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Der fremde Sohn

Changeling. USA 2008. R: Clint Eastwood. B: J. Michael Straczynski. K: Tom Stern. S: Joel Cox. M: Clint Eastwood. P: Imagine Entertainment, Malpaso Productions. D: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Colm Feore, Amy Ryan, Riki Lindhome u.a.
142 Min. Universal ab 22.1.09

Wechselbalg und Widerstand

Von Daniel Bickermann Clint Eastwoods neuer Film zerfällt in zwei Teile (ein Problem, das den Regisseur in den letzten Jahren häufiger beschäftigt), was nicht weiter tragisch wäre, wenn nicht einer davon – die titelgebende Episode um den vertauschten Sohn, die den Film eröffnet und abschließt – ein sentimentales Rührstück wäre, das der Hauptgeschichte nur als Auslöser dient. Nicht einmal Eastwood selbst scheint sich mit diesem Aspekt des Plots wohlzufühlen, er handelt das Zusammenleben der Mutter mit dem fremden Kind in wenigen Szenen ab; das psychologische Potential solcher Sequenzen läßt er, zugunsten einer ganzen Handvoll Schrei- und Ohnmachtsszenen der überdramatisierenden Jolie, unausgeschöpft. Selbst Eastwoods sonst so sparsam dosierte Jazzmusik meint es hier zu gut mit der Emotionsführung.

In der mittleren Stunde dagegen gelingt Eastwood ein Paranoiathriller über rechtsfreien Raum und institutionalisierte Mißhandlungsmethoden, ein kafkaeskes Gleichnis voller haarsträubender Catch-22s: der Polizist, der rät, den fremden Sohn doch mal »probeweise« mitzunehmen; die »Spezialisten für Kindsidentifikation«, die zu bedenken geben, daß die Ablehnung des fremden Jungen »gar nicht gut für sein Selbstbewußtsein« wäre; und schließlich die horrende Irrenhauslogik, mit deren Hilfe man jede denkbare Reaktion als krankhaftes Verhalten deuten kann. Selbst die Lösung besteht in der Verstrickung der Verschwörer in eigenen Paradoxien: Die Polizei muß irgendwann sämtliche Ermittlungsarbeit unterbinden, um sich nicht selbst zu blamieren; und die Bürger, denen man alles genommen hat, haben plötzlich nichts mehr zu verlieren und fassen neuen Kampfesmut. Kurz: Es ist die Art von Geschichte, die man mit einem Vermerk auf ihre wahre Begebenheit überschreiben muß, damit sie nicht völlig überkonstruiert erscheint.

Im Politthrillerteil des Films finden sich denn auch Nebenfiguren, die direkt aus dem Drehbuchhimmel gepflückt wurden: zuvorderst ein emphatischer John Malkovich als Politprediger und Strickjackensnob, aber auch Amy Ryan als aufsässige Nutte kann voll überzeugen. Sie darf auch das unflätige Motto des Films ausgeben: »Fuck you and the horse you rode in on.« Eastwood war schon immer ein Obrigkeitsskeptiker, aber hier nimmt seine Verachtung gegenüber gesellschaftlichen Autoritäten geradezu klassenkämpferische Züge an. Zusammen mit seinem wiederkehrenden Thema der kindlichen Traumatisierung, seiner stringenten narrativen Sparsamkeit und den von Tom Stern in harten Kontrasten komponierten Bildern hätte dies ein weiteres gesellschaftsmoralisches Meisterwerk werden können – würde es zum Schluß nicht wieder zur überdramatisierenden Jolie zurückkehren, ihrem vermißten Sohn und der etwas zu aufdringlichen Musik. 2009-01-19 11:55

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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