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Die kommenden Tage

D 2010. R,B: Lars Kraume. B: Dr. Christina Kallas. K: Sonja Rom. S: Barbara Gies. M: Christoph M. Kaiser, Julian Maas. P: Badlands Film, UFA Cinema. D: Bernadette Heerwagen, Daniel Brühl, Johanna Wokalek, August Diehl, Susanne Lothar, Ernst Stötzner, Vincent Redetzki, Mehdi Nebbou u.a.
129 Min. Universal ab 4.11.10

Baader-Meinhof auf der Alm

Von Till Boller Schon aus dramaturgischen Gründen handelt der utopische Film in der Regel von dystopischen Visionen unserer Zukunft. Projektionen von Ängsten und Befürchtungen sollen die Spannung steigern und dem Filmpublikum als Warnung dienen. Die interessante Prämisse von Die kommenden Tage ist dabei, den Weg in eine dystopische Zukunft von der Gegenwart aus nachzuzeichnen, anstatt sie als gegeben vorauszusetzen, wie dies der dystopische Film meist tut.

Der Film beginnt zunächst jedoch als recht biederes Familiendrama. Langatmig und ohne zielführend in eine Richtung zu steuern wird eine gutbürgerliche Familie mit ihren verschiedenen Repräsentanten portraitiert. Natürlich sind einige Szenen romantisch, andere tragisch, dennoch wirkt dies alles wie ein ungelenker Versuch, die Geschichte mit viel Pathos aufzuladen. Die Erzählung verliert sich dabei in viel zu vielen Details, beispielsweise wirkt die ausführlich geschilderte Leidenschaft zur Ornithologie von Daniel Brühl als Hans Krämer einfach belanglos und überflüssig.

Nachdem der Zuschauer also ausführlich über die Leidenschaften, Probleme und Problemchen der Protagonisten informiert wurde, schwenkt der Film doch noch einmal um. Nach einem Zeitsprung von vier Jahren haben sich die Verhältnisse radikal verändert und der Niedergang der Gesellschaft ist weit voran geschritten. Der Film wird nun zum futuristischen Terrorismusthriller mit klaren Gut-Böse-Zuweisungen. Das Portrait der Widerstands- bzw. Terrorbewegung als futuristische Baader-Meinhof Gruppe mit einem Schuß islamistischer Schläferzellen ist dabei besonders ärgerlich. Hier zeigt sich, wie sehr die einzelnen Elemente der Erzählung aneinander vorbeifahren. Auch optisch gibt es Annäherungen an Baader und Meinhof. August Diehl darf mal wieder den diabolischen Dandy geben und auch Johanna Wokalek bekommt ein frisches Terroristinnen-Makeover verpaßt, das an ihre Rolle der Gudrun Ensslin erinnert.

Die Idee einer Gesellschaft, die im Begriff ist, zu zerfallen, ist leider nicht viel mehr als Kulisse für einen Film, der im Kern eine ganz andere Geschichte erzählt. Die kommenden Tage ist vor allem Beziehungs- und Familiendrama. Auch über den Terrorismus-Erzählstrang gelingt keine Verknüpfung dieser Erzählebenen. Es läßt sich keine plausible Erklärung erkennen, warum die verschiedenen Topoi des Films in eine Geschichte gepresst wurden.

Auch visuell ist der Film recht unharmonisch. Da man trotz des beschränkten Budgets von 6,5 Millionen Euro nicht auf Zukunftsverweise verzichten wollte, werden diese an einzelnen Stellen recht plump in den Film eingestreut, um den Zuschauer regelmäßig daran zu erinnern, daß er sich nicht in der Gegenwart befindet. Gelungen ist allerdings die Darstellung einer zusehends auseinander divergierenden Gesellschaft, in der das Stadtbild zunehmend von Slums und Obdachlosen geprägt ist.

Mutlos flüchtet sich Die kommenden Tage in Eskapismus-Ideale. Die Lösung aller Probleme findet sich ausgerechnet auf der Alm. Ein Aufbegehren gegen die eigene dystopische Vision lehnt der Film ab und entwirft trotz Systemversagen ein konservativ gezeichnetes Bild von Gut-Böse-Zuweisungen. Die Ereignisse der deutschen Gesellschaft aus den 1960er und 70er Jahren werden mit Problemen der Gegenwart vermischt, um aus beiden ein Bild der Zukunft zu stricken, das logischerweise recht unharmonisch und anachronistisch gerät.

Übrig bleibt die Frage, wem der Film als filmische Dystopie eigentlich als Warnung wovor dienen soll. Die kommenden Tage erscheint wie ein Lehrfilm, der einen leisen Appell an die gegenwärtige Regierungskoalition und gutbürgerliche Besitzstandswahrer richtet, grüne und soziale Reformen nicht zu vernachlässigen. Progressives und politisch mutiges Kino sieht jedenfalls anders aus. 2010-11-02 15:53

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