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The Expendables

USA 2010. R,B: Sylvester Stallone. B: Dave Callaham. K: Jeffrey L. Kimball. S: Ken Blackwell, Paul Harb. M: Brian Tyler. P: Millenium Films, Nu Image Films, Rogue Marble. D: Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Terry Crews, Randy Couture, Dolph Lundgren, Mickey Rourke, Eric Roberts, Steve Austin, Giselle Itié, David Zayas, Gary Daniels, Charisma Carpenter u.a.
103 Min. Splendid ab 26.8.10

Klasse Treffen

Von Nils Bothmann Als Paratexte bezeichnet man jene Texte, die einen Film begleiten, kommentieren oder ergänzen, ihm oft auch vorausgehen, also Trailer, Plakate und ähnliches. Im Falle von The Expendables könnte man beinahe die gesamte Actionfilmgeschichte als Paratext bezeichnen, der zu diesem Klassentreffen der Stars des Genres geführt hat. Es waren sogar noch mehr alte Recken angefragt, einige, wie Jean-Claude van Damme, sagten ab, doch seit der Ankündigung 2008 wurde das Ergebnis heiß erwartet. Paratexte wie Setfotos, offizielle Trailer und von Fans selbst zusammengeschnittene Vorschauen heizten die Vorfreude an, humorvolle Making Ofs auf youtube entpuppten sich als gelungenes virales Marketing und eine amerikanische Lebensversicherungsfirma veröffentliche sogar eine Plakatvariante, die den bisherigen Bodycount aller beteiligten Stars auflistet. Tatsächlich ist The Expendables das geworden, was die Paratexte versprachen: Eine liebevolle Wiederauferstehung des Actionfilms der 1980er Jahre, ein Event für Freunde des Genres, ein Geschenk an die Fans – ähnlich wie 1992, als John Woo vor seinem Wechsel ins amerikanische Filmgeschäft als Abschiedsgeschenk für seine Anhänger in Hongkong Hard Boiled inszenierte.

Glücklicherweise geht die Leistung von Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Sylvester Stallone über ein geschicktes Casting hinaus, wobei die Wahl der Besetzung ein Coup sondergleichen ist: In einer Szene zu Beginn des Films haben die Actiontitanen Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis Gastauftritte bei einem Meeting mit Sylvester Stallone, mit dem sie 1991 die Restaurantkette Planet Hollywood gründeten. Die Hauptrollen sind mit Genrestars der alten und neuen Garde besetzt, alte Hasen wie Stallone, Lundgren und Rourke treten zum Schulterschluß mit Newcomern wie Jason Statham, Randy Couture und Steve Austin an. Und selbst in den Nebenrollen gibt es bekannte Gesichter zu sehen: Dexter-Co-Star David Zayas darf den Ersatz-Noriega geben, der britische Kickboxchampion und B-Actionstar Gary Daniels ist als Handlanger »The Brit« zu sehen und Buffy-Schönheit Charisma Carpenter spielt die Frau an Jason Stathams Seite.

Jede Figur in The Expendables scheint die Quintessenz früherer Rollen der Darsteller zu sein (z.B. wirkt Lundgrens Söldner wie eine Kreuzung seiner Parts aus Men of War und Universal Soldier) und es sind vor allem die Gesichter der Darsteller, weniger ihre Mimik, welche die Geschichte der Figuren erzählen. In jedes Antlitz scheinen die Helden- und Schurkentaten früherer Filme eingeschrieben zu sein, weshalb es auch nicht stört, daß das Script seine Figuren nur grob umreißt – die Vorgeschichten, die haben andere Filme bereits erzählt. Gleichzeitig achtet das Drehbuch darauf, jedem der titelgebenden Expendables eine besondere Szene zu spendieren, die nur dieser Figur und dabei meist deren Privatleben gewidmet ist. Wobei das Privatleben der Expendables genauso pures Machotum wie ihre Arbeit als Söldner ist, eine Welt voller Tattoos, schwerer Motorräder und leichter Mädchen. The Expendables treibt die Machopose auf die Spitze, um sie gleichzeitig zu ironisieren, vor allem in Szenen wie denen, in denen Toll Road (Randy Couture) über seinen Besuch beim Therapeuten redet oder Ying Yang (Jet Li) anspricht, daß er es als eher kleiner Typ inmitten der riesigen Schränke, die den Rest des Teams ausmachen, besonders schwer hat.

Der Plot rund um den Umsturz eines von ehemaligen CIA-Agenten unterstützten Diktators, der über die Insel Vilena gebietet, ist klassische Genrekost, im Grunde genommen alles andere als raffiniert, doch auch hierin liegt einfach eine Hommage an alte, unkomplizierte Actiontage, bevor die Arthouse-Ballerschinken-Marke-Matrix oder Inception modern waren. Ganz spurlos sind die neuen Trends des Genres allerdings auch an The Expendables nicht vorbeigegangen: In den Kampfszenen wird, wie es spätestens seit Das Bourne Ultimatum in ist, auf schnelle Schnitte gesetzt, doch zum Glück bleibt ein unschöner Übersichtsverlust aus. Es ist nur ein wenig schade, daß man die Kampfkünste von Profis wie Jet Li, Dolph Lundgren und Gary Daniels eben nicht in voller Blüte bzw. ruhigeren Einstellungen genießen kann. Auch bei einigen CGI-Effekten gegen Ende des Films scheint das Budget Sylvester Stallone ein wenig verlassen zu haben, doch davon abgesehen bietet The Expendables das, was die Trailer versprachen: Ein Potpourri aus leinwandfüllenden Explosionen, wuchtigen Nahkämpfen, bluttriefenden Schießereien und spektakulären Autojagden. Stallone erweist sich als versierter Genreregisseur, erzeugt gerade durch den sorgsam dosierten Einsatz von Kameraschwenks in den Actionszenen die richtige Dynamik, unterstützt von brachialen Soundeffekten, die den Gefechten noch den letzten wuchtigen Touch verleihen. Und auch hier achtet Stallone darauf, den Fans Heißerwartetes und Erinnerungswürdiges zu präsentieren: Hüne Dolph Lundgren tritt in einer Kampfszene gegen den wesentlich kleineren Jet Li an, im Finale treffen Ex-Wrestler Steve Austin und UFC-Champion Randy Couture aufeinander.

Ein unheimlich kurzweiliger Film von Genreveteranen für Fans, ein Film aus dem Genre und gleichzeitig über das Genre, eine herrlich altmodische Materialschlacht, die durch ihre Implikationen, Insidergags und Paratexte gleichzeitig postmodern aufgeladen ist. Ob The Expendables deshalb ein Klassiker von der Größe eines Stirb langsam oder Lethal Weapon ist, darüber kann man sich streiten – aber selbst wenn nicht, dann hat er diesen Status nur ganz, ganz knapp verfehlt. Denn er mag nicht ganz so raffiniert oder wegweisend wie diese sein, mit seiner Besetzung und seiner Reflexion auf den Actionfilm ist er aber trotzdem ein wichtiger Baustein des Genres. 2010-08-25 10:57

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