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A Serious Man

USA 2009. R,B: Ethan Coen, Joel Coen. K: Roger Deakins. S: Roderick Jaynes. M: Carter Burwell. P: Working Title Films. D: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennik, Aaron Wolff, Jessica McManus, Peter Breitmayer, Jack Swiler u.a.
105 Min. Tobis ab 21.1.10

Immer zu Schmerzen aufgelegt

Von Sascha Ormanns A Serious Man beginnt mit einem metaphysischen Prolog, der mit dem eigentlichen Film inhaltlich nichts zu tun hat und auch nicht wieder aufgegriffen wird. Er dient einzig als Einführung in ein irgendwie vertraut wirkendes und doch fremdes gesellschaftliches Milieu. Zeitgleich schürt dieser Einstieg – der durchaus als eigenständiger Kurzfilm funktioniert – bereits erste Erwartungen an das, was noch kommen mag. Beklemmung ist eigentlich durchweg zu spüren, ebenso auch eine versöhnliche Zuneigung gegenüber den Figuren – überaus präsent zudem eine bedrückende Angst vor einer möglichen Verletzung der Protagonisten: ihrem Scheitern. Sei es an sich selbst oder an ihrem Gegenüber. Insofern funktioniert diese Einleitung vor allem auf emotionaler Ebene hervorragend, weil es den Coen-Brüdern damit gelingt, in die Grundstimmung des Films zu geleiten: den Zuschauer auf bemitleidenswert Schmerzhaftes einzustimmen, ihm jedoch gleichwohl (und das immer wieder) die Pointe vorzuenthalten. Antiklimaktische Sequenzen. Keine Katharsis. Die einzige inhaltliche Verknüpfung zum dann Folgenden mag das im Prolog gesprochene Jiddisch sein, das zwar die Herkunft der im Hauptfilm agierenden Protagonisten spiegelt, jedoch gleichzeitig dafür sorgt, daß eine gewisse Distanzierung des Zuschauers stattfindet, einfach weil damit Hörgewohnheiten konterkariert werden.

Daß in ihrer neuen Komödie, wenn man A Serious Man denn als solche bezeichnen mag, ein jüdischer Pechvogel die Hauptrolle spielt, überrascht bei den Coens keineswegs. Daß sie diesmal jedoch gänzlich auf die Besetzung von Stars verzichten, überrascht nach unzähligen prominenten Auftritten wie zuletzt in Burn After Reading umso mehr. Keineswegs negativ. Stattdessen erlauben uns die Filmemacher so, teilweise verblaßte Fernsehgesichter wieder und ganz andere gänzlich neu zu entdecken. So beispielsweise das des Theatermimen Michael Stuhlbarg, der es mit seiner brillanten Körperlichkeit und seinem punktgenauen, minimalistischen Spiel hinreißend vermag, bereits erwähnte Zuneigung zu erzeugen. Denn eigentlich, ja, wie fast in jedem ihrer Filme, kreieren die Coens wieder ein ganzes Ensemble von Witzfiguren, und daß einen solche emotional wahrhaftig tief berühren, das gelingt nur in dem für sie typischen Universum: einerseits durch eine grandiose Besetzung, aber andererseits eben auch durch eine exzellente Schauspielerführung sowie Figurenzeichnung.

Gelänge es A Serious Man nicht, diesen empathischen Beschützerinstinkt zu evozieren, wäre das Betrachten zweifelsohne leidenschaftsloser. So allerdings schafft es der angestammte Kameramann der Coen-Brüder, Roger Deakins, wieder einmal famos, mittels seiner kunstvollen Kinematographie die allgegenwärtig spürbare Bedrohung auch auf die visuelle Ebene zu transportieren. Deakins setzt häufig Untersichten ein, die manchmal bedrohlich, bisweilen auch erbärmlich, jedoch nie heroisierend wirken. Die teilweise grotesken, jedoch nie übertrieben gezwungenen Kamerawinkel und Kadrierungen deuten ebenso wie die Filmmusik, die Geräusche und das Schauspiel beharrlich darauf hin, daß da etwas ganz und gar im Argen liegt. Daß jederzeit etwas Furchtbares passieren kann – und vermutlich auch wird.

Die Schnittkomposition dieser wahrhaftig phantasievoll fotographierten und pittoresken Bilder ist brillant und zeichnet zu großen Teilen für die inhärente Kapitulationshaltung verantwortlich, die der Zuschauer durchweg einnehmen möchte. Die Montage häuft für den Protagonisten demütigende Momente auf- und übereinander, die gepaart mit schrecklichen Geräuschen und rauschend knackender Musik im Wortsinne Nervosität erzeugen. Angst vorm Mißglücken. Auch A Serious Man erzählt davon, denn irgendwie, so scheint es, sind die Charaktere im Coen-Kosmos immer dazu verdammt, den Kürzeren zu ziehen. Hier auf besonders tragische Weise: gewissermaßen in Form der Hiobsgeschichte. Stuhlbargs Figur rutscht immer tiefer in einen Sumpf von Grausamkeiten, die sie schlicht nicht verdient hat, ohne sich jedoch tatsächlich zu beschweren. Vielmehr sucht der Protagonist gutherzig, aber leider erfolglos nach einer Lösung. Es gibt sie schlichtweg nicht. Und genau darum gelingt den Coens mit A Serious Man zwar nicht ihr zugänglichster, gleichwohl aber ihr persönlichster – vielleicht sogar bester – Film, der trotz seiner perfiden Grausamkeit überaus unterhaltsam daherkommt. Und sehr realistisch die Einsamkeit des modernen Menschen offenbart. 2010-01-15 17:00

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