— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Zwischen vor und hinter der Kamera fühlt sich unser Autor Dietrich Brüggemann am wohlsten

Mäkeln vs. Machen

Zwischen Filmkritik und Filmregie

Von Dietrich Brüggemann Soweit ich weiß, hat bisher kein Redakteur dieser Zeitschrift selber einen Film gemacht. Es ist umgekehrt nicht sehr häufig, daß Filmemacher sich nebenher als Kritiker betätigen. Mit Renn, wenn du kannst kommt jetzt ein Film in die Kinos, dessen Regisseur, also ich selber, seit grauer Vorzeit für den »Schnitt« schreibt. Und das gibt mir zu denken. Was mache ich da eigentlich? Was wirkt wechselweise wie worauf? Eigentlich hätte ich für diese kleine Betrachtung gern den Dreischnitt gehabt: Dieser Essay, dann eine freundliche Kritik und schließlich ein anständiger Verriss. Das wäre gleichermaßen ehrlich und lustig gewesen, ging aber irgendwie nicht, und da hätten wir schon eine wesentliche Gemeinsamkeit von Filmemachen und Zeitschriftenmachen: Man denkt sich was aus, kämpft mit dem Budget, mit anderen Leuten, mit sich selber, am Ende ist es anders als gedacht und oft zwei Nummern kleiner.

Als ich 1998 als Komparse am Set von Hans-Christian Schmids 23 herumstand, waren da zwei Typen, die den Kameramann interviewen wollten. So lernte ich Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten kennen. Ich war jung, hatte keine Ahnung und wollte Filme machen. Sie waren ein wenig älter, hatten eine Menge Ahnung und eine eigene Zeitschrift. Irgendwie kamen wir zusammen. Seit damals schreibe ich für den »Schnitt«, und abgesehen von einigen unverzichtbar guten Freundschaften, die dabei entstanden sind, sowie der exklusiven Mitgliedschaft in einer sympathischen Gruppe von enthusiastischen Wahnsinnigen werde ich das Gefühl nicht los, daß das Schreiben auch eine Menge mit dem Filmemachen zu tun hat. Denn, erstens: Ein nicht zu unterschätzender Motor fürs eigene Schaffen ist ja eine gewisse Unzufriedenheit mit dem, was man vorfindet. Wie oft dachte ich mir im Kino: Das ist jetzt aber ziemlich doof. Weil solche Wörter aber unseriös sind, muß man genauer hingucken und das eigene Urteil begründen – und genau das tut man auch hundertmal am Tag, wenn man einen Film macht. Und, zweitens: Es sind ohnehin verwandte Disziplinen. Eine gute Rezension fängt die Essenz, die Idee eines Films in wenigen Wörtern ein. Und genau diese Essenz ist auch genau das, was man im Kopf haben sollte, wenn man einen Film anfängt.

Aber stehen sich Regie und Kritik nicht feindlich gegenüber? Noch immer komme ich mir ein bißchen wie ein Verräter vor, wenn ich beides betreibe, und schon seit Jahren schreibe ich nicht mehr über deutsche Filme, weil man dieses kleine Feld tatsächlich nicht mit zwei Geräten beackern sollte. Dabei wäre ich sehr dafür, daß genau das sich endlich mal ändert. Es kommt nämlich ganz darauf an, was man überhaupt unter Kritik versteht. Sind Kritiker nicht eigentlich Parasiten und haben keine Ahnung? Ja, durchaus, aber nicht ausschließlich. Die Welt, speziell hierzulande, sieht den Künstler gern als Genie. Der Künstler sich selber auch, aber das tut ihm nicht gut. Der Kritiker holt ihn im besten Fall herunter vom Sockel und macht ihn zum Gegenstand von Kommunikation. Das ist für beide besser. Es gibt natürlich auch Kritiker, die ehrfürchtig vor dem Genie des Künstlers in die Knie gehen, und die schreiben dann meistens auch die dämlichsten Rezensionen. Ich habe mich immer bemüht, diesen Kniefall zu vermeiden (das äußerste war eine Verneigung, und zwar vor Roy Andersson im »Schnitt« 1/2008). Dabei ist der Geniegedanke noch nicht mal komplett falsch, sonst wäre er ja nicht so hartnäckig. Jedes menschliche Schaffen beruht im Kern auf einer nicht erklärbaren, irrationalen Inspiration. Und das gilt eben auch für die Kritik. Eine Kritik kann genauso inspiriert, ja genial sein wie das Werk, das sie behandelt. Umgekehrt ist Film größtenteils eben nicht Genie, sondern Kommunikation. Wir hören der Welt zu und antworten ihr. Das tun wir als Filmemacher, als Kritiker, als Menschen. Und daher ist es nicht nur möglich, sondern sogar dringend notwendig, parallel zu schreiben und zu machen. Filmemachen ist eigentlich Kritik an der Welt, damit schöpfen wir sowieso aus derselben Quelle. Ich werde weiterhin beides parallel tun und kann es allen anderen nur dringend empfehlen, denn das Leben wird dadurch schöner – als Filmemacher, als Kritiker und als Mensch. 2010-08-18 09:34

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