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Der fremde Sohn

Changeling. USA 2008. R: Clint Eastwood. B: J. Michael Straczynski. K: Tom Stern. S: Joel Cox. M: Clint Eastwood. P: Imagine Entertainment, Malpaso Productions. D: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Colm Feore, Amy Ryan, Riki Lindhome u.a.
142 Min. Universal ab 22.1.09

Mamis Martyrium

Von Tobias Lenartz Das Verhältnis eines Trailers zum Kinofilm entspricht oft dem eines fotographierten zum realen Burger: Der Salat ist knackiger, der Fleischlappen saftiger, alles größer und appetitlicher als das Erzeugnis, das man später aus der Pappschachtel klaubt. Häufig bekommt man im Trailer den Film zu sehen, von dem die Produktionsfirma glaubt, daß der Regisseur ihn hätte machen sollen. Fußlahme Actionfilme und zwerchfellschonende Komödien verschießen hier gerne ihr ganzes Feuer, um zumindest in der ersten Woche ausreichend Zuschauer in die Multiplexe zu ködern. Manchmal aber erhält man das Versprochene: »Ich will meinen Sohn«, fleht, weint und wütet Angelina Jolie im Trailer zu Clint Eastwoods Der fremde Sohn. Der Trailer läßt schlimmes befürchten – und der Film erfüllt die Erwartungen auf ganzer Linie.

Schon sein Boxerdrama Million Dollar Baby erzählte von einer kämpferischen Frau in einer männerdominierten Welt. Der fremde Sohn ist die Geschichte einer Mutter auf der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Ihr dornenreicher Leidensweg durch die korrupten Institutionen weist schließlich zu einer Serie von Kindermorden.

Wie der Trailer ankündigt, inszeniert Clint Eastwood den Kampf der Cristine Collins als emotionalen Großkampfeinsatz. Über die halbe Laufzeit steht Jolie das Wasser in den Augen. Immer wieder fliegt die bebende Hand zum Mund, um den Schrei des Entsetzens zu unterdrücken – selbst Regielegende Martin Scorsese ist in Aviator einmal dem Irrtum erlegen, das wildbewegte Gesicht eines Schauspielers in Großaufnahme ergebe notwendig großes Kino. Hauptdarstellerin Angelina Jolie jedenfalls gibt, was sie hat. Den Kopf tief eingezogen zwischen die gekrümmten Schultern gelingt es ihr für Momente, ihrer Telefonistin die adäquate Graumäusigkeit zu verleihen. Wieder zeigt sich, daß Jolie beileibe keine herausragende Schauspielerin ist. Ihre mimischen Möglichkeiten bewegen sich irgendwo im soliden Mittelfeld, aber gerade ihr sehr spezielles Aussehen, das sie für die Klatschpresse so attraktiv macht, verbaut ihr die Möglichkeit, über ihr Rollenfach hinauszukommen. Wie schon als duldende Hausfrau in The Good Shepherd ist sie trotz allen achtenswerten Einsatzes letztlich fehlbesetzt. Schuld daran hat auch die Maske. Jolies ohnehin unwirklich üppiger Mund wirkt hier in seiner blutroten Bemalung deplaziert bis zur Obszönität.

Aber weit schwerer wiegt der dramaturgische Totalausfall. In der ersten Stunde macht Eastwood nichts weiter, als die Emotionsschraube immer fester anzuziehen, um auch vom phlegmatischsten Zuschauer maximale Betroffenheit zu erpressen. Die Zustände in den Psychatrien der 1920er Jahre: schlimm, schlimm. Und wenn wir schon in der Irrenanstalt sind, darf natürlich auch die Einer flog übers Kuckucksnest-Szene nicht fehlen. Brutale Säuberung mit dem Feuerwehrschlauch, entwürdigende Genitaluntersuchungen und Elektroschocks. Später schwenkt Eastwood vom Gesellschaftsdrama zum Thriller und schließlich zum Gerichtsfilm. Inklusive öffentlicher Rehabilitation und Heiligsprechung seiner Heldin. Vervollständigt durch die Bestrafung der Übeltäter und die Befreiung der Unschuldigen. Zum Ende darf Christine Collins dann noch erfahren, daß ihr Sohn als Retter in höchster Not zum Helden geworden ist. Ganz die Mama, der Kleine. Damit ist auch dem allerletzten Gesetz des Hollywoodfilms genügegetan.

Wirklich erschreckend ist die unterschwellige Gleichgültigkeit, mit der Eastwood seine Figuren abfertigt. Was ein Kind dazu bewegt, sich über Wochen als jemand anderes auszugeben, eine fremde Frau Mama zu nennen: wird mit einem Satz abgehakt. Noch in Mystic River spielte der großartige Tim Robbins das Trauma des Mißbrauchsopfers, als wäre da eine Seele ausgelöscht worden. Hier wirken die mißhandelten Jungen in allen Leidenslagen so gutgenährt und wohlfrisiert, daß ihr schlimmstes vorstellbares Unglück die verpatzte Klassenarbeit zu sein scheint.

Das Desinteresse Eastwoods für die Motive und Gefühle erstreckt sich auch auf seine Heldin. Er zelebriert Christines Leiden und Widerstand gegen die Mühlsteine der Institutionen mit ermüdender Penetranz. Aber für ihre Trauer, ihre Sehnsucht nach ihrem Sohn, interessiert er sich nur peripher. Einmal darf sie gedankenvoll über seine Bettdecke streifen, dann ebenso bedeutungsschwanger ein Kinderbild berühren. Vervollständigt wird das Ganze durch einen wehmutsvollen Blick aus der Straßenbahn auf eine dekorativ angeordnete Kindergruppe mit Ball und Springseil. Verbrämt in Sepiabraun und Pastell. Alles wie gehabt. Das muß genügen.

Frei nach dem Motto »Was wahr ist, ist wichtig« verleiht der Verweis auf die »wahre Geschichte« auch der hanebüchensten Story das Gütesiegel der Relevanz und Glaubwürdigkeit. J. Michael Straczynski, der mit Der fremde Sohn sein erstes Kinodrehbuch verfaßte, beansprucht, sich zu 95% an die Zeitzeugnisse gehalten zu haben. Tatsächlich orientiert sich der Film an seiner Vorlage manchmal bis ins Detail. Jason Butler Horner entspricht den Fotographien des realen Serienmörders Jason Northcott bis auf Seitenscheitel und Babyface. Interessant sind aber wie immer die restlichen 5 Prozent. Kleine Vereinfachungen zugunsten des Spannungsbogens sind dabei nicht weiter erwähnenswert. Wirklich gravierend ist, daß die vielleicht verstörendste Tatsache unter den Tisch fällt. Denn auch die Mutter Northcotts war an der Mißhandlung und Ermordung der entführten Kinder beteiligt. Einer Frau, die um ihren Sohn kämpft, steht eine Mutter gegenüber, die mit ihrem Sohn Kinder tötet. Diese beklemmende Konstellation hätte die Legende vom mutigen Muttertier unangenehm irritiert und eine ernsthafte Auseinandersetzung unumgänglich gemacht.

Auch die gesellschaftspolitische Perspektive des selbsternannten Kämpfers gegen die Unterdrückung der Frauen der 1920er Jahre ist von erschreckender Simplizität. Die Grobzeichnung der Charaktermasken des korrupten Systems – Polizist, Arzt und Psychiatrieschwester – hätte jedem Agitprop-Adepten Ehre gemacht. Ihnen gegenüber die selbstlosen Kämpfer für die Gerechtigkeit in heiliger Mission: Michael Kelly als Polizist, der sein Gewissen wieder entdeckt, gibt dabei einen der wenigen Charaktere mit angedeuteter Tiefenschärfe. Als dann auch noch Volkes Stimme beweisen darf, daß sie für die gerechte Sache schreit, schließt sich die schlichte Moral: Die Obrigkeit ist verdorben, das Volk aber ist gut.

Angesichts des lautstarken Plädoyers für die Würde der Frau, erweist sich das Weiblichkeitsbild des Films als fragwürdig. Als berufstätige, alleinerziehende Mutter erscheint Christine Collins zunächst als Prototyp der modernen Frau. Aber ihr höchster und einziger Lebenssinn, ist die Liebe zu ihrem Sohn. So beschränkt sich ihr Charakter auf den Archetyp der wütenden Löwenmutter, die erbittert um ihr Junges kämpft. Daß Christine Collins Gefahr läuft, ihre Chance auf ein Leben nach dem Verlust bei der unaufhörlichen Suche aufs Spiel zu setzen, wird kurz angedeutet – und dann schnell zum heroischen Durchhaltewillen umetikettiert.

Auf den Spuren seines großen Vorbilds Sergio Leone hatte Eastwood in Erbarmungslos seinen kraftvollen Beitrag zur Entzauberung des Mythos vom Westernhelden geleistet. Der fremde Sohn versucht, die amerikanischen Mythen wiederzubeleben und ähnelt dabei Mary Shelleys »Frankenstein«. Aus den Teilen toter Körper wird ein menschenähnliches Wesen zusammengestückelt. Aber Frankensteins Monster erwies sich als menschliche Seele, die in einem abstoßend häßlichen Körper gefangen ist. Dagegen schafft Clint Eastwood in seinem aufwendig ausgestatteten Period-Piece den optisch anständigen, aber seelenlosen Zombie des großen amerikanischen Gefühlskinos. 2009-01-19 11:46

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