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Höhepunkt des Genres: John Leguizamos Autobiographie

Hollywood-Autobiographien

Zwischen Leidensratgeber, Lebensbeichten und Lästerspaß

Von Daniel Bickermann Tony Curtis hat es getan, Ernest Borgnine auch. Denzel Washington ebenso wie Jane Fonda, Marylin Monroe und Debra Winger. Michael J. Fox sogar zweimal. Anne Heche, Mariel Hemmingway, Helen Mirren und Peter Coyote – sie alle haben Bücher über ihr Leben geschrieben. Sogar Chuck Norris hat inzwischen seine Memoiren vorliegen. Ja, genau, DER Chuck Norris. Warum aber lesen wir die Lebensgeschichten mehr oder weniger berühmter Hollywood-Akteure?

David Foster Wallace nahm einst die fremdgeschriebene und trotzdem schockierend kunstfreie Autobiographie »Beyond Centre Court: My Story« des früheren US-Tennis-Wunderkinds Tracy Austin zum Anlaß einer scharfsinnigen Analyse, warum wir überhaupt Memoiren berühmter Sportler lesen, obwohl sie doch ausnahmslos voller tausendmal gehörter Platitüden stecken, die noch dazu sprachlich äußerst dürftig aufbereitet sind. Seine Einsicht war erstaunlich treffend: Sosehr wir uns danach sehnen, von großen Gefühlsdramen literarisch überwältigt zu werden, müssen wir doch jedes Mal enttäuscht werden, weil der perfekte Sportler aus zwei Gründen zu einem solchen Buch per definitionem unfähig sein muß. Zum einen kann er den Triumph nicht als überwältigendes Gefühlsdrama wahrnehmen (wäre es für ihn tatsächlich überwältigend, dann wäre er im Scheinwerferlicht nicht mehr in der Lage, Höchstleistungen zu vollbringen) und zum anderen, dies bedingt sich schon durch seinen Lebenslauf, hat ein wahrer Spitzensportler keinerlei Zeit gehabt, auch nur einen Hauch literarisches Talent auszubilden. Der perfekte Sportler, sagt Wallace, ist nunmal derjenige, der die Platitüden tatsächlich glaubt und verinnerlicht hat, also sollten wir auch nicht verwundert sein, sie in seinen Büchern wiederholt zu finden.

Nun sollte man doch meinen, bei Schauspielern wäre dies anders. Zum einen sind sie im Gegensatz zu Hochleistungssportlern geradezu prädestiniert für Gefühlsdramen um Verlust und Triumph (und falls nicht, dann haben sie immerhin gelernt, es verdammt gut vorzutäuschen), und ein wenig literarisches Talent könnte beim einen oder anderen Thespen nach jahrzehntelangem Umgang mit narrativen Texten doch auch hängengeblieben sein, oder?

Warum also enttäuschen dann auch in diesem Bereich so viele Bücher? Warum läßt Katherine Hepburn die schmackhaftesten Episoden ihres Lebens aus und schrieb statt von schimmernden Legenden wie ihrer offenen Ehe, ihren Liebschaften mit Howard Hughes, ihrer frühen Tendenz zum Cross-Dressing und einer ganzen Reihe bisexueller Affären lieber eine recht heimelige Variante voller Dankbarkeit und Harmonie – wohingegen Schwerenöter Errol Flynn (»My Wicked Wicked Ways«) so haarsträubende Bettgeschichten verbreitet, daß man nur hoffen kann, daß zumindest einige davon erfunden sein mögen? Warum hält Kevin Smiths Autobiographie, was ihr Titel »My Boring Ass Life« verspricht? Warum sind die Memoiren der taubstummen Oscargewinnerin Marlee Matlin, deren Lebensgeschichte mit Mißbrauch, Drogenabhängigkeit, stürmischen Affären mit Oscar-Kollegen und natürlich ihrer Behinderung doch nun wirklich mitreißender Stoff sein sollte, eines der schwächeren Bücher der Schauspielerin geworden, die inzwischen eine ganze Reihe durchaus erfolgreicher Jugendromane verfaßt hat?

Nun, ein erster Orientierungspunkt ist die Tatsache, daß es keineswegs die berühmtesten Stars sind, deren Lebensgeschichten sich am besten lesen. Echte literarische Begabung ist doch eher in der zweiten und dritten Reihe Hollywoods auszumachen, wo beispielsweise Leonard Nimoy neben Gedichtbänden, Fotographiealben und allerlei Prosa die brillant betitelte, doppelbändige Biographie »I am Spock« und »I am not Spock« herausbrachte, die durchaus lesenswert ist. Auch die Erinnerungen des Musicalveteranen und Linklater-Kleindarstellers Anthony Rapp, der ein bewegendes Buch über die Entstehung des Musicals Rent auf der Bühne und im Film beschreibt und dabei seiner an AIDS verstorbenen Freunde sowie seiner dem Krebs erlegenen Mutter gedenkt, überzeugen weniger durch Star-Appeal als vielmehr durch bewegende Schilderungen einer bewegten Zeit. Und dann gibt es da noch den Film- und Fernsehkomödianten Alan Alda, der ebenfalls zwei Memoiren schrieb, die schon allein für die originellen Titel »Things I Overheard While Talking to Myself« und »Never Have Your Dog Stuffed, And Other Things I've Learned« eine besondere Erwähnung verdienen. Es scheint unnötig zu erwähnen, daß Groucho Marx natürlich das bestgeschriebene unter den hier aufgeführten Büchern verfaßt hat – »Groucho & Me« ist noch immer ein Meilenstein des Genres, vermischt frivol Phantasie und Realität und reduziert das Leben des berühmtesten Marx Brothers auf eine hastige Farce aus haarsträubenden Anekdoten, die auch einem seiner Filme nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätten.

Wer aber kauft und liest all die anderen Bücher? Ein oder zwei literarische Meisterstücke können doch wohl nicht das immer und immer wieder befeuerte Interesse an Schauspieler-Autobiographien erklären? Ein offensichtlicher Grund für den anhaltenden Erfolg dieses Geschäftsmodells scheint zu sein, daß man berühmten Filmstars große Autorität über einzelne Wissens- und Lebensbereiche zuspricht – wenn auch praktisch nie über die Schauspielerei, denn bezeichnenderweise hat es noch kein Filmstar gewagt, ein Buch über die Kunst der Darstellung herauszugeben. So liest man bei der Fernsehschauspielerin Kristin Chenoweth oder bei Sidney Poitier gerne über Spiritualität und Glauben, bei Shirley MacLaine über das Altern in Würde, man blättert durch Paul Reisers halbernsten Ratgeber »Couplehood« über auf der Suche nach Beziehungstips oder konsultiert im Zweifelsfall gleich Pornostar Jenna Jameson, wie man das Intimleben noch etwas aufpeppen kann (»How to make love like a Porn Star«). Offenbar entblödet sich das Lesepublikum nicht einmal, sich von Tori Spelling über das Leben als Mutter belehren zu lassen (»Mommywood«) oder sich ausgerechnet von Alec Baldwin Ratschläge zur Bewältigung von Ehekrisen anzuhören (»A Promise to Ourselves: A Journey Through Fatherhood and Divorce«).

Meist sind es aber öffentlich ausgetragene (und idealerweise überstandene) Krankheiten, die zum Verfassen eines Buches Anlaß geben, wenn die »Nanny« Fran Drescher über Krebs schreibt (»Cancer Schmancer«), Mary Tyler Moore ihr Leben mit Zuckerkrankheit schildert (»Growing Up Again: Life, Loves, and Oh Yeah, Diabetes«) oder Brooke Shields ihren inzwischen berüchtigten Bericht über postnatale Depression abgibt. In dieser Sektion finden sich dann nur noch sehr vereinzelt unverhoffte Juwelen der Unterhaltungsliteratur: Carrie Fishers wunderbar respektlose Abrechnung mit Hollywood, dem Alkohol und sich selbst hat beispielsweise durchaus einen Platz im Regal verdient. In »Wishful Drinking« kann man sowohl die selbstironische Komikerin als auch die sehr talentierte Romanautorin erkennen, die aus Fisher nach den traumatischen Post-Star Wars-Jahren letztlich wurde.

Doch manche der frischgebackenen Buchautoren kontern die ursprüngliche Frage, warum wir uns das alles eigentlich zumuten sollen, auch mit einer simplen und endgültigen, weil endlich validen Antwort: Schadenfreude. Denn ganz im Gegensatz zum Beispiel zur Tennisspielerin Tracy Austin, die für jede einzelne ihrer Gegnerinnen, für jedes Familienmitglied und für alle Prominenten, die sie erwähnt, nur warme und freundliche (und sterbenslangweilige) Worte übrig hat, ist die Hollywood-Biographie erst dann komplett, wenn auch wirklich mit all den Stümpern, Versagern und drogenabhängigen Fettsäcken abgerechnet wird, mit denen man jemals zusammenarbeiten mußte – je prominenter, desto besser. Fairness ist was für den Tennisplatz, in der Filmbranche gehört das Nachtreten zum guten Ton. Und im Gegensatz zu einer Tracy Austin haben manche Autoren auch das literarische Talent, diese Abrechnung richtig schmackhaft und abgründig zu machen.

Ich möchte an dieser Stelle vier Beispiele herausstellen und ausdrücklich empfehlen, die nicht nur sprachlich und literarisch äußerst lesenswert sind, sondern auch alle Rücksicht und gutes Betragen längst zum Fenster herausgeworfen haben. Sie alle nennen Namen, sie alle ziehen Kollegen und Bosse gnadenlos durch den Kakao – und zur großen Überraschung dieses Rezensenten dürfen sie alle auch immer noch in Hollywood arbeiten. Auch wenn es vielleicht kein ganz so unbeschwertes Leben mehr ist, wenn man ständig Angst haben muß, von Bruce Willis oder Alec Baldwin verprügelt zu werden.

Bruce Campbells »If Chins Could Kill: Confessions of a B Movie Actor« ist bei weitem das zahmste dieser vier Beispiele. Kein Wunder: Campbell durfte noch nie in Hollywood arbeiten, daher ist die Fallhöhe ohnehin nicht so groß. An Tratsch gibt es da also nicht allzu viel: Hier mal eine kichernde Bemerkung, daß Sam Raimi der späteren Oscar-Preisträgerin Holly Hunter keine Rolle in Tanz der Teufel geben wollte, weil sie ihm nicht sexy genug war, dort mal eine lustige Anekdote über die frühen Tricks der Coen-Brüder, Haupt- und Nebendarsteller bei nachträglichen Filmaufnahmen von hinten zu filmen und durch Statisten zu ersetzen, das war’s auch schon. Campbell ist viel zu gut gelaunt, viel zu untalentiert und viel zu ehrgeizfrei, um mit wirklich mächtigen Figuren aneinanderzugeraten. Statt dessen läßt er einige der schönsten Kapitelüberschriften aller Zeiten vom Stapel (»There’s No Budget Like Low-Budget«, »What Else Have I Got To Do For the Next Six Weeks?«) wirft mit unbezahlbaren B-Movie-Weisheiten um sich (»The higher the budget, the lower my part«) und zitiert durchgehend besorgniserregende E-Mails, die er von seinen fanatischen Anhängern erhält (»Will you go with me to my senior prom?«).

Campbells köstliche und äußerst empfehlenswerte Lebensbeichte ist vor allem eine grandiose Übung in Selbstironie. Lustvoll und lustig beschreibt er die kindische Freude, die Raimi daran hatte, den armen Hauptdarsteller für seine frühe Horror-Schocker mitsamt Kamera in grobe Holzkonstruktionen zu spannen, diese auf einen Jeep zu montieren und anschließend in mörderischem Tempo durch den Wald zu fegen. Die Beschreibungen solcher und zahlreicher anderer perfider Quälereien sorgen nicht nur für herzliche Schadenfreude, sondern zeigen talentierten Nachwuchsfilmern auch einige selbstgebaute Spezialeffekte – samt Zeichnung! –, die man sich zum Beispiel mit Hilfe von Kamera, Besenstiel, Tapeziertisch und Schweinfett auch gerne selbst basteln kann. Campbells Vorteil ist, daß er seine Stärken sehr genau kennt: Die beiden größten Anreize der Evil Dead-Reihe bestehen ja zum einen darin, die gemeinen Schindereien zu bekichern, die Bruce Campbell zugefügt werden, und zum anderen eben in der Bewunderung für den innovativen No-Budget-Filmer Sam Raimi. Campbell liefert also genau das, was den Leser interessiert, langweilt nicht mit prätentiösen Kunstansichten und läßt uns bei keiner seiner larmoyanten Klagen über die Demütigungen der B-Darstellerexistenz vergessen, daß er eigentlich nur seine enthusiastischen Kindheitsspiele im Wald zu seinem Beruf gemacht hat, und daß er es selbst noch nicht ganz wahrhaben kann, daß ihm irgend jemand dafür tatsächlich Geld bezahlt. Endlich ein Schauspieler, der in seiner Autobiographie genau das einlöst, was er in seinen Filmen versprochen hat.

Richard E. Grants Erinnerungsbuch »With Nails« ist da schon eine etwas gemeinere Abrechnung mit Hollywood, in der er fröhlich über den Größenwahnsinn einiger Tinseltown-Spinner und ihrer sinnlosen Liebhaberprojekte herzieht. Anders als Campbell durfte Grant zumindest als Nebenbeteiligter an einigen groß budgetierten Hollywood-Sets herumhängen, und seine dort gesammelten Erfahrungen lösen ein Gefühlsspektrum irgendwo zwischen Lachen und Gruseln aus.

Als gelernter Theaterschauspieler fand sich Grant in seiner ersten Filmrolle gleich in der inzwischen legendären Säuferkomödie Withnail & I wieder, wo er in der Titelrolle trotz seiner völligen Alkoholabstinenz einen sensationellen Einstand feierte und quasi über Nacht zum international gefragten Filmstar mutierte. Das Problem an der Geschichte war, daß Withnail-Regisseur Bruce Robinson, ebenfalls völlig neu im Filmgeschäft, ein ebenso kreatives wie chaotisches Set führte, was den von Grund auf kritischen Grant zwar belustigte, ihn aber auch gnadenlos verwöhnte. Damals konnte er noch nicht ahnen, daß er künftig beim Dreh von Bid-Budget-Schundfilmen wie Spice World Schauspiellegenden am Tiefpunkt ihrer Karriere und völlig hilflose Regisseure am Ende ihrer Nerven erleben sollte. Von Scorseses Zeit der Unschuld über Philip Kaufmans Henry & June bis zu Francis Ford Coppolas Dracula hatte er stets das Pech, Meisterregisseure in ihren nicht gerade glücklichsten Stunden miterleben zu müssen. Diese Tendenz kulminiert schließlich in Grants schaurig-schönen Erinnerungen an die Dreharbeiten zum Bruce-Willis-Megaflops Hudson Hawk. Wenn man Grant glauben darf, dann standen er und die wunderbare Sandra Bernhard ungläubig und belustigt daneben, als dieser filmische Scherbenhaufen implodierte, als Nebendarsteller das Drehbuch änderten, um den eigenen Filmtod zu verhindern, als Stars mit ihren Allüren Amok liefen und als ein schwacher Regisseur irgendwo zwischen Studio-Anforderungen und großmäuligen Hauptdarstellern zerrieben wurde. Vom Produzenten Joel Silver über den Regisseur Michael Lehmann bis zu den verwöhnten Akteuren Bruce Willis und Danny Aiello kriegt hier wirklich jeder sein Fett weg.

Während Grant aber nur gemäßigt und gezielt austeilt und anderen Kollaborateuren (wie Robert Altman beispielsweise) äußerst respektvoll gegenübersteht, keilt Art Linson wirklich in alle Richtungen aus: In seinen ätzenden Insider-Memoiren »What Just Happened: Bitter Hollywood Tales from the Front Line« versucht der noch immer tätige Produzent schlüssig zu belegen, daß man in Hollywood niemandem vertrauen darf, keiner irgendeine Ahnung hat und im Prinzip alle haarsträubende Spinner sind. Los Angeles ist bei Linson ein Schlachtfeld, auf dem jeder gegen jeden kämpft und am Schluß mit Glück ein guter, mit Pech ein schlechter und mit viel Pech gar kein Film entsteht.

Im Stile von William Goldmans Komplettabrechnung »Adventures in the Screen Trade« führt Linson vier ausgesuchte Beispiele aus seiner Erfahrung ins Feld, um klarzumachen, woran Filme so alles scheitern können: Von Drehbüchern, die keine Namen haben, über skurrile Schauspielerabsagen (Robert DeNiro will nicht gegen eine animatronischen Bären kämpfen) bis zu vertragsbrechendem Diventum (Alec Baldwin hatte sich Mitte der Neunziger ein solches Doppelkinn angefuttert, daß er sich weigerte, für die Dreharbeiten seinen rauschenden Vollbart abzurasieren), von planlosen Studiobossen, größenwahnsinnigen Regie-Debütanten und sabotierenden Marketingabteilungen findet man hier alles, was das Misanthropenherz begehrt. Da in der Verfilmung von Linsons Buch, die in Deutschland unter dem Titel Inside Holywood anlief, die schönsten Filetstückchen zwar ausgebreitet werden, ganz anders als im Buch auf die Namensgebung der realen Personen verzichtet wurde, ist die Lektüre des Buches dann doch vorzuziehen.

(Wobei Linsons Buch übrigens zu früh kam: der neuseeländische Action-Regisseur Lee Tamahori, von Linson für seine Handhabung von Auf Messers Schneide als unprofessioneller, unorganisierter und durchsetzungsunfähiger Schwächling beschimpft, wurde einige Jahre nach Veröffentlichung des Linsonschen Rundumschlags von einem Undercover-Polizisten in L.A. festgenommen: Tamahori war in Frauenkleidern unterwegs und bot sexuelle Gefälligkeiten gegen Geld an. Bei solchen Nachrichten wünscht man sich, Linson würde noch einmal eine aktualisierte Ausgabe seiner ätzenden Abrechnung herausgeben, um auch wirklich alle Absurditäten und Peinlichkeiten breit auszutreten. Übrigens darf auch Tamahori wieder Big-Budget-Actionfilme drehen – Los Angeles ist die schließlich die Stadt, die alles vergibt.)

Ein unbestreitbarer Höhepunkt des Genres ist schließlich John Leguizamos »Pimps, Hos, Playa Hatas and All the Rest of My Hollywood Friends«. Leguizamo, der inzwischen auch mit seinen autobiographischen One-Man-Theatershows für Furore sorgte, breitet ganz im Stil eines raffinierten Entertainers eine Anekdote nach der anderen vor dem staunenden Leser aus und verliert dabei vor allem nie seinen lässigen Gossen-Slang. Leguizamo ist (mit der Ausnahme von Groucho Marx vielleicht) der einzige Autor hier, dessen erzählerischer Tonfall mit dem haarsträubenden Inhalt nicht nur mithalten kann, sondern ihn stellenweise sogar noch übertrifft. »Pimps, Hos, Playa Hatas and All the Rest of My Hollywood Friends« ist in einem umgangssprachlichen Plauderton geschrieben, als würde Leguizamo einem Barkeeper nach dem siebten Bier von seinen Eheproblemen vorjammern (»Damn, yo. First she attacks my mother’s manhood, now mine.«), über die doofen Kollegen ablästern (»Never block the light of a movie star. Got it. Cocksucker.«) und generelle Lebensweisheiten absondern (»Never fuck with the crew. Cuz they will fuck with your happiness.«) Beste Stelle ist wohl seine Erzählung von einem extraharten New Yorker Strafrichter, den alle nur »The Time Machine« nannten, weil die von ihm ausgeteilten Haftstrafen so happig waren, und der einmal einen Gangster mit den Worten wegsperrte: »Dein Bewährungshelfer ist noch nicht geboren.« (»Damn, that’s cold«, staunt Leguizamo kopfschüttelnd.) Solche Erzählungen aus den Randbereichen der Stadt oder dem eigenen Privatleben gelingen Leguizamo häufig noch besser als seine prominenten Hollywood-Erinnerungen.

Was nicht bedeuten soll, daß diese nicht auch hochgradig faszinierend sind. Hier finden sich wunderbare Anekdoten aus der Zeit, als Leguizamo, Cheech Marin und Benicio del Toro noch die einzigen Hispano-Amerikaner im Geschäft waren und sich dauernd beim Vorsprechen für mexikanische Drogendealerrollen in Miami Vice trafen – die zum allgemeinen Entsetzen regelmäßig irgendein Italiener kriegte (im Zuge des »Al Pacino-Austauschprogramms«, wie Leguizamo stichelnd anmerkt), der als dann meist als Hispano ähnlich glaubhaft war wie seinerzeit Charlton Heston als Mexikaner in Touch of Evil. Aber auch sonst: Drogenpartys in Thailand während der Drehpausen zu Die Verdammten des Krieges, als Drag Queens unterwegs mit Patrick Swayze und Wesley Snipes in To Wong Foo, wilde Gelage mit Leo DiCaprio während Romeo und Juliet, in Carlito’s Way Al Pacino von hinten abknallen, am Set des Jahrzehnt-Flops Super Mario Brothers das Ende der Filmkultur miterleben – Leguizamo gehen die Geschichten einfach nicht aus. Und ein Lästermaul sondersgleichen hat dieser Mann. Er hat sehr genau zugeschaut, welcher große Star die kleinen Nebendarsteller-Kollegen mies behandelt, und das führt dann schon mal dazu, daß er etwa einen Kevin Costner mit üblen, üblen Namen belegt und über die zahlreichen und unsubtilen Anmachsprüche eines Arnold Schwarzeneggers staunt. Dazu einige herzerweichend respektlose Erinnerungen an die eigene Familie und an die erschreckend unterhaltsamen Streitereien mit diversen Freundinnen – dieser Mann rotzt einfach alles aus, und es wird zu erzählerischem Gold. Was immer man über die anderen Hollywood-Autobiographien sagen will, diese hier ist sicherlich die unterhaltsamste.

Das nächste Mal sollte man also an den Schreibereien von Oli Kahn oder Dieter Bohlen vorbeigehen und vielleicht doch lieber zu einem Abrechnungsbuch eines Hollywood-Veteranen greifen. Müssen ja nicht unbedingt die Memoiren von Chuck Norris sein. 2010-02-17 13:12
© 2012, Schnitt Online

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