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Der aktuelle Trend hin zum gealterten Vigilanten: Mel Gibson als Thomas Craven in Auftrag Rache

Mein ist die Rache!

Zu Selbstjustiz und Vergeltung im Gegenwartsfilm

Von Nils Bothmann Der Topos der Rache ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst, die Vergeltung von erlittenem Unrecht auf eigene Faust ein Relikt aus jener Zeit vor der Rechtssprechung. Das »Auge um Auge, Zahn um Zahn« des Alten Testaments gehört zu den ersten Versuchen, unkontrollierbaren Familienfehden entgegenzuwirken, damit wenigstens nur Gleiches mit Gleichem vergolten wird. Doch es geht eine tiefe Faszination vom archaischen Akt der Rache aus, durch die Mediengeschichte hinweg haben sich immer wieder Erzählungen mit dem Thema beschäftigt, von Shakespeares »Hamlet« über Alexandre Dumas' »Der Graf von Monte Christo« bis zu Brian Garfields Roman »Death Wish«. Doch nicht nur literarische Werke, sondern auch Film und Fernsehen greifen den Topos immer wieder gern auf.

Der Filmwissenschaftler Rick Altman hat die Theorie der semantischen und der syntaktischen Funktion eines Genres aufgestellt: Das semantische Feld umspannt Bildinhalte, Stars und Requisiten, die als entscheidende Genremarker fungieren, das syntaktische bestimmte Erzählstrukturen, die typisch für eine Genre sind. Von daher ist es schwer den Rachefilm als vollwertiges Genre einzustufen; es handelt sich viel eher um eine Erzählstruktur, die in verschiedenen Genres auftreten kann. Gerade der Italowestern und der klassische Martial Arts Film erzählen oft Geschichten von Vergeltung und gehören zu den Wegbereitern des modernen Actionfilms, der aktuell die meisten Rachegeschichten gebiert.

Des weiteren muß man zwischen Rache- und Selbstjustizfilmen unterscheiden. Letztere zeigen Helden, die außerhalb des Gesetzes agieren, um ihr Ziel zu erreichen, aber nicht notwendigerweise persönlich involviert sind. Rachefilme hingegen kreisen meist um ein bestimmtes, häufig zu Beginn des Films gezeigtes Ereignis, für welches im weiteren Verlauf Vergeltung gesucht wird. Da Rache im modernen Rechtsstaat verboten ist, ist jeder moderne Rache- gleichzeitig auch ein Selbstjustizfilm, wobei die Grenzen nicht immer klar zu trennen sind. Der eigenmächtige Kampf des Helden gegen Menschenhändler in 96 Hours ist klar Selbstjustiz, allerdings haben die Verbrecher seine Tochter »nur« entführt – in den meisten Vertretern des Genres sind noch schlimmere Verbrechen Initialzündung für den Feldzug des Protagonisten, jedoch kann man auch 96 Hours mit diesem Anlaß ebenfalls zu den Rachefilmen sortieren.

Der Wegbereiter Dirty Harry ist allerdings ein Selbstjustizfilm, da Harry Callahan keine Vergeltung für erlittenes Unrecht sucht, so persönlich seine Fehde mit dem Killer Scorpio auch ist. Die 1970er Jahre sahen neben Dirty Harry einen weiteren Klassiker dieser Art, der sich als waschechter Rachefilm und prägender Genreeinfluß erwies: Ein Mann sieht rot, im Original Death Wish, die Verfilmung von Brian Garfields gleichnamigem Roman. Der Erfolg der beiden Filme brachte gleich eine ganze Reihe von Nachahmern hervor, die Hauptdarsteller Clint Eastwood und Charles Bronson, die bereits in verschiedenen Western Rächerfiguren gespielt hatten, wurden zu Ikonen des Polizei- und Actionfilms. Im Undergroundkino feierte derweil der sogenannte »Rape and Revenge«-Film seine Blütezeit. Das zugrundeliegende Verbrechen ist, wie der Titel schon sagt, eine Vergewaltigung, die Rache wird meist vom Opfer, gelegentlich auch von seinen Verwandten ausgeübt. Das Subgenre, dessen wohl bekannteste Vertreter Wes Cravens The Last House on the Left, Abel Ferraras Die Frau mit der 45er Magnum und I Spit on Your Grave sind, wurde zwiespältig aufgenommen, vor allem von der feministischen Filmkritik: Die einen sahen darin schundige, auf billige Gewaltlust ausgelegte Exploitationkost, die anderen beschäftigten sich mit dem Bild der starken Frau im Angesicht der normalerweise männlich konnotierten Rachetopoi.

In den 1980er Jahren, zur Zeit des Reaganismus und des vom Präsidenten propagierten männlichen »hard body«-Ideals, wechselte der Rachefilm endgültig in den Mainstream. Großproduktionen wie Phantom Kommando feierten die eigenmächtige Vergeltung durch den harten Kerl, selbst James Bond killte in Lizenz zum Töten nicht für England, sondern um seinen Freund Felix Leiter zu rächen. Bis in die frühen 1990er Jahre konnten Genrestars wie Steven Seagal und Jean-Claude Van Damme mit Werken wie Zum Töten freigegeben und Geballte Ladung – Double Impact noch Publikum ins Kino locken, danach fristete der Rachefilm überwiegend ein Nischendasein in »direct to video«-Produktionen.

Seit einiger Zeit feiern Rachegeschichten jedoch ihr Comeback, weshalb sich die Frage nach dem Warum stellt. Vielerorts wurde die neue Popularität der filmischen Vergeltung – vor allem im amerikanischen Kino – als Reaktion auf den 11. September 2001 gelesen, doch diese Sichtweise greift zu kurz – nicht nur daher, da mittlerweile beinahe jede filmische Entwicklung, von der eskapistischen Komödie bis hin zur Wiederkehr des überharten Horrorfilms, eintönig als 9/11-Reaktion gelesen wird. Jedoch blühen die Rachefilme auch in einer Zeit auf, in der ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung einen Vergeltungskrieg in den sogenannten »Terrorstaaten« eher ablehnt als befürwortet, wie Umfrageergebnisse von 2006 zeigen. Zudem wird der Held im Rachefilm normalerweise zum Handeln gezwungen, da das System versagt und der Rechtsstaat die Verbrecher entkommen läßt – also genau jenes System, welches die US-Regierung repräsentiert.

Anstelle politisch-ideologischer Gründe kann man die Ursache vielmehr auf filmischer Ebene suchen, nämlich bei dem Trendsetter Kill Bill. Quentin Tarantino zitiert hier die filmischen Vorväter wie den klassischen Kung-Fu-Film, den Italowestern und den »Rape and Revenge«-Film. Gleichzeitig greift er den Trend starker Actionheldinnen auf, der kurz zuvor mit Werken wie Drei Engel für Charlie und Tomb Raider kommerzielle Erfolge feierte, und läßt Uma Thurman als entfesselte Rächerin los. Trotz hoher, die Zuschauerschaft begrenzender Freigaben, und trotz oder gerade wegen der Zweiteilung in Kill Bill: Volume 1 und Kill Bill: Volume 2 fuhr das postmoderne Racheepos große Summen ein. Vergeltung im Kino war wieder en vogue.

Kurz vor und parallel zu Tarantino beschäftigten sich nichtamerikanische Werke wie Irreversibel und Oldboy außerhalb fester Genrebahnen mit dem Thema der Vergeltung und gelangten kurzfristig in den Fokus, das große Abrechnen war jedoch im US-Kino angesagt. Die ersten Gehversuche setzen auf bewährte Kost, The Punisher von 2004 ist sogar eine Neuadaption der Comicserie, die 1989 bereits mit Dolph Lundgren verfilmt worden war. Paparazzi, scheinbar als Abrechnung mit dem in Hollywood verhaßten Beruf der Sensationsfotographen gedacht, hingegen war nicht nur ein mäßiges Filmchen, sondern blieb auch in den Kinos unbemerkt. Wesentlich mehr Aufsehen erregten Vier Brüder mit seinem Jungstarquartett in den Hauptrollen, ein auf leicht sozialkristisch gebürstetes Ghetto-Actionremake des Western Die vier Söhne der Katie Elder, und vor allem Man on Fire von Tony Scott, ebenfalls das Remake eines Selbstjustizfilms aus den 1980er Jahren. Während dieses Filmgespann noch recht konventionell ausfällt, so macht Man on Fire einen Trend der kommenden Rachefilmjahre deutlich: Anstelle des Einsatzes von Genrestars werden zunehmend Charakterköpfe in den Hauptrollen besetzt. Denzel Washington ist zwar immer wieder in Genrefilmen zu sehen, gewann vor Man on Fire jedoch bereits Oscars für Glory und Training Day. Was früher wahlweise als billige Exploitationware oder als kostenträchtiges, aber flaches und niederes Unterhaltungskino abgestempelt wurde, überschritt mehr und mehr die Schwelle zur Salonfähigkeit.

Auch Ridley Scotts Gladiator verband bereits einen Racheplot mit der epischen Inszenierung eines modernen Sandalenfilms; Vergeltung, Sühne und Selbstjustiz sind zentrale Themen der gefeierten Comicverfilmung Sin City, doch auch der klassische Racheactionfilm ohne Bemäntelung seiner gewalttätigen Topoi ließ sich immer weniger als Auswuchs eines Genres mit Genrestars für Genrefans lesen. 2007 sahen der Oscar-nominierte Kevin Bacon in Death Sentence und die Oscar-Preisträgerin Jodie Foster in Die Fremde in dir rot. Allerdings kehrte der Rachefilm nicht ganz ohne Transformation zurück, sondern um eine reflexive Ebene erweitert. Gerade Death Sentence parallelisiert nicht nur seinen Helden mit den Fieslingen, sondern zeigt am Ende auf, daß der Entschluß Selbstjustiz zu üben die falsche Entscheidung war, wie der Held in seiner schwersten Stunde erkennen muß. Die Fremde in dir hingegen zeichnet in der Tradition des ersten Death Wish nach, wie eine Radiomoderatorin nach einem Gewaltverbrechen zur paranoiden Vigilantenfigur wird. Neill Jordans versucht eine Einfühlung in diesen Charakter und wartet im Gegensatz zu seinen Genrekollegen mit einer weiblichen Hauptfigur auf, die nicht der comichaften Zitatwelt eines Kill Bill entsprungen ist, kann sich aber nie zwischen Opferdrama und Rächerphantasie entscheiden, zumal das Selbstjustiz offen legitimierende Ende in dem Kontext dann etwas unpassend und verlogen wirkt. Ein sehr frühes Werk der reflexiv erzählenden Selbstjustizfilme war die britische Low Budget-Produktion Blutrache – Dead Man's Shoes, die zwar mit einigen dramaturgischen Problemen zu kämpfen hat, am Ende aber zu einer nihilistischen Schlußfolgerung kommt: Wenn der Rächer zum Monster wird, dann kann er sich am Ende nur noch gegen sich selbst wenden.

Im gleichen Zug erfreuten sich die DVD-Premieren jener Genrestars, die es nicht mehr ins Kino schafften, einer nicht zu verachtenden Beliebtheit, mit Werken wie Urban Justice (Steven Seagal), Wake of Death (Jean-Claude Van Damme) und The Mechanik (Dolph Lundgren) begab sich der B-Actionfilm wieder auf den Rachetrip. All diese Filme setzten auf eine harte, wieder in Mode kommende Gewaltästhetik, stärker noch als die Genrekollegen im Kinosaal, während die sonstigen Actionvehikel im Mainstream eher jugendfreie Unterhaltung unterschiedlicher Couleur boten, vom comichaften Transformers bis hin zum ernsten Das Bourne Ultimatum. Das ausgesprochen gewalttätige The Punisher-Sequel von 2008, The Punisher: Warzone, schaffte es in den USA noch in die Lichtspielhäuser, hierzulande platzte der Kinostart kurzfristig – aufgrund absehbarer Freigabeprobleme, wie man munkelt. Mit einem SPIO/JK-Siegel gereichte es dem Film dann in Deutschland aber noch zur ungekürzten DVD-Premiere.

Neben der wenig zimperlichen Gewaltdarstellung, der Besetzung mit Charakterdarstellern und dem reflexiven Potential des aktuellen Rachefilms läßt sich ein weiterer Trend festmachen: Das Bild des gealterten Vigilanten. Ob dies eine Reaktion auf die vermehrten Nachrichten von Gewalttaten gegen Senioren ist, ist schwer zu sagen, da es kaum nachzuvollziehen ist, ob in den USA ähnliche Entwicklungen wie in Deutschland zu verzeichnen sind. Literarisch hatte sich der vor allem als Horrorautor bekannte Jack Ketchum bereits in seinem Roman »Red« (hierzulande: »Blutrot«) des Themas angenommen, der 2008 mit Brian Cox in der Hauptrolle verfilmt wurde. Red ist weniger an Action interessiert, mehr an der Gewaltspirale, die losgetreten wird, als drei Jugendliche Red, den Hund des gealterten Avery Ludlow, grundlos erschießen. In Deutschland reichte es nur zur DVD-Premiere, doch trotz einiger dramaturgischer Schwächen, gerade gegen Filmende, versucht sich der Film durchaus gekonnt an der Untersuchung von Gewalt und Gegengewalt, ähnlich wie es bereits bestimmte Werke von Sam Peckinpah und John Carpenter taten.

Weniger reflexiv, aber dafür um so actionreicher und spannender präsentiert sich der Rachetrip des nächsten alten Herren: Als pensionierter Geheimagent Bryan Mills wütete Liam Neeson in der Tradition alter Charles Bronson-Reißer und der französischen Polizeifilme der 1980er Jahre durch 96 Hours. Überwiegend positive Kritiken und ein hohes Einspielergebnis waren der Dank für Neesons Vorstellung, wobei die leisen, durchaus kritischen Ansätze des Films gern übersehen wurden: Der Held ist zwar ein liebender Vater und die Bösewichte haben ihr Schicksal verdient, andererseits bleibt stets zu fragen, wie ernst sich die Vigilantenfantasie zu nehmen ist, zumal sie ihren Helden als durchaus paranoide Person darstellt. Den leisesten und reflexivsten Beitrag zur Welle der Oldie-Rächer steuerte ausgerechnet Selbstjustizikone Clint Eastwood bei, dessen Gran Torino mit dem Killerimage seines Hauptdarstellers spielte. Ähnlich wie Eastwooods 1990er Jahre Requiem auf den (Rache-)Western, Erbarmungslos, verhandelt auch Gran Torino Themen wie Vergebung, Vergeltung und Sühne im Gewand eines ruhigen Dramas voller ironischer Brechungen. Doch Gran Torino ist alles andere als eine Wiederholung der Erbarmungslos-Topoi: Am Ende des Films findet Eastwood einen ganz anderen Ansatz, eine ganz andere Lösung für den Konflikt zwischen einem gealterten »tough guy« und seinen Widersachern.

Das Beispiel macht Schule, unlängst war Michael Caine in Großbritannien in Harry Brown zu sehen. Caine, der 1971 mit Jack rechnet ab einen populären Rachethriller abgeliefert hatte, muß hier allerdings bloß in einer geupdateten, wenig reflexiven Variante von Death Wish agieren. Ausgerechnet dieses ruhige britische Werk ist gerade im Vergleich zu höher budgetierten Großproduktionen der rechtskonservativste Beitrag zu den neueren Rachefilmen, rückt er seine meist jugendlichen Schurken doch überdeutlich als schamlose Widerlinge ins Bild, die den Tod eindeutig verdienen. Abseits der moralischen Fragen immer noch ein solider Thriller für Freunde der härteren Gangart, für diejenigen, die einen zweiten Gran Torino erwarten, allerdings eine nicht unbedingt angenehme Überraschung. Am Ende siegt der private Rachefeldzug über die Unfähigkeit der Polizei, das Versagen von Resozialisierungsmaßnahmen und natürlich die durchweg schmierigen Verbrecher, die mit aller Härte ausgemerzt werden.

Mit Black Dynamite war 2009 dann der erste parodistische Vergeltungsfilm zu sehen, der allerdings eher die Blaxploitation-Reißer der 1970er Jahre aufs Korn nahm; der mit dem Actionstar Gerard Butler besetzte Law Abiding Citizen hingegen versuchte das Motiv der Rache noch weiter auszuloten: Hier ist die Tötung zweier Krimineller nur der Anfang, im weiteren Verlauf greift der Vigilante das Justizsystem selbst an. Dieses war als ineffektiver, wenn nicht gar korrupter Apparat stets im Rachefilm präsentiert, diente aber in den meisten Fällen lediglich zur Legitimierung des Alleingangs des Helden. Law Abiding Citizen, bei uns Gesetz der Rache betitelt, versucht sich nun an der Grundsatzfrage, ob ein scheinbar ineffektives System auch ein bekämpfenswertes System sei, zeigt interessante Ansätze auf, doch denkt seinen Gedanken leider nicht zu Ende: Im Finale verkommt F. Gary Grays Film zum überkonstruierten Thrillervehikel, der seine Prämisse und einen Großteil seiner inneren Logik zugunsten eines konventionellen Finales über Bord wirft. Die Grundsatzfrage bleibt also unbeantwortet, der Versuch sie zu stellen, war aber immerhin ehrbar. Und das letzte Wort zum aktuellen Rachefilm ist ganz sicher nicht gesprochen: Jüngst jagte Mel Gibson als Cop die Mörder seiner Tochter in Edge of Darkness, in Deutschland mal wieder besonders kreativ betitelt und zwar als Auftrag Rache. Etwas Neues konnte Martin Campbells Mischung aus Rachedrama und Politthriller dem Genre nicht hinzufügen, doch dem aktuellen Trend des gealterten Vigilanten einen weiteren Eintrag hinzufügen. 2010-04-09 11:30
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