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Shutter Island

USA 2010. R: Martin Scorsese. B: Laeta Kalogridis. K: Robert Richardson. S: Thelma Schoonmaker. M: Robbie Robertson. P: Phoenix Pictures, Sikelia Productions, Appain Way, Paramount Pictures. D: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Sir Ben Kingsley, Michelle Williams, Max von Sydow, Jackie Earle Haley, Elias Koteas, Patricia Clarkson u.a.
138 Min. Concorde ab 25.2.10

Klappe zu, Insel tot

Von Gerrit Booms Wenn Beteiligte einer Produktion sich darauf verständigen, bei der folgenden wieder zusammenzuarbeiten, dann liegt das generell gesprochen wohl daran, daß sie etwas aneinander gefunden haben. Spezieller: Vielleicht fanden sie Inspiration – das wäre wohl der Idealfall –, vielleicht fanden sie neue Methoden, vielleicht fanden sie neue Impulse, vielleicht fanden sie finanziellen Erfolg. Nichts von alledem hat Martin Scorsese nötig, er hat es schon zur Genüge. Er gehört zu jenen Regisseuren, die vieles davon mitgeprägt haben, und bei denen Schauspieler – hier kann die Plattitüde mal missbraucht werden – Schlange stehen. Vielleicht gehörte Scorsese gerade deswegen schon immer zu den Regisseuren, die eine Zeit mit bevorzugten Schauspielern verbrachten und einen Film nach dem anderen mit ihnen fertig stellten. Genau genommen, tut dies wohl keiner seiner Gattung so sehr wie »Marty«. Man könnte ihm unterstellen, daß er in diesen Schauspielern eine gewisse Projektionsfläche sieht. Ob nun für sich oder für die Zielgruppe, die Zuschauer, das sei mal dahingestellt.

Seit jeher hat Scorsese Stammschauspieler. Einst war es de Niro, der wilde Stier, heute ist es DiCaprio, der schmucke Beau mit Ecken, Kanten und einer undefinierten Aggression. Beide gaben sich anscheinend bereitwillig die Klinke in die Hand. Und das auch mit Erfolg: In mehr als 30 Jahren sind durchaus Filme entstanden, die als Meisterwerke verstanden werden und Scorsese zu einem der einflussreichsten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts gemacht haben. Betrachtet man de Niros Rollen, dann ist er ruhig und ziemlich alt geworden. Und auch DiCaprio geht als junger Wilder mittlerweile nicht mehr durch. Vielleicht ist so die Idee entstanden, ihn diesmal einfach mal den Wahnsinn spüren zu lassen.

Der Reiz so etwas zu spielen liegt auf der Hand: DiCaprio weiß genau, was er an Scorsese hat, auf welche Methoden er sich einzulassen hat, was ihm geboten und was von ihm erwartet wird – und zu guter Letzt weiß er auch, daß Scorsese an der Kasse niemals floppt. Als Schauspieler dürften solche Konstellationen eigentlich nur Vorteile mit sich bringen. Eine echte Herausforderung kann man sich aber beim besten Willen nicht hineindenken oder -reden. Dementsprechend formt DiCaprio seine Rolle auch mal wieder zu nichts anderem aus, als seinem Ebenbild. Er spielt sich selbst und begeht damit eben jenen alten Fehler, den er eigentlich, mitsamt seiner unbegründeten Aggression, abgelegt zu haben schien. Komfortabel, aber langweilig. Als Regisseur jedoch ist die Fallhöhe größer. Es wäre durchaus ratsam gewesen, hier auf einen unbedarften Schauspieler mit unverbrauchtem Gesicht zurückzugreifen. An den hätte der Zuschauer keine Erwartungen gehabt. Und wäre vielleicht ein bisschen weniger enttäuscht.

Was die beiden sonst geritten haben könnte, nach hochwertigen und vielseitigen Filmen wie Gangs of New York, Aviator und Departed nun Shutter Island zu drehen, wird im Zweifelsfall ihr Geheimnis bleiben. »Es ist ein Film, wie ich ihn selbst gerne schaue«, sagt Scorsese, »mit unheimlicher und bedrohlicher Bedeutung«. Und DiCaprio meint, Shutter Island arbeite »simultan auf verschiedenen Ebenen«. Doch gerade an diesen Punkten hakt die Produktion. Denn Scorsese scheint über all den Zitaten, Referenzen und Ausstattungsideen vergessen zu haben, daß sich Bedrohung eigentlich nur durch innere Logik breit machen kann. Erst, wenn etwas tatsächlich und verständlich nahe kommt, erzeugt es auch Spannung. Doch rund um den omnipräsenten US-Marshall DiCaprio, entschuldigung, Teddy Daniels bleibt alles abstrakt.

Ursprünglich sucht er eine vermisste Patientin einer Nervenklinik. Die liegt dramaturgisch klug auf einer einsamen Insel, von Klippen und reißender Brandung umgeben. Ab der ersten Sekunde scheint klar, daß dort auch jeder Einzelne ein bisschen Dreck am Stecken hat. Doch obendrein wird Daniels von Visionen, Tag- und Nachtträumen heimgesucht, erscheinen ihm immer wieder seine Ex-Frau und ein bleiches Kind. Was genau sie wollen, warum sie scheinbar seine Wege über die Insel lenken und weswegen er plötzlich Insassen dieser Klinik persönlich zu kennen glaubt, darf bis zum Ende selbstredend nicht verraten werden. Schließlich scheint Scorsese der Überzeugung zu sein, jene Stimmung, die er selbst so gerne im Kino erlebt, sei durch eine lange, lange falsche Fährte und eine lange, lange Auflösungssequenz in brachialster »Ups, da war ja doch alles anders«-Manier zu erzeugen. Seine Hommage an all die Filme, in denen Menschen sich mit Streichhölzern als einzige Lichtquelle weite Wege bahnen, in denen Leuchttürme für verborgene Schätze und/oder Grausamkeiten stehen, in denen Brandungen geben und urplötzlich wieder nehmen, in denen Unmengen von Nagetieren über einsame Selbstjustizler herfallen, mag voller Respekt und Aufwand stecken. Mehr als zwei Stunden nur mit solchen und ähnlichen Anspielungen zu füllen, ergibt aber schlichtweg keinen Sinn. 2010-02-26 15:13

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