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Inglourious Basterds

USA/D 2009. R,B: Quentin Tarantino. K: Robert Richardson. S: Sally Menke. P: The Weinstein Company, Universal Pictures, A Band Apart u.a. D: Brad Pitt, Christoph Waltz, Melanie Laurent, Diane Kruger, Jacky Ido, Michael Fassbender, Til Schweiger, Daniel Brühl u.a.
152 Min. Universal ab 20.8.09

Nazis immer besser!

Von Werner Busch »Also: Es war einmal vor hundert Jahren, da war der zweite Weltkrieg. Die Russen gegen die Deutschen. Hitler war der Böse und… Und am Ende war alles kaputt.« So sagte kürzlich ein Junge von vielleicht 12 Jahren es auf, als er unter vorgehaltenem Mikrofon nach Weltkrieg Zwo gefragt wurde. Womit er bis auf die »hundert Jahre« vielleicht noch nicht einmal etwas Falsches gesagt hatte. Ob Quentin Tarantino über wesentlich differenziertere Informationen zur betreffenden Zeitgeschichte verfügt, darf bezweifelt werden. Denn unzweifelhaft hat er einen Großteil seiner Weltkrieg-Vorstellungswelt aus Spielfilmen gezogen und ist wie wir nun sehen, auch auf dem Gebiet »Der deutsche Film vor 1945« kein Waisenknabe. Was im vorliegenden Falle auch wichtiger als historisches Fachwissen erscheint, denn Inglourious Basterds bietet deutlich weniger eine Kriegsgeschichte als vielmehr eine »Kinogeschichte«. Kino ist allgegenwärtig. Als zentraler Handlungsort in der zweiten Hälfte des Films, in den zahlreichen Anspielungen auf Regisseure und ihre Filme, es gibt einen Film-im-Film und schließlich wird sogar Nitrat-Filmmaterial zur Massenvernichtungswaffe umfunktioniert… Kino ist von zentraler Wichtigkeit und kann – jawohl! – die Welt verändern. Vielleicht ist Inglourious Basterds seit Cinema Paradiso die verunklausulierteste Liebeserklärung an das Lichtspiel, die als ebensolches zu bestaunen ist.

In der Historie wurstet Tarantino dabei wie ein halbgebildeter Siebtkläßler herum. Genau dafür ist er zu beneiden und mit Gold zu überhäufen. Wie nur wenigen anderen Regisseuren gelingt es ihm – im besten nur denkbaren Wortsinn – naive Geschichten zu entwickeln. Es sind sehr direkte Kleine-Jungen-Träume, keine störenden moralischen Untiefen, die zu halbgaren Subplots führen, keine Produktionsschwierigkeiten, die das angestrebte Endergebnis entstellen, keine Studio-Restriktionen, die das Autorenfilmgericht verundünsten, das alles scheint es nicht zu geben. Sind die Soldaten in Enzo G. Castellaris nomineller Filmvorlage Ein Haufen verwegener Hunde kriegsmüde und desillusionierte, beinahe schon realistisch gezeichnete Protagonisten, besteht der Haufen hier aus fast schon netten jüdischen Jungs, die mal ordentlich das Leder von der Sau ziehen wollen und noch Spaß an Mord und Folter haben. Hitler darf unreflektiert als Karikatur herumwandeln und One-Liner raushauen. Sehr schön! Denn das eigentliche Abenteuer beginnt nun dort, wo aus der infantilen Geschichte um die Nazi-skalpierende Spezialeinheit geschliffene Dialoge in rigoroser Inszenierung entstehen. Die Dialogszenen – sie machen den allergrößten Teil des Films aus – zerdehnen sich freudvoll an Banalitäten; und so kann es schon mal eine Minute dauern, um eine Pfeife anzustecken, mag der Gesprächsfluß leiden wie er will. Wir sehen Theater auf der Leinwand. Episodische Einakter fügen sich zu einer Gesamtfilmhandlung zusammen. In ihrer absurd-humorigen Originalität können sich viele Szenen mit den allerbesten Momenten in Pulp Fiction messen. Was aber nicht zwangsläufig jeder so empfinden muß: So verglich eine der ersten Stimmen zum Film dessen Unterhaltungswert mit »Blut beim Gerinnen zuschauen«. Unter der aufwendig gefahrenen und teuren Promotionmaske eines kurzweilig-abgedrehten Kriegs-Actioners findet sich beinahe sperriges Arthouse-Kino originärer Prägung.

Inglourious Basterds verfügt über ein großes Ensemble an Darstellern, die Geschichte um die namensgebende Truppe ist nur ein Handlungsfaden und Brad Pitt nur der Publikumsträchtigkeit halber der Hauptdarsteller. Die zentrale Figur an allen Handlungsfronten ist der ambivalente Nazi-Schurke Hans Landa, dem Christoph Waltz mit seiner herausragenden Performance in aller mörderischen Schmierigkeit sogar sympathische Züge verleihen kann. Der Ikone Tarantino zollt man für die Erschaffung dieser Schauspieler-Traumrolle Respekt, jeden deutschen Regisseur oder Autor würde man den Feuilleton hoch- und runterprügeln. Auch weil in diesem cineastischen Traum ein großer Teil der schlimmsten Verbrechen in den Vernichtungslagern aufgrund des unbekümmerten Umgangs mit dem geschichtlichen Ausgangsmaterial gar nicht stattfinden wird. Spätestens bei Holocaust-Nivellierungen würde hierzulande die künstlerische Freiheit aufhören. Das wirft Fragen auf, die Inglourious Basterds sicherlich nicht intendiert aufwerfen will. Der Film ist unschuldig wie ein kleines Kind, das seinen Hund zum Spaß mit Glasscherben füttert. Wo sich eine rein deutsche Produktion in vorgebliche Authentizität flüchten muß, dahin wirft Tarantino nur einen abschätzigen Blick mit dem Feldstecher. Eine wohltuende Unverfrorenheit. 2009-08-11 17:39

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