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Antichrist

DK/D/F/S/I/PL 2009. R,B: Lars von Trier. K: Anthony Dod Mantle. S: Anders Refn, Åsa Mossberg. P: Zentropa Entertainments, Zentropa International Köln u.a. D: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg.
104 Min. MFA ab 10.9.09

Wenn Wissenschaft faulen könnte

Von Julian Bauer Der Mann heißt »he«, die Frau heißt »she«. Lars von Triers neuer Film Antichrist ist ein Film der Geschlechter und der Verstümmelung von Geschlechtsteilen. Ein stark psychologisierter Film, der in Schwesternschaft mit Freud steht. Augenzwinkernd geht Lars von Trier damit um, wenn er seine Protagonisten das Gegenteil behaupten läßt. Als der Mann von einem Traum erzählt, antwortet die Frau bloß kühl: »Träume sind nicht mehr relevant in der modernen Psychologie. Freud ist tot, schon lange.«

Doch Freud ist nicht tot. Und wenn, dann stirbt er bei Trier nur vordergründig oder erst im Nachhinein. Die Negation ist ein Rückbezug. Indem Analogien zwischen Heute und Mittelalter gelegt werden, was insbesondere die Natürlichkeit/den Wahnsinn der Frau anbelangt, wird sich in einer Art Umkehr an Freud gewandt, der die moderne Neurosentheorie als Ersatz für den mittelalterlichen Dämon sah. Die Frau wird bei von Trier vor der Kulisse des Waldes zur Hexe und ihr Mann, der Psychotherapeut ist, zum Teufelsaustreiber. Die Kritik darin liegt offenbar. Währenddessen stellt ein sich selbst zerfleischender Fuchs das Ende von Kultur fest. Er sagt: »Das Chaos regiert.« Und die Perversionen nehmen ihren Lauf.

Schon zu Beginn des Films wird die Verflechtung von Frau und Natur offensichtlich. Ein Zoom auf eine Blumenvase, die auf dem Nachttisch neben dem Bett der Frau steht, zeigt, wie sich die Stängel durch den Verwesungsprozeß im Wasser allmählich auflösen. Und aus dem Off dröhnt es dazu unheilvoll. Die Frau, die Natürliche – das läßt also nichts Gutes hoffen. Doch Lars von Trier beschränkt sich nicht auf geisteswissenschaftliche Klischees. Er bezwingt sie brutalst mit einer Übernatürlichkeit der Natur. Aber auch das ist natürlich Projektion, wir sitzen schließlich im Kino.

Zersetzung von Natur, menschlicher und »natürlicher«: Vom Wind niedergebeugte Birken (unterlegt mit drohendem Dröhnen), ein Baum, dessen Äste im Lichtspiel wie die Nervenbahnen eines Gehirns wirken, eine Hand mit Blut vollgesogenen Zecken, ein Reh mit einer aus dem Uterus hängenden Totgeburt oder ein aus dem Nest gefallenes Küken, das von Ameisen angegriffen wird, um schließlich von einem Greifvogel davongetragen zu werden. Ein Baum, der zerfällt, schließlich sich zersetzende Schrift. Natürliche Kreisläufe und Albträume. Hineingeholt gar in den Vorführraum, das Kino, wo optische Täuschungen das Gefühl von einer Instabilität der Leinwand vermitteln. Nichts ist sicher. Lars von Trier zerbricht und zerfleischt, wo er kann. Im übrigen unheimlich kunstvoll. 2009-09-04 10:03

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