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Michael Mechel als Karl in Die Brücke (Bernhard Wicki, 1959)

Die Zeit der verlorenen Unschuld

Vor exakt 50 Jahren wurde Bernhard Wickis Die Brücke uraufgeführt. Michael Mechel, einer der jugendlichen Hauptdarsteller, erinnert sich

Von Michael Mechel Im Oktober 1959 hatte der legendäre Antikriegsfilm Die Brücke Welturaufführung, also vor einem halben Jahrhundert. Bernhard Wicki wäre ebenfalls im Oktober 2009 zum Jubiläum seines Werks 90 Jahre alt geworden. Ich hatte das Glück, unter meinem Geburtsnamen Balzer, einen der sieben Brücke-Jungen zu spielen. In den zurückliegenden fünf Jahrzehnten war für mich eine Erinnerung an die Dreharbeiten besonders bedeutsam. Es handelt sich um jene Nachtaufnahme, in der Wicki eine Schlüsselszene meiner Rolle gearbeitet hat.

Der Frisörsohn Karl entbehrt seit Langem mütterlicher Wärme. Heimlich ist er in die frauliche Angestellte seines Vaters verliebt. Leidenschaftlich und linkisch. Eines Abends steigt er die Wendeltreppe hoch, die am Zimmer seines Vaters vorbeiführt. Ihn irritiert ein Geräusch, und er schaut durch den Riß im Türblatt. Die Angebetete zieht gerade ihren Rock die nackten Beine empor. In ohnmächtiger Wut preßt er seine Fäuste vor den Mund. Später wird ihn ein amerikanischer Soldat mit dem Ausruf »kindergarten!« an den verhaßten Vater erinnern. Er tötet den Mann mit bösen Bauchschüssen und wird selbst getötet.

In der Nachtaufnahme galt es nun, die Szene auf der Treppe in den Kasten zu kriegen. Ich bin der einzige Darsteller am Set. Es ist schon spät. Im realen Treppenhaus ist es zugig. Das Team hofft, bald ins Hotel zu kommen. »So lange kann das doch nicht dauern!« Wicki taucht unvermittelt auf und ist in bester Laune. Der charismatische, wuchtige Mann versucht, mich mit seiner Vitalität anzustecken. Ich bin offen und fühle mich von ihm getragen.

Aber die Einstellung mit den geballten Fäusten bringt eine Wende. Wicki vermißt etwas in meinem Ausdruck. Er wird hart. Er beißt sich fest. Er wiederholt und wiederholt – ohne Ende. Unwillkürlich schließe ich mich wieder. Mir wird kalt. Nebenher nehme ich die taxierenden Blicke des Teams wahr. Ich schäme mich. Das treibt mich, Wicki während eines Filmwechsels auf die Seite zu bitten. Ich offenbare mich leise: »Alle warten auf mich, ich schäme mich, ich kann es aber nicht besser, bitte nur noch zwei Aufnahmen, bitte!«

Der Vierzigjährige schaute den Vierzehnjährigen merkwürdig an. Ich machte mich auf eine unduldsame Antwort gefaßt, denn Wicki ließ sich am Set, wenn auch selten, zu rabiaten Reaktionen hinreißen. Plötzlich sagt er: »Du bist doch eine Leseratte, du hast wahrscheinlich den Aufsatz von Kleist über das Marionettentheater gelesen.« Ich nickte erleichtert. »Dann weißt du, daß es für einen Künstler drei Zustände gibt. Die erste Naivität, es gelingt fast alles. Dann kommt unweigerlich die Zeit der verlorenen Unschuld, es mißlingt vieles. Schließlich erarbeiten sich manche eine zweite Naivität, und es gelingt wieder das meiste. Du bist begabt, aber mittlerweile in der Zeit der verlorenen Unschuld. Du mußt dich deswegen nicht schämen. Wir machen noch die zwei Aufnahmen und dann ist Schluß!« Der Übervater hat Wort gehalten.

Als ich den fertigen Film zum ersten Mal sah, wartete ich nur auf die bewußte Szene. Eben an der Stelle, an der ich Wicki etwas schuldig geblieben war, hatte er einen kaum hörbaren Urlaut unterlegen lassen, der meinem Ausdruck sozusagen zwei Gramm Vatermord hinzufügen sollte. Jedes Mal – auch heute noch – warte ich geduldig auf diesen Urlaut. Meine Theaterjahre hat mich die kleine Geschichte begleitet. Es gibt immer wieder selbstherrliche Spielleiter, ich dachte dann an Wickis Nachsicht. Es gibt immer wieder willensschwache Spielleiter, ich dachte an Wickis Unbeirrbarkeit. Vielen Schauspielschülern habe ich diese Anekdote aus dem Geiste Kleists erzählt.

Ich habe sie auch Wicki selbst erzählt. Er hatte mich 1989 in einem Fernsehporträt zu seinem Geburtstag kurzerhand totgesagt. Ich sei leider irgendwann ertrunken. Ich war vom Donner gerührt. Mit Kinderaugen fragte ich meine Frau: »Bin ich jetzt tot?« Sie lachte – Totgesagte leben länger. Ich schrieb Wicki ein Lebenszeichen. Der Siebzigjährige antwortete nicht. Aber einem späteren Interview von ihm entnahm ich, daß er meinen Brief durchaus zur Kenntnis genommen hatte. Ich habe ihm darin die Zeit der verlorenen Unschuld im Städtchen Cham am Fluß Regen nach 30 Jahren widergespiegelt. Ob ihn diese Hommage befremdet oder gefreut hat, weiß ich nicht. 2009-10-22 15:56

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