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A Serious Man

USA 2009. R,B: Ethan Coen, Joel Coen. K: Roger Deakins. S: Roderick Jaynes. M: Carter Burwell. P: Working Title Films. D: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennik, Aaron Wolff, Jessica McManus, Peter Breitmayer, Jack Swiler u.a.
105 Min. Tobis ab 21.1.10

Wer verletzt lacht…

Von Daniel Bickermann In Woody Allens satirischer Version des Buches Hiob gibt es folgende Passage: »Und der Herr zog zwei steinerne Tafeln hervor und schmetterte sie zusammen, und Hiobs Nase war dazwischen. Als Hiobs Weib dies sah, weinte sie, und der Herr sandte einen Engel der Barmherzigkeit, der polierte ihr den Kopf mit einem Poloschläger, und von den zehn Plagen schickte der Herr die Nummern eins bis sechs inklusive.«

Im Gegensatz zu Allen, diesem ewig ätzenden Karikaturisten der eigenen Kultur, haben sich die Coens bisher nicht gerade als Chronisten des jüdischen Lebens in den USA ausgezeichnet. Sicher, in ihren Filmen gab es Anwälte namens Riemenschneider, Angestellte namens Linda Litzke und mental instabile und pseudo-jüdische Vietnamveteranen. Aber wenn man sich die bisherigen Sujets der genialischen Brüder so anschaut, findet man eigentlich eher Beschreibungen irisch geprägter Gangstermilieus, des hispanisch geprägten Südtexas, des sonnigen, banjoklimpernden Südens oder des skandinavisch besiedelten Nordens der großen USA. A Serious Man ist nun, gänzlich unerwartet, ihre erste Auseinandersetzung mit jüdischer Mythologie und Kultur, und die Coens gehen gleich in die Vollen. Vom darunterliegenden Hiobsthema bis zur abschließenden Bar Mitzwa-Feier, von den Skurrilitäten des jüdischen Scheidungsrituals bis zu einer ganzen Batterie mehr oder weniger (ein)gebildeter Rabbis parodieren sie hier eine Kultur zwischen dem Regen und der Traufe.

Wir wollen schnell die etwas verstörende Frage vergessen, was mit den Coens zwischen 2002 und 2007 los war, als sie nach neun mehr oder weniger brillanten Filmen plötzlich zwei haarsträubend unoriginelle Machwerke unters Volk brachten. Es sei verdrängt, sie sind wieder da, und A Serious Man stellt einen erneuten Höhepunkt ihrer künstlerischen Reife dar. Und wie früher gibt es bei Ihnen handwerkliche Brillanz zu erleben, von der beeindruckenden Theaterentdeckung Michael Stuhlbarg in der Hauptrolle über den immer verläßlichen Roger Deakins hinter der Kamera bis zu, vor allem, dem Klangkünstler Carter Burwell. Burwell, der einstmals ebenfalls eine Originalentdeckung der Coens war und inzwischen legendäre Scores für Größen wie Todd Haynes, Spike Jonze, Stephen Frears, Julian Schnabel und Sidney Lumet abgeliefert hat, ist unter den Filmkomponisten derjenige, der am raffiniertesten mit Stille umgehen kann. Auch hier mischt er wieder seine extrem subtile Geräuschkulisse aus Rauschen, Knacken und leisen Glocken zusammen, die sich dem Ohr des Zuschauers nur ganz schleichend und unauffällig nähert. Diese Klangkulisse nutzen die Coens, um unter ihrem üblichen Pseudonym Roderick Jaynes eine brillante Bild-Tonmontagesequenz an die nächste zu heften. In die präzisen, häufig grausamen Geräusche setzen sie ebenso gnadenlos Schnitte.

Hört sich brutal an? Ist es auch. Die Coens sind zu ihrem altbekannten Sujet zurückgekehrt: Der fundamentalen Tücke des Objekts und der kategorischen Unfähigkeit des Menschen, seiner Umwelt auch nur rudimentär Herr zu werden. Auf den modernen Hiob mit dem wundervollen Namen Larry Gopnik stürzt Problem um Problem ein, jedes davon einzeln sicherlich handhabbar, aber unter ihrem unablässigen Aufprall geht selbst der stabilste Mensch irgendwann in die Knie. Und Hilfe findet er nirgends. Im Gegenteil: Alle haben sich gegen ihn verschworen. Arbeit, Familie, Kirche, Kollegen, Nachbarn, Freunde, Studenten, man häuft eine Demütigung nach der anderen auf ihn. Sollte er auf die Idee kommen, sich zu beschweren, wird er noch angebrüllt: »You always act so surprised!«

Die Welt ist scheiße und gemein, und das Schicksal kann ein ziemlicher Drecksack sein. Selten wurde die fundamentale Einsamkeit des modernen Menschen so drastisch dargestellt wie hier: Wäre Larrys Gemüt ein anderes, dies hätte auch eine Geschichte über einen Amokläufer werden können. So wurde es eine existenzialistische Satire, ein genüßlich grausamer und dabei ungemein unterhaltsamer Alptraum um eine verlorene Seele, die doch nur jemanden sucht, der sie liebt – und dabei auf einen Gott stößt, der ihm letztlich noch einen derart alttestamentarischen Schlag in die Fresse mitgibt, daß die Schädelpolitur mit einem Poloschläger dagegen noch glimpflich erscheint. 2010-01-15 17:01

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