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Star Trek

USA 2009. R: J.J. Abrams. B: Alex Kurtzman, Roberto Orci. K: Dan Mindel. S: Mary Jo Markey. M: Michael Giacchino. P: Bad Robot, Paramount Pictures. D: Chris Pine, Zachary Quinto, Eric Bana, Simon Pegg, Karl Urban, John Cho, Anton Yelchin, Zoe Saldana u.a.
126 Min. Paramount ab 7.5.09

Kannten Sie Tribbles?

Von Werner Busch Das Geburtsdatum ihrer Mütter ist lediglich eine verblaßte Erinnerung an den Namen eines Monats, aber zu ungenau, um auch nur die Jahreszeit mit Sicherheit zu bestimmen. Eine kurze Zusammenfassung zur »Thalos IV«-Doppelfolge könnte allerdings jeder von ihnen geben oder zumindest die Brandwunde auf Commander Pikes Gesicht aus dem Gedächtnis skizzieren. Man muß aber kein eiserner Trekkie sein, um mit dem Inventar und den Figuren von Gene Roddenberrys Zukunftsutopie mehr anfangen zu können als mit den Motiven des Deckengemäldes in der Sixtinischen Kapelle. »Star Trek« ist kulturelles Allgemeingut.

Mit ihrem zehnten Teil Star Trek: Nemesis war die Kinoreihe um die Erforscher unendlicher Weiten arg ins Stottern geraten. Der in vielerlei Hinsicht schwächste Teil der Reihe wurde mit ebenso schwachen Einnahmen abgestraft. Als bald darauf auch die neue »Star Trek«-Serie mit Scott Bakula wegen Mißerfolges vorzeitig abgesetzt wurde, drohte sich ein Ende des Franchises abzuzeichnen. Der bald darauf angekündigte elfte Film, der die Vorgeschichte zur Originalcrew um Kirk und Spock beleuchten sollte, hätte durchaus ein filmischer Grabstein werden können. Schließlich ist diese Crew und die Original-Enterprise so etwas wie der Heilige Gral in der nicht gerade kleinen »Star Trek«-Welt. Der Erwartungsdruck gegenüber diesem neuen Film war vielleicht ausschließlich mit dem von George Lucas’ Relaunch der Star Wars-Saga vergleichbar. Doch durch den großen Mut und die Kühnheit von Regisseur und Produzent J.J. Abrams ist der Tanz an der Klippe tatsächlich geglückt. Star Trek ist sehr viel mehr als die »Staffelübergabe«, die wir im siebten Teil der Kinoreihe erlebt haben. Der Film vollbringt das Kunststück, eine Neuerfindung des Star-Trek-Universums zu sein, ohne das Star-Trek-Universum neu zu erfinden.

Eine der besonderen Herausforderungen der Produktion lag in dem Umstand begründet, daß die Rollen der Brückenbesatzung mit den Darstellern der »Original Series« auf das Engste verbandelt sind. Kann jemand anders als Leonard Nimoy überhaupt Spock spielen? Abrams löste dieses, wie auch viele andere schwerwiegende Probleme, erstaunlich leichtfüßig. Die neu gefundenen Darsteller interpretieren ihre Rollen nicht neu. Insbesondere bei Simon Pegg in der Rolle von Scotty wird deutlich, daß die Schauspieler eher die ursprünglichen Darsteller nachbilden als die Figuren selbst. Dennoch blieb vielen der meist unbekannten Jungmimen ausreichend Raum, eigene Noten zu setzten. Da kann es dann sogar vorkommen, daß ein Akteur wie Karl Urban als Schiffsarzt McCoy durch seine energiegeladene Performance, obschon er in Mimik und Gestik DeForest Kelley nacheifert, diesen sogar phasenweise übertrifft. Die Jugendlichkeit der Crew ist in jedem Falle kein Nachteil für den Film, denn er wirkt immer und in beinahe jedweder Hinsicht gleichzeitig und gleichermaßen erfrischend neu und angenehm vertraut.

Die amerikanischen Fernsehserien der letzen Jahre haben insbesondere in ihrer Optik mit früheren Erfolgsserien, wie etwa denen von Glen A. Larson aus den 1970ern und 1980ern, nicht mehr viel gemein. Auch deshalb ist es nicht ganz so verwunderlich, daß gerade der Film eines Fernsehmannes wie Abrams derjenige ist, der von allen Teilen der Kinoreihe den »filmischsten« Eindruck hinterläßt. Zum ersten Mal hat man bei keinem der Sets das Gefühl, sich auf einer Paramount-Soundstage zu befinden. Nicht unbeteiligt daran ist auch das Budget von geschätzten 150 Millionen Dollar, beinahe das zweieinhalbfache des bis dahin teuersten »Star Trek«-Films. Entsprechend durften sich die Visual-Effects- und Production-Designer sichtbar austoben, erschaffen aber nicht nur bloße Schauwerte, sondern vollbringen darüber hinaus auch ganz erstaunliche künstlerische Leistungen, indem sie das Design der Originalserie auf originelle Weise aktualisieren. Auch die Kameraarbeit gönnt sich mit angeschrägten Einstellungen und andersartiger Lichtsetzung eine eigene und durchaus verspielte Handschrift.

Einer der wenigen Wermutstropfen ist der Bösewicht des Films, der mit Eric Bana zwar prominent und gut besetzt ist, als Figur an Eindimensionalität aber kaum zu überbieten ist. Das Drehbuch ist so sehr damit beschäftigt, jede einzelne der Crewfiguren mit einer Hintergrundgeschichte auszustatten (und nebenher noch einen nicht unkomplexen Zeitreise- und Paralleluniversumsplot abzuwickeln), daß für den Antagonisten offensichtlich keine Zeit mehr blieb. Auch die Geschichte insgesamt ist keinesfalls frei von Tücken und die Figur von Gevatter Zufall tritt zu oft in Erscheinung.

Erwartungen befriedigen und einen guten Film abliefern sind häufig zwei verschiedene Dinge. In diesem Fall aber sind beide Bestrebungen beinahe deckungsgleich. Star Trek ist der humorvollste, actiongeladenste und rasanteste Teil der gesamten Kinoreihe. Den Mut und die Unverfrorenheit Abrams, kräftig am Mythos Raumschiff Enterprise zu rütteln, um zu sehen, welche nutzbaren Teile herunterfallen, und diese dann so gekonnt zu einem allgemeinverdaulichen Blockbuster-Hit zu montieren, kann man gar nicht genug wertschätzen.
2009-05-07 11:02

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