzt. Bruce Willis’ gebrochener Held in Last Boy Scout erklärt die harte Schale männlicher Coolness in einem Actionfilm zur Pose, doch der Wandel war allgegenwärtig: Komödien wie Mrs. Doubtfire befaßten sich mit der Umkehrung klassischer Geschlechterrollen im Haushalt, Spätwestern wie Erbarmungslos kratzten am amerikanischen Urmythos des unnahbaren, unbesiegbaren Cowboys. Um die Jahrtausendwende verhandelten so unterschiedliche Filme American Beauty, Fight Club und High Fidelity zentral die Krise des Mannes, der in einer Zeit des Wandels immer noch das alte, patriarchische Ideal anstrebt und dabei oft scheitert. Kurz darauf fand wiederum das Körperkino des Actionfilms schließlich ein Deutungsangebot, einen neuen Typus von Idealmännlichkeit: Jason Bourne.

Was anfangs als sehr guter, erfrischender Agententhriller erschien, hat mittlerweile tiefere Spuren im amerikanischen Kino hinterlassen als man anfangs erahnte. Die Kombination aus nah am Geschehen agierender Handkamera und schnellen Schnitten war in Doug Limans Die Bourne Identität 2002 ein nur teilweise genutztes Stilmittel, Die Bourne Verschwörung und Das Bourne Ultimatum unter der Regie von Paul Greengrass sollten den Stil schließlich perfektionieren. Schnell fanden sich Nachahmer des Konzepts, die es mehr (Crank) oder minder gut (King Arthur, Underworld: Aufstand der Lykaner) integrierten. Denn was in den Bourne-Filmen noch die Perzeption eines Gejagten näherbringen sollte, wurde dort oft zur reinen Masche. Auch der Trend zu realistischen, harten, kurzen Kampfszenen als Gegenbewegung zu den tänzerischen, durchästhetisierten Konfrontationen der Matrix-Vorjahre fand Anklang, inspirierte Werke wie Casino Royale, Ein Quantum Trost und 96 Hours.

Doch auch das Ideal von Männlichkeit, welches Jason Bourne ausstrahlt, blieb nicht ohne Wirkung. Jason Bourne ist kein sichtbar übermenschlicher – bzw. übermännlicher – Typ, stattdessen glänzt er durch Unauffälligkeit. Eine Unauffälligkeit, die es ihm ermöglicht, so in der Masse zu verschwinden, wie es einem Arnold Schwarzenegger nie möglich wäre (ironischerweise strebte James Cameron bei Terminator ursprünglich genau jenes Konzept an und wollte Lance Henriksen in der Titelrolle besetzen, um den Terminator als unscheinbaren Infiltrationsroboter zu charakterisieren). Der neue Übermensch sieht also aus wie der Normalbürger, ist also kein sichtbares Denkmal der Hypermaskulinität.

Gleichzeitig greifen auch im Falle Jason Bournes genau jene Mechanismen, die eine vollkommene Identifikation mit dem Helden unmöglich machen, ihn als unerreichbares Ideal von der Masse absetzen. So betont die Bourne-Franchise durchweg das überlegene Training Bournes, der jeden Raum in Sekundenbruchteilen nach Gefahren und Fluchtwegen absuchen kann, der neuester Überwachungstechnologie spielend entkommt, der ganze Gegnerscharen effektiv ausschaltet. Bourne ist fast wie eine Maschine nach all dem Training; einem Training, wie es nur wenige absolvieren und auch nur wenige absolvieren können. Das Bourne Ultimatum verweist zudem darauf, daß der Held in jener Zeit systematisch körperliche Strapazen ertragen mußte, womit klar wird, daß die Bourne-Filme das Männlichkeitsbild der 1980er vielleicht transformieren, ihm gleichzeitig aber auch in den Grundlagen verhaftet sind.

Die Perfektion Bournes liegt jedoch nicht allein in seinem Training, das macht die Filmreihe auch immer wieder klar, denn Bourne triumphiert als disfunktionale Maschine, die zwar die Methodik, aber nicht die Ideologie des Geheimdienstes übernommen hat. Nach seiner Amnesie am Beginn von Die Bourne Identität emanzipiert sich die Hauptfigur vom Geheimdienst, wird vom stumpfen Befehlsempfänger zum eigenverantwortlichen, emotional handelnden Renegaten. Und genau in diesem Bruch liegt eben die Überlegenheit Bournes, der nach eigenen moralischen Prinzipien entscheidet, dessen Handeln bald nur noch durch die geliebte Frau motiviert wird, auch nach deren Tod. In jedem Bourne-Film gibt es eine zentrale Sequenz, in der Jason Bourne gegen einen ähnlich ausgebildeten Killer antritt, eine reine, auf Befehlsempfang programmierte Maschine, und aus jedem Kampf geht die disfunktionale Maschine Bourne als Sieger hervor. Interessant ist dabei die Wahl der Waffen, die noch einmal die scheinbare Alltäglichkeit Bournes mit dem Geheimdienstbackground seiner Gegner kontrastiert. Wo die anderen Agenten fast nur mit Messern und Pistolen hantieren, funktioniert Bourne im Laufe dieser Kämpfe immer wieder Gebrauchsgegenstände zu Waffen um: In Die Bourne Identität ist es ein Kugelschreiber, in Die Bourne Verschwörung eine Zeitschrift und ein Kabel, in Das Bourne Ultimatum ein Buch und ein Handtuch.

Während klassische Männerbilder der Wiederkehr der klassischen Helden vorbehalten bleiben, man siehe Stirb langsam 4.0 und John Rambo, so setzen neuere Ursprungswerke verstärkt auf das Bourne-Rezept, casten Charakterdarsteller wie Liam Neeson oder Jungmimen wie James McAvoy, die eben nicht auf die Rolle des Actionhelden festgelegt sind. 96 Hours mit Neeson funktioniert dabei klassisch, der als Oskar Schindler bekannte Hüne spielt mit seinem Image. Als ehemaliger, extrem gut trainierter CIA-Agent räumt er wie eine gealterte Version von Jason Bourne auf, wobei er aufgrund seines anfangs ruhigen Auftretens von seinen Gegnern zu spät als Gefahr erkannt wird. Überspitzter wird dieses Männerbild in Wanted präsentiert, in dem ein kleiner, dauernd gemobter Büroangestellter zum Elitekiller aufsteigt. Sein natürliches Talent wird ihm von der Killerorganisation vor Augen geführt, exzessives Training aktiviert sein volles Leistungspotential, worauf der scheinbare Normalbürger und Loser sich dann über jene erheben kann, die zu Filmbeginn noch auf ihn herabsehen. Doch selbst der Urvater aller Kinoagenten, ein an sich unnahbares Ideal von Männlichkeit, mußte sich beim Re-Start der Franchise gen Bourne orientieren: James Bond. Nicht nur die Kampfszenen sind deutlich näher an den Werken mit Matt Damon, nicht nur die Inszenierung von Ein Quantum Trost schreit nach Bourne-Inspiration, auch die Hauptfigur erfährt eine Umdeutung. Der Zuschauer erlebt Bonds Lehrjahre, in denen er eben eine disfunktionale Killermaschine ist, mehrfach die Anweisungen seiner Vorgesetzten in einem Ausmaß ignoriert, das sich frühere Bond-Inkarnationen nicht zugetraut hätten. Darüber hinaus liefert Casino Royale dann den emotionalen Kern zum endgültigen Verständnis Bonds, denn auch hier ist es der Tod der geliebten Frau, der Bond zu Höchstleistungen anspornt – ähnlich wie im Falle Jason Bournes. Doch dies sind nur einige Beispiele, man denke an das unauffällig scheinende Killerehepaar aus Mr. and Mrs. Smith oder die eher nach Model denn nach Bodybuilder aussehenden Kampfsportler aus The Fighters.

Matt Damon, Liam Neeson, James McAvoy und Daniel Craig verkörpern also die Figuren, die eher durchschnittlich aussehen, es dann im Endeffekt aber nicht sind. Greift hingegen der Normalbürger zu den Waffen, muß er mit Konsequenzen rechnen, wie James Wans Death Sentence dann bestätigt. Der Familienvater auf Rachefeldzug ist kurzfristig siegreich, da man ihn eben unterschätzt, ähnlich wie man Jason Bourne oder Bryan Mills aus 96 Hours beim ersten Anblick unterschätzen mag. Nick Hume aus Death Sentence allerdings genießt keine spezielle Ausbildung, kein ererbtes Talent, und so sind die Folgen seines Handelns schlußendlich umso bitterer, wenn er sterbend erkennen muß, daß er durch Nicht-Handeln mehr erreicht hätte, da er eben kein Profi ist. Wohin sich die Profis weiterentwickeln, bleibt abzuwarten. Eine Gegenoffensive zur Propagierung des klassischen Männerbildes dürfte demnächst The Expendables bieten, in dem unter anderem die alten Recken Sylvester Stallone, Dolph Lundgren und Mickey Rourke als Söldner auftreten – natürlich inklusive Gastauftritt von Arnold Schwarzenegger. 2009-08-17 12:30
© 2012, Schnitt Online

Sitemap