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Whatever Works – Liebe sich, wer kann

Whatever Works. USA/F 2009. R,B: Woody Allen. K: Harris Savides. S: Alisa Lepselter. P: Sony Pictures Classics, Wild Bunch, Gravier Productions, Perdido Productions. D: Larry David, Adam Brooks, Lyle Kanouse, Michael McKean, Clifford Lee Dickson, Yolonda Ross, Carolyn McCormick, Samantha Bee u.a.
92 Min. Central Film ab 3.12.09

Alles Routine, oder was?

Von Patrick Hilpisch Woody Allen ist nicht nur ein selbstproklamierter Neurotiker, er ist auch ein Gewohnheitstier. Im Laufe seiner Karriere hat er eine feste Routine entwickelt, die es ihm ermöglicht, fast jedes Jahr einen Film in die Kinos zu bringen. Wie Allen auf Störungen dieser Routine reagiert, kann man sich nur ungefähr ausmalen. Glaubt man seinen On-Screen-Personae: mit einer breiten Palette zwischen Depression und Hysterie. Schaut man sich seine jüngsten Produktionen an: mit einer guten Portion Pragmatismus. Die letzten vier Filme etwa hat der gebürtige New Yorker in Europa gedreht. Nicht, weil es die Handlung unbedingt erforderte, sondern weil auf diese Weise die Finanzierung schneller gesichert werden konnte. Die Realisierung von Whatever Works verdankt sich ebenfalls dieser routinerettenden Allenschen Lösungsorientiertheit.

Angesichts eines drohenden Streiks der »Screen Actors Guild« und der Tatsache, daß er noch auf kein fertiges Skript für ein neues Projekt zurückgreifen konnte, wühlte der Regisseur tief in seiner Drehbuchschublade – und zauberte ein über 30 Jahre altes Filmkonzept hervor. Die Story zu Whatever Works hatte Woody Allen entwickelt, nachdem er 1976 zusammen mit Theater- und Schauspiellegende Zero Mostel in Martin Ritts The Front vor der Kamera gestanden hatte. Allen schrieb Mostel die Rolle des gealterten, misanthropen Zynikers Boris Yellnikoff auf den Leib, der eine blutjunge, naive Südstaatenschönheit bei sich aufnimmt, heiratet und sich trotz seines düsteren Weltbildes mit allem abfindet, Hauptsache es funktioniert irgendwie. Mit dem plötzlichen Tod des Schauspielers, dessen wohl bekannteste Rolle die des Max Bialystock in Mel Brooks The Producers war, starb auch das Filmprojekt. Woody Allen widmete sich mit Innenleben seinem ersten ernsten Spielfilm, und das »Mostel-Drehbuch« lag mangels adäquaten Hauptdarstellerersatzes für drei Jahrzehnte auf Eis.

Ein wahrer »Vintage Woody Allen« also, aus der, wie viele meinen, besten Schaffensphase des eigenwilligen New Yorker Auteurs, der nur darauf wartete, das Licht des Projektors zu erblicken. Ein kleines Juwel, das mit der richtigen Politur – sprich einem Zero Mostel ebenbürtigen Schauspieler – und ein wenig zeitgeistiger Verpackung die alten Stärken des Filmemachers wieder funkeln lassen könnte. So sollte man jedenfalls meinen.

Woody Allens »neuer Mostel« ist Larry David. Als großer Fan des Seinfeld-Miterfinders und Curb Your Enthusiasm-Selbstdarstellers sei er vom Vorschlag seiner Castingverantwortlichen, Larry David als Boris zu besetzen, begeistert gewesen, so Allen in einem Interview: »Larry just seemed to fit it like a glove.« Und tatsächlich sind die Parallelen im Weltbild der Kunstfigur Larry David und des Allen-Charakters Boris Yellnikoff nicht von der Hand zu weisen. Außerdem hatte David bereits ein wenig »Mostel-Luft« geschnuppert, als er in der vierten Staffel seiner Mockumentary-Serie dessen Paraderolle als Max Bialystock übernommen hatte – allerdings in der Broadway-Aufführung von »The Producers«. Man könnte jetzt viel über die Wahl des neuen Hauptdarstellers diskutieren. Man könnte anmerken, daß Larry David, wie er Woody Allen selbst zu denken gab, kein prototypischer Hauptdarsteller im eigentlichen Sinne ist. Man könnte einwerfen, daß zwangsläufig zu sehr mit Larry Davids idiosynkratischem Curb Your Enthusiasm-Alter Ego kokettiert wird und dieses dabei jegliche Eigenständigkeit der Rolle des Boris Yellnikoffs zu überstrahlen droht. Und das, obwohl Allen betont, er habe die Figur in keinster Weise seinem neuen Hauptdarsteller angepaßt. Doch hier liegen nicht die eigentlichen Probleme des Films, bzw. wird es nur für Kenner von Larry Davids TV-Show problematisch.

In Whatever Works sind alle typischen »Vintage Woody Allen«-Ingredienzien vorhanden: ein hypochondrischer Antiheld, der sich der Präsenz des Publikums bewußt ist und sein Innenleben freigiebig in die Kamera plaudert; Tiraden über Gott und die Welt, Liebe, Sex und Tod und eine Unmenge an mal tief-, mal flachsinnigen Onelinern. Dazu kommen Allens charakteristische, augenzwinkernde Selbstreflexivität (»This is not the feel good movie of the year«), Künstlerfiguren, Möchtegern-Starlets, alte Musik, alte Filme und ein Happy End, das einem in dieser Form – so will der Filmemacher sein Publikum Glauben machen – nur in New York begegnen kann.

All diesen Allen-Trademarks zum Trotz bleibt Whatever Works der Mittelmäßigkeit verhaftet. Denn die Zutaten, mit denen der Regisseur Ende der 1970er brillieren konnte, waren und sind nie wirklich in der Lage, einen eher uninspirierten, klischeebeladenen Plot zu retten. Hier muß sich Woody Allen der Tatsache stellen, daß seine Geschichte, die an eine upgedatete und amerikanisierte Variation von My Fair Lady erinnert, nichts wirklich Neues vermitteln kann. Nicht nur die szenischen Anordnungen – vom eigentlich über jegliche Zweifel erhabenen Harris Savides leider meist unspektakulär bis uninspiriert fotographiert – erinnern des öfteren an ein abgefilmtes, durchschnittliches Bühnenstück. Auch die Charaktere wirken in ihrer anfänglichen Eindimensionalität und deren plötzlichen Durchbrechung wie einer simplen Burleske entliehen – zu flatterhaft und zu unglaubwürdig. Selbst die exponierte, zuweilen exaltierte Gehässigkeit, mit der Boris Yellnikoff über das Leben philosophiert, kann den reichlich abgelutschten Kern der Story nicht überdecken.

»Clichés are good to finally make a point.« Diesen Satz legt der Filmemacher seinem Antihelden – man hat fast schon den Eindruck sicherheitshalber – in den Mund. Da die Ansichten, die Woody Allen in seinem »neuesten« Werk vertritt, alles andere als schwer lesbar sind, hätte dem Film jedoch eher ein größeres Maß an Subtilität und der Tritt auf die Klischeebremse besser zu Gesicht gestanden. Und allein der augenzwinkernde Verweis auf den vermeintlichen Nutzen eines intensiven Einsatzes von stereotypen Figuren, Konstellationen und Situationen macht noch keinen besseren Film.

Die Botschaft des »Jeder, wie er will«, die Whatever Works offensiv propagiert, hinterläßt den Geschmack einer finalen Lebensweisheit mit einer solchen Penetranz, daß man beinahe geneigt ist, zu vergessen, daß Woody Allen Anfang Vierzig war, als er das Drehbuch schrieb. Seine skandalträchtige Beziehung mit Mia Farrows Adoptivtochter, seiner jetzigen Frau Soon-Yi Previn, lag zwar zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Doch in Anbetracht der Vita des Regisseurs nimmt die Prämisse des Films heutzutage einen fast schon apologetischen Charakter an, der den Vorwurf einiger Kritiker, der Film sei eine einzige Altmännerphantasie, transzendiert. In dieser Hinsicht ist Whatever Works ein sehr persönlicher Film, den Allen vielleicht doch nicht nur aufgrund einer fehlenden Alternative, sondern gezielt in sein Alterswerk eingebettet hat. Das Potential für oberflächliche Unterhaltung besitzt der Film trotz der genannten Schwächen allemal. Doch den Zauber seiner New-York-Trilogie oder die Qualität seiner letzten Filme kann der Filmemacher nicht einfangen. Whatever Works wird somit wohl in Woody Allens Filmographie eher eine routinierte Fußnote bleiben. 2009-12-01 14:44

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