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Ein Leben für ein Leben – Adam Resurrected

Adam Resurrected. D/USA/IL 2008. R: Paul Schrader. B: Noah Stollman. K: Sebastian Edschmid. S: Sandy Saffeels. M: Gabriel Yared. P: Adam Productions, Adam the Film Israel. D: Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Joachim Król, Tudor Rapiteanu, Ayelet Zurer, Derek Jacobi u.a.
106 Min. 3L ab 19.2.09

Dog People

Von Werner Busch Die kalten Holzbaracken der Konzentrationslager sind einem gut klimatisierten Klotz aus Sichtbeton gewichen. Mitten im Nirgendwo der israelischen Wüste, 1962, sind die Überlebenden des Holocaust angekommen, deren Leben von ihrer seelischen Zertrümmerung beherrscht wird. Das abgelegene Sanatorium ist zu ihrem neuen Abstellgleis geworden. An diesem Ort, fern der Gesellschaft, fern der Wirklichkeit, ist Adam Stein der König der Irren. Der charismatische ehemalige Kabarett-Künstler, der sein Publikum in Berlin durch clowneske Zaubertricks zu verblüffen wußte, schafft es sogar, die geschulte Belegschaft des Sanatoriums an seine Wunder glauben zu lassen. Mehrmals verfällt Stein in katatonische Zustände, in denen er wahlweise Stücke seiner Lunge erbricht oder spontan aus unsichtbaren Wunden blutet.

So groß ist seine Ausstrahlung, daß auch die kühle Oberschwester Grey seinen Avancen erliegt. Ihre Affäre findet in sadomasochistischen Sexspielen ihre Höhepunkte, bei denen sie sich vor ihm als unartiger Hund gebärdet, den er züchtigen muß. Gerade in diesen Szenen glauben wir, den Filmemacher Paul Schrader wiederzuerkennen, dessen Geschichten um Schuld und Erlösung häufig auch solche abseitigen sexuellen Machtspiele umgepolter Abhängigkeit beinhalteten. Auch wenn der Film nicht auf einer eigenen Drehbuchadaption von Yoram Kaniuks Skandalroman »Adam Hundesohn« beruht, ist offensichtlich, was Schrader an diesem schwierigen Stoff gereizt hat.

Adam Stein will seine Erlösung von den Dämonen der Vergangenheit. Im Konzentrationslager wurde er dazu gezwungen, die Menschen auf dem Weg in den Tod mit Violinenmusik zu begleiten, auch seine eigene Familie. Der sadistische Lagerkommandant Klein hielt ihn zum Amüsement wie einen Hund auf allen Vieren in seiner Wohnung. Nur dadurch konnte Stein seinem Tod entgehen. Als im Sanatorium ein Junge eingewiesen wird, der sich wie ein Hund gebärdet, nicht aufrecht stehen oder sprechen kann, glaubt er, durch die Hilfe an diesem Versehrten auch seine eigenen Qualen beenden zu können. Er will seine Wiedergeburt. Auch deshalb spielt er im Sanatorium den wiedergeborenen Adam, den typologischen Messias.

Es ist nur folgerichtig, daß gerade bei einer solch ungewöhnlichen und problematischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust und insbesondere seinen Nachwirkungen eine deutsch-israelische Produktion zustande kam, die von bestehenden Mustern abweicht. So ist etwa das Casting angenehm untypisch. Der sadistische Lagerkommandant wird von dem amerikanischen Darsteller Willem Dafoe verkörpert, und nicht jüdischstämmige deutsche Schauspieler werden als Holocaust-Opfer besetzt. Zuvorderst ist hier Joachim Król zu nennen, der mit seiner Performance seiner Schauspielkarriere ein Glanzlicht aufsetzen kann. Übertrumpft wird er allerdings von einem begnadeten Jeff Goldblum, der mit Adam Stein der vielschichtigsten Rolle seiner bisherigen Karriere mit großer Präsenz und weitgefächertem, nuanciertem Spiel eine enorme Tiefe verleiht.

Dies vollbringt er insbesondere auch in den vielzähligen Szenen, bei denen der Zuschauer unweigerlich seine Stirn runzeln muß, da sie nicht sofort verortbar erscheinen. Man ist im Unklaren darüber, ob man gerade zu tiefer Bestürzung oder zu bitterem Lachen angehalten wird. Wenn etwa Stein sich dem Kommandanten als Hund darbietet und an seinen Füßen mit heraushängender Zunge und zum Herrchen erhobenem treudummen Blick herumhechelt, könnte den Zuschauer das nicht ungerechtfertigte Gefühl überkommen, daß diese Situation trotz des düsteren Kontextes durchaus komisch wirkt. Zusätzlich noch, wenn wir sie als verquere Spiegelung der Sexspiele mit der Oberschwester erkennen. Grausam und komisch zugleich wirken viele der Szenen in Adam Resurrected, sie sind grotesk: eine übersteigerte Darstellung von Wirklichkeit, auf perfide Weise abstoßend und belustigend zugleich.

Genau diese Unwägbarkeit, dieses Gratwandern des Films in gefährlichen moralischen Untiefen eines sensiblen Themas, ließen sich leicht als eine Schwäche ausmachen. Vielleicht als ein Beleg für die Unentschiedenheit der Macher oder für Unsentimentaliät oder Pietätlosigkeit. Doch der Film befindet sich, wenn auch weniger kenntlich gemacht, ganz auf den Pfaden seiner surrealistischen Buchvorlage, die von diesem heiter aufbereiteten Blick auf zutiefst traurige Dinge von jüdischem Humor durchzogen ist. Der Film ist kein nach Realismus strebendes Abbild des Holocaust. In seiner Symbollastigkeit, in seiner Übersteigerung, geht er über das normale und moralisch Unzweifelhafte hinaus, zu tieferliegenden, größeren Wahrheiten. Er begnügt sich nicht mit einfachen Eindeutigkeiten. Wie es uns Adam selbst in der allerersten Einstellung des Films vorführt, ist es der scheele Blick eines Magiers, durch den wir auf eine Welt der Grausamkeit blicken, die in unseren Köpfen höchstselbst am Rand der Untiefe Wahnsinn wandelt. 2009-02-13 15:10

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