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Troubled Water

De Usynlige. NOR 2008. R: Erik Poppe. B: Harald Rosenløw Eeg. K: John Christian Rosenlund. S: Einar Egeland. M: Johan Söderqvist. P: Paradox Spillefilm. D: Trond Espen Seim, Trine Dyrholm, Stig Henrik Hoff, Pål Sverre Hagen, Anneke von der Lippe, Terje Strømdahl, Frank Kjosas, Lene Bragli u.a.
115 Min. Kool ab 18.3.10

Risse im Realen

Von Matthias Wannhoff »Ist das eine Hochzeit?«, fragt ein Mädchen in Troubled Water, als es auf dem Schoß seiner Adoptivmutter kauert und zwei Menschen vom Traualtar gen Kirchenpforte schreiten sieht, und spricht damit eine der wenigen Wahrheiten in diesem ansonsten gnadenlos uneindeutigen Film aus. Traue nichts und niemandem, könnte man diese Wahrheit zusammenfassen. Keinen Worten, keinen Klängen, und erst recht keinen Bildern. Mögen letztere auch ein freudiges Brautpaar zeigen – die Kirchenorgel, die im Anschluß an das Ja-Wort erklingt, tönt derart unheilvoll, als begleite sie zwei Menschen auf ihrem Weg zum Schafott. Zwangsläufigkeit des Tragischen, so wie auch das Unglück der beiden Hauptfiguren in Troubled Water längst durch einen dramatischen Vorfall in ihrer Vergangenheit festgelegt ist. Die Geschichte ist ungnädig, lehrt uns der Film; gnadenlos jedoch wird sie erst in der Form, in der sie erzählt wird. Und Erik Poppes Film ist unzuverlässiges Erzählen auf allen Kanälen.

Protagonist Jan, der nach einem mehrjährigen Gefängnisaufenthalt versucht, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen, scheint sich zunächst in eine transnationale Ahnenreihe einzufügen: Dies sind namentlich Nicole Kassells grandioses Pädophilie-Drama The Woodsman (2004) sowie Matthias Glasners Triebtäterstudie Der freie Wille (2006), die ebenfalls von Menschen erzählen, die vom Schatten ihrer früheren Missetaten verfolgt werden. Im Falle Jans lautete das Urteil Kindsmord, wobei der junge Mann darauf beharrt, daß es sich bei dem ertrunkenen Knaben um das Opfer eines Unfalls handelte. Agnes, die Mutter des Toten, ist jedoch vom Gegenteil überzeugt und versucht, Jan nach seiner Entlassung ein Geständnis abzugewinnen – mit folgenreichen Konsequenzen auch für die alleinerziehende Anna, die sich in den stillen Organisten verliebt hat, jedoch nichts von dessen Vergangenheit weiß.

Daß Poppe die Frage, ob man den Worten seines männlichen Protagonisten trauen kann, immer ein Stück weit offen läßt, ist nicht der einzige Unterschied zu den Dramen von Kassell und Glasner. Denn so wenig wie man Jans dramatische Orgelmelodien jemals in den Gotteshäusern dieser Welt hören dürfte, so irreal gemahnt auch die Optik, in welcher Troubled Water besagte Welt abbildet – strahlt sie im Film doch über weite Strecken in einer geradezu künstlich wirkenden Helligkeit. Was dem Film an Realismus abgeht, macht er sich allerdings über eine meisterhafte Komposition zunutze: Verdopplung von Formen und Figuren, Querverweise durch Raum und Zeit. Risse im Realen, Filmkunst als Spiegelachse. Selbst in der Klimax verweist Troubled Water auf seine Gemachtheit; denn der Moment, an dem die Spannung unaufhaltsam zu steigen beginnt, fällt zusammen mit jenem, an dem der Film sein narratives Prinzip enthüllt. Auf daß einem die Wirklichkeit auch nach dem Filmgenuß noch für eine gewisse Zeit zerrissen vorkommen möge. Viel mehr kann Kunst, die sich im positivsten aller Sinne selbst genügt, nicht erreichen. 2010-03-11 13:00

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