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The Expendables

USA 2010. R,B: Sylvester Stallone. B: Dave Callaham. K: Jeffrey L. Kimball. S: Ken Blackwell, Paul Harb. M: Brian Tyler. P: Millenium Films, Nu Image Films, Rogue Marble. D: Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Terry Crews, Randy Couture, Dolph Lundgren, Mickey Rourke, Eric Roberts, Steve Austin, Giselle Itié, David Zayas, Gary Daniels, Charisma Carpenter u.a.
103 Min. Splendid ab 26.8.10

Last Men Stumbling

Von Asokan Nirmalarajah Auf die Frage, was einen guten Film ausmache, soll Howard Hawks – ein Hollywood-Regisseur der alten Schule, der in vielen verschiedenen Genres aktiv war, aber vor allem für seine ironisch-sentimentalen Filme über Männerfreundschaften in physischen und psychischen Extremsituationen in Erinnerung geblieben ist – mal gesagt haben: »Three great scenes, no bad ones.« The Expendables, ein unausgegorener, unförmiger Abenteuerfilm, der sich als Hommage an das amerikanische Actionkino der 1980er und frühen 90er Jahre verstanden wissen will, dessen Traditionslinien aber bis zu Hawks-Filmen wie Only Angels Have Wings (1939), Red River (1948) und Rio Bravo (1959) zurückreichen, stellt diese vermeintliche Erfolgsformel auf den Kopf. Der eigenwillige, aber recht ordentliche Unterhaltungswert von Sylvester Stallones drittem Film in Folge als Regisseur, (Co-)Autor und Hauptdarsteller in Personalunion läßt sich bestenfalls so auf den Punkt bringen: »Three bizarre scenes, many bad ones.« Das laute, blutige Actionspektakel, mit dem Stallone eine inoffizielle »Old School«-Trilogie abschließt, die er vor vier Jahren mit den Schwanengesängen Rocky Balboa und Rambo begann, wäre aber nicht nur nach der Hawksschen Definition ein schlechter Film. Schwerfällig erzählt, hölzern gespielt, mit schablonenhaften Figuren, unterforderten Darstellern, dümmlichen Dialogen, einer abgegriffenen Handlung und einer unfreiwillig komischen Inszenierung, mal ganz zu schweigen vom beiläufigen Rassismus und Sexismus, benötigt The Expendables vor allem das nostalgisch verklärte Wohlwollen seines Zielpublikums, um noch halbwegs als »guilty pleasure« durchzugehen. In der amerikanischen Presse bereits sehr unrühmlich mit Sex and the City 2 verglichen als der perfekte Film für einen »guy's (instead of a girl's) night out«, für den man sich tags darauf dann doch heimlich etwas schämt, ist Stallones selbstverliebte, unbeholfene Hymne auf obsolete Männlichkeitsbilder für all jene Genrefans gedacht, die dem Hollywood-Actionfilm der konservativen Reagan-Ära und ihren größten Stars, den unterschätzten »hard bodies« nachtrauern.

Als ein eben solcher Genrefan ist man dann auch schon froh, wenn man hier Dinge auf der Leinwand zu sehen bekommt, die man sich so vorher nur in seiner jugendlichen Phantasie ausgemalt hatte. Womit wir bei der ersten der drei bizarren Szenen des Films wären, die bereits sehr früh zwei Vermutungen über The Expendables bestätigt. Erstens ist die Idee hinter diesem Projekt – einige der größten Actionstars der letzten drei Dekaden trotz eher mangelnder Chemie in einem Film zu vereinen – viel aufregender als das Endresultat, und zweitens handelt es sich dabei nicht so sehr um einen Tribut an ältere Actionfilme, als um eine Reaktion auf das Fantum, das um diese Filme und um ihre Stars entstanden ist: wie so viele Actionfilme der jüngeren Zeit ein Film maßgeschneidert für die Fanconventions. Stallone reagiert auf diesen multimedialen Hype, indem er uns Szenen gibt, in denen immer mindestens zwei Actionstars miteinander oder gegeneinander kämpfen. Der bereits im Vorfeld mit Spannung erwartete physische Schlagabtausch zwischen dem charismatischen Hünen Dolph Lundgren, der hier als einer der wenigen Stars auch als Mime überzeugt, und dem flinken Jet Li, der viele schlechte Witze über seine Größe über sich ergehen lassen muß, ist aber zu schnell geschnitten und zu wackelig fotographiert, um der Akrobatik dieser Kampfsportathleten gerecht zu werden. Die eigentlich bizarre Szene besteht aber in dem schlecht gespielten, ungelenken verbalen Schlagabtausch zwischen Stallone und Arnold Schwarzenegger, bei dem auch Bruce Willis zugegen sein darf. Was man so sonst nur in den Nachrichten bei Neueröffnungen von Planet Hollywood-Restaurants zu sehen bekam, gestaltet sich auf der Leinwand als kurzes, mit amüsanten Metaverweisen gespicktes Intermezzo zwischen drei vertrockneten Pflaumengesichtern, wovon besonders eine Pflaume, der auffallend geliftete Stallone, dem jugendlichen Schönheitswahn verfallen zu sein scheint.

Anders als noch in Rocky Balboa oder Rambo, in denen er öfters übers Altern sinnierte und lethargisch herumstand, als sein Hemd auszuziehen und agil durchs Bild zu hechten, präsentiert sich Sly hier nach einer Generalüberholung wieder als dynamischer Actionheld, der mit neueren Stars des Genres wie Jason Statham mitzuhalten versucht. Zusammen bilden sie auch das zentrale homosoziale Liebespaar des Films, das ständig wie ein altes Ehepaar darüber streitet, wer denn der effizientere, also schnellere Killer von beiden sei. Während der gewohnt herrlich arrogante Statham auf sein überdimensionales Messer schwört, vertraut Sly auf die Kugeln seiner Pistole. Der Streit schlichtet sich dann erst, als beide zusammen den wunderbar schmierigen Eric Roberts als korrupten CIA-Agenten sowohl von vorn als auch von hinten mit ihren phallischen Projektilen penetrieren – die zweite bizarre, absurd-komische Szene des Films. Inmitten all dieser unreflektierten, leider so gar nicht ironisch gebrochenen Homoerotik tauchen dann noch attraktive, schmollmundige Frauen wie Charisma Carpenter und Gisele Itié auf, die von der Kamera zunächst wollüstig zur Kenntnis genommen werden, aber dann nur noch in Erscheinung treten, um geschlagen, gefoltert oder dafür kritisiert zu werden, daß sie nicht auf den Mann hören wollten. Die starken Frauenfiguren aus den Männerfilmen von Howard Hawks oder aus den Filmen der von Hawks inspirierten Filmemacher John Carpenter, James Cameron und Quentin Tarantino sucht man hier leider vergebens. Frauen sind in diesem besonders plumpen Männerfilm nur dazu da, um gerettet zu werden, damit die melancholischen Männer ihre gottgegebene Bestimmung als das starke Geschlecht erfüllen können.

Womit wir bei der bizarrsten und zweifellos besten Szene des Films wären: Mickey Rourke, der lediglich einen Drehtag zur Verfügung stand, taucht nur dreimal kurz auf und schießt den Film bei seinem zweiten Auftritt in schauspielerische Stratosphären, von denen die restlichen Darsteller nur träumen können. Wenn der wieder mal exzentrisch gestylte Rourke in einer extremen Nahaufnahme beginnt, einen Monolog darüber zu halten, wie er einmal eine Frau hätte retten können, aber seiner Pflicht als Mann nicht nachgekommen sei und an diesem Tag seine Seele für immer verloren habe, dann ist das zunächst unfreiwillig komisch, weil Stallone in der Szene nicht genau weiß, wie er auf die schauspielerische Urgewalt reagieren soll. Doch dann nimmt Rourke den Zuschauer auf einen Trip in seelische Abgründe mit, der den Film kurzzeitig implodieren läßt und der deshalb allein schon die Kinokarte wert ist.

Nach einer spektakulären finalen Materialschlacht, die die Erwartungen des Genrefans noch halbwegs erfüllen sollte, ohne irgendwelche neuen Maßstäbe zu setzen, erklingt dann »The Boys Are Back in Town«, ein Song der irischen Hardrock-Band Thin Lizzy, über dem albernen Schluß des Films, in dem der durch die gemeinsame Mission wieder gestärkte Männerbund fernab von jeglichen weiblichen Irritationen bei einem Messerwurfspiel seiner Homosozialität frönt und dann auf Motorrädern in die Nacht gen Horizont reitet, als hätten sie einmal zu oft The Magnificent Seven (1960) gesehen. Und auch wenn man als unverbesserlicher Genrefan unfreiwillig mitsingt, hätte man von der Rückkehr dieser alten Jungs eigentlich doch etwas mehr erwarten können als The Expendables. 2010-08-25 10:57

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