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The Wrestler

USA 2008. R: Darren Aronofsky. B: Robert D. Siegel. K: Maryse Alberti. S: Andrew Weisblum. M: Clint Mansell. P: Protozoa Pictures. D: Mickey Rourke, Evan Rachel Wood, Marisa Tomei, Mark Margolis, Todd Barry u.a.
105 Min. Kinowelt ab 26.2.09

Der Untergeher

Von Martin Thomson Thomas Bernhard entwirft in »Der Untergeher« Figuren, deren Untergang lange vorauszusehen ist. Demnach gibt es Menschen, die aus ihrem Gemüt, ihrer Biographie und ihren Überzeugungen heraus dazu veranlagt sind, immer und ununterbrochen unterzugehen: »Unser Untergeher ist ein fanatischer Mensch, er stirbt beinahe ununterbrochen an Selbstmitleid.«

Darren Aronofsky, der sich mittels dreier Epochalwerke in Folge den Ruf des vielleicht größten Bilderstürmers des amerikanischen Gegenwartskinos erarbeitet hat, ging es in seinen Filmen immer um die Darstellung von Untergehern in modernen Zeiten.

Filme leben von den Krisen ihrer Hauptfiguren. Im schlechtesten Fall treffen sie in Gestalt fremder Kräfte von außen ein oder, im besseren, brechen sie aus ihren Figuren selbst hervor. Ihr Traumverlust ist hierbei immer auch als Selbstverlust zu sehen. Aronofsky ist einer, der ihr Zersplittern und Zerbrechen im unmittelbaren Augenblick ihrer Totalkollision mit schlagartig verlorengegangenen Traumvorstellungen visualisiert; Scheitergestalten, angetrieben von der Hingabe für ein Hoffen, ein Begehren, ein Ziel: Bedingungslos geliebt zu werden in einer Welt, der alle überzeitlichen Werte verloren gegangen sind. Einer Welt, in der die Götter tot sind, der Körper sterblich und die Liebe letzte Utopie ist.

Aronofsky hat die Körper seiner Scheitergestalten an ihrem Zerreißpunkt bisher immer in einer stakkatohaften Montage gewaltsam zergliedert. Er verwirklicht im modernen Gewand seiner Katastrophenszenarien, was Eisenstein einst als intellektuelle Montage entwarf: Aufnahmen nicht flüssig zu einer Sequenz zusammenzuführen, sondern sie durch eine Reihe von Schocks voranzutreiben.

Bisher war das Einzigartige an Aronofskys Inszenierungsweise, daß er im Bemühen seiner Effektorgien nie der Versuchung erlag, sie des reinen Selbstzwecks wegen einzusetzen. Dafür ist er immer schon zu sehr Schauspielerregisseur aus dem Geiste des unabhängigen amerikanischen Kinos gewesen. In The Wrestler tritt nun zutage, was The Fountain bereits andeutete: Der Regisseur hat seine visuelle Sturm-und-Drang-Phase hinter sich gelassen, thematisch ist er ihr jedoch treu geblieben.

Statt seine Schlachten am Filmbild auszutragen, ist er auf das von zahlreichen Schönheitsoperationen gezeichnete Gesicht von Mickey Rourke abgerückt, das genug Trümmerfeld ist, um Schocks zu evozieren, die hochästhetischen visuellen Arrangements von Matthew Libatique hat er ersetzt durch die wackelige Handkameraästhetik des vormals für den Dokumentarfilm tätigen Maryse Alberti. Einfälle, die von einer unverfälschten Wiedergabe der Schauspielsituationen abweichen, werden nur äußerst sparsam und pointiert eingesetzt: Dazu gehört vor allem eine beeindruckende Parallelmontage, die zwischen unmittelbarer Partizipation des Kampfgeschehens im Ring und ihres verheerenden Ausgangs changiert.

Eine Sequenz, in der die Dialektik von Inszenierung und ihrer körperlichen Konsequenz offenbart, was Aronofsky mit der Platzierung seiner Passionsparabel im erst einmal befremdlich erscheinenden White-Trash-Milieu bezwecken wollte, das er in anrührender Zärtlichkeit porträtiert, um eine Denunziation seines Protagonisten zu vermeiden. Nämlich die Showarena als Austragungsort übergeordneter ideologischer Grabenkämpfe darzustellen, deren Hinterraum dem Zuschauer dieses Spektakels erspart bleibt. Ein abgeschotteter Ort, in dem die aus den Körpern gezogenen Reißnägel in Detailaufnahme, das am Körperspiel geknüpfte Leid, versteckt bleiben.

Das amerikanische Wrestling ist hier Sinnträger einer Ideologie der Körperinszenierung. In den Hinterräumen der Kampfarena kann der Protagonist jedoch für einen Sinn leiden. Sein Leiden ist ein körperliches. In den Hinterräumen der Metzgerei ist es ein sinnloses, weil gedankliches Leiden aus den sozialen Mißständen und Zwängen der Arbeitsgesellschaft heraus. Außerhalb des Rings ist »The Ram« einer Welt ausgeliefert, in der er sich als Außenseiter in Billigjobs herumschlagen muß, in der ihm allenfalls noch Kinder Respekt zollen und die Tochter seine jahrelange Abwesenheit nicht verzeihen will.

Sein im physischen Sinne gebrochenes Herz kann von jener Welt nicht geheilt werden. Ohne seinen Körper zu zeigen, ist Randy nicht mehr das Kunstprodukt, das er aus sich gemacht hat, um geliebt zu werden. Nur noch eine zerschundene Seele hinter einer kaputtgeschönten Oberfläche.

»Jeder Mensch ist ein einmaliger Mensch und tatsächlich das größte Kunstwerk aller Zeiten«, schreibt Bernhard einmal in »Der Untergeher« und benennt damit einen dem Untergeher gänzlich fremden Gedanken. Kunstwerk zu sein ohne darum bemüht zu sein, Kunstwerk zu werden. Sich bedingungslos geliebt fühlen. Ohne Applaus. 2009-02-24 11:56

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