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Die kommenden Tage

D 2010. R,B: Lars Kraume. B: Dr. Christina Kallas. K: Sonja Rom. S: Barbara Gies. M: Christoph M. Kaiser, Julian Maas. P: Badlands Film, UFA Cinema. D: Bernadette Heerwagen, Daniel Brühl, Johanna Wokalek, August Diehl, Susanne Lothar, Ernst Stötzner, Vincent Redetzki, Mehdi Nebbou u.a.
129 Min. Universal ab 4.11.10

Die schroffen Gestade

Von Oliver Baumgarten Unser Zuhause im Jahre 2012: Die Menschen haben Angst. Sie sind umgeben von einer ständigen Unsicherheit, die das Morgen in ein schwer definierbares Gemenge aus möglichem sozialen Abstieg und gegenseitiger Entfremdung verwandelt. Die Schere zwischen Oben und Unten, sie klafft nicht mehr, sie reißt auseinander. Das nationale, aber auch das globale soziale Gleichgewicht gerät endgültig aus den Fugen, mit Gewalt werden Grenzen gezogen, Wut, Frust und Neid entladen sich. Selbst kleinste Ordnungen, jene der Familie, zerbrechen, werden mitgerissen im Sog der berstenden Gefüge. In den kommenden Tagen, das erzählt uns Lars Kraume in seinem neuen Film nachdrücklich, braut sich was zusammen. Es scheint nicht das Ende der Welt, wie wir sie kennen, sondern der Anfang einer Welt, wie wir sie befürchten.

In den Mittelpunkt der Erzählung rückt Lars Kraume eine Familie, besser: zwei Schwestern, Laura und Cecilia. Beide sind in Liebesdingen durch ihr Elternhaus nicht gerade vorteilhaft geprägt. Bis zur emotionalen Versteinerung halten ihre Eltern eine längst tote Beziehung künstlich am Leben und quälen damit ihre Kinder über Jahre. Dort, wo ein Zusammenbruch sinnvoll wäre, passiert er also nicht – dafür schreitet die Destabilisierung der Gesellschaft überall anders fort, während Laura sich eines Kinderwunsches wegen von ihrer großen Liebe Hans trennt und Cecilia sich dank der großen Liebe Konstantin einer terroristischen Gruppierung anschließt. »Es gibt keine Klarheit im Leben«, sagt eine von beiden Schwestern einmal, und entsprechend tappt sie, tappen die meisten Menschen im Film durch ihr Leben: als verneble ein Schleier ihre Sicht auf die Dinge. Und Hans, ausgerechnet der mit einer Makuladegeneration, der also, der blind im zentralen Sehen ist, der den Mittelpunkt seines Umfeldes nicht erkennen kann – ausgerechnet der sieht das Elend kommen, auf das die Welt zusteuert.

Lars Kraumes Zukunftsvision ist düster und geht konsequent vom Einzelnen aus. In der Welt von Die kommenden Tage gibt es nicht das eine zentrale Böse, die Regierung, die Konzerne, der Terrorchef, dem die Veränderungen in der Welt anzulasten wären. In dieser Welt ist jeder selbst für seinen persönlichen Untergang verantwortlich, weswegen es auch eine gute Entscheidung war, die Zuschauer über die genauen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Filmwelt mehr oder weniger im Trüben zu belassen. Vor allem die ausgewogene Ausstattung, die in Sonja Roms gewohnt hervorragenden Bildern zum Ausdruck kommt, und der Handlungskontext erlauben Rückschlüsse auf vermutliche Mechanismen der erzählten Welt. Ein solcher Ansatz steht und fällt natürlich mit der Überzeugungskraft der Darsteller, und das namhafte Ensemble enttäuscht in keinster Weise, diese düstere Vision zu glaubhafter und packender Science Fiction werden zu lassen.

Badlands Film heißt die relativ junge Produktionsfirma, die offenbar einen Nucleus bildet für Filmemacher, denen der Umgang mit Figuren im deutschen Film ansonsten wohl deutlich zu zimperlich erscheint. Denn der Ansatz, mit Figuren zu erzählen, die durch die Bank schon von Beginn an gebrochene Seiten, indifferentes Verhalten und finstere Not ausstrahlen, zeichnet seit jeher auch die Arbeit von Kraumes Produzenten-Kompagnon Matthias Glasner aus. Zusammen haben sie in diesem Stil zudem die ersten Staffeln der bemerkenswerten ZDF-Serie KDD – Kriminaldauerdienst geprägt. Produzent Frank Döhmann und Schauspieler Jürgen Vogel komplettieren das Firmen-Quartett, und zumindest letzterer bereitet gerade sein Regiedebüt vor. Da darf man tatsächlich gespannt sein, ob auch er die unwirtlichen, schroffen Gestade des Erzählens, sozusagen die ›Badlands‹ des Narrativen ausloten wird wie Kraume und Glasner zuvor. 2010-11-02 15:53

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