— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Midnight in Paris

E/USA 2011. R,B: Woody Allen. K: Darius Khondji. S: Alisa Lepselter. P: Gravier Productions, Mediapro. D: Owen Wilson, Michael Sheen, Rachel McAdams, Marion Cotillard, Carla Bruni, Adrien Brody, Kathy Bates u.a.
100 Min. Concorde ab 18.8.11

Sommerkino für Intellektuelle

Von Sabine Weier London, Barcelona, Paris: Woody Allen setzt seine Europaserie fort. Doch ist Paris wirklich noch das passende Setting für eine romantische Komödie? Die Stadt ist unromantisch, zumindest auf den ersten Blick, wenn Touristen in beigen Cargohosen, Outdoorsandalen und bewaffnet mit gigantischen Kameras durch den Jardin de Luxembourg streifen oder auf den Stufen von Sacré Coeur posieren. Und mal ehrlich: Wer kann den Eiffelturm überhaupt noch sehen? Entsprechend unromantisch wirkt die lange Eröffnungssequenz in Woody Allens Midnight in Paris, in der er Bilder der Stadt aneinander reiht – wenigstens lassen die begleitenden Jazztrompeten die Stimmung aufkommen, die man sich für einen Allen wünscht. Der Gegenwart mangelt es schlicht an Charme – kein Wunder, daß sich Protagonist Gil nach dem Paris der 1920er Jahre sehnt, dem Tummelplatz der europäischen Avantgarde. Früher war alles besser. Das dachte man lange auch über Allens filmisches Werk, spätestens seit You Will Meet a Tall Dark Stranger aus dem vergangenen Jahr, der schlicht langweilig war.

Mit seiner Verlobten und ihren Eltern verbringt der Hollywood-Drehbuchautor Gil ein paar Tage in der Stadt, mit dabei ein ungeschliffenes Manuskript, diesmal hat er sich an einem Roman versucht. Gil will mehr als Erfolg in Hollywood, er will intellektuelle und künstlerische Höhenflüge, nur ist er sich seiner Fähigkeiten nicht ganz sicher, vielleicht auch nur nicht ganz bewußt. Ihn inspiriert aber die Pariser Patina, und so läßt er sich schnell von den Mythen und Geistern der Stadt einnehmen. Und die begegnen ihm auch prompt: Die Pariser Uhren schlagen Mitternacht, ein Oldtimer kommt angerauscht und entführt Gil in die 1920er Jahre. Er feiert mit Zelda und F. Scott Fitzgerald, lauscht Ernest Hemingways Macho-Tips, spannt Pablo Picasso die Geliebte aus, gibt Luis Buñuel Ratschläge für seine Filme und geht für ein paar Nächte in Gertrude Steins Salon in der Rue de Fleurus – damals Hotspot der internationalen Künstlerszene – ein und aus. Die dekadente Gesellschaft nimmt ihn gerne auf: Alle lieben Gil, alle lieben sein Manuskript. Er fühlt sich pudelwohl und irgendwie unter seinesgleichen.

Es drängt sich auf, was sich vielleicht auch aufdringen soll: Allen hat sich mit Gil seinen eigenen Wunsch nach künstlerischer Selbstverwirklichung von der Seele geschrieben, schließlich beklagte er selbst immer mal wieder seinen mangelnden Genius. Tat er das etwa nur, um sich immer wieder bestätigen zu lassen? Tatsächlich ist es nicht einfach, sich künstlerisch zu profilieren, wenn man sich dem populären Genre Komödie verschrieben hat. Zeitgenössische Komödien haben es nicht leicht, da ist es beim Film ebenso wie in den Theatern. Kritiker lieben den Pathos! Leichtem Stoff räumen sie ungern Genialität ein, wenn er nicht gerade aus der Feder Shakespeares stammt. Dabei ist Allen doch so etwas wie der Shakespeare unserer Zeit – so produktiv, so beliebt, so humorvoll, so romantisch, so clever, so poetisch. Daß er das Zeug dazu hat, bewies er schon vor 30 Jahren mit seiner vorzüglichen Midsummer Night’s Sex Comedy, in der er den Shakespeareschen Stoff wie nie zuvor in ein postmodernes Lebensgefühl übersetzte. Mit Midnight in Paris hat er eine wundervolle Sommerkomödie geliefert, in der er die Charaktere im besten Shakespearschen Sinne geschickt miteinander verflechtet und diese Verflechtungen dann ebenso geschickt wieder auflöst. Der Film ist ein dramaturgischer Genuß, er ist intelligent und beflügelnd, er macht einfach Spaß. Diesmal hat es Allen verdient, gehätschelt zu werden. Er hat nicht nur einen fantastischen Film gemacht, sondern seinem ganz eigenen Humor gewissermaßen die Krone aufgesetzt, indem er seinen Intellektuellen-Witz personifiziert und damit seinen persönlichen Stil persifliert hat.

Ach ja, da war noch etwas: Carla Bruni spielt mit – in einer unbedeutenden Nebenrolle, in der sie noch nicht mal ein bisschen funkelt. In Cannes, wo der Film die diesjährigen Filmfestspiele eröffnete, hat die Bruni dann auch gefehlt. Allerdings ist ein Auftritt neben der bezaubernden Marion Cotillard zugegebenermaßen denkbar undankbar. Sie verkörpert die Geliebte Picassos, die dem Charme des fremden Amerikaners verfällt, und sorgt dann auch dafür, daß Paris doch noch so wird, wie es sich das Publikum wünscht – romantisch, sehr romantisch. Die »Stadt der Liebe« wäre jedenfalls vorerst abgehakt und jetzt steht natürlich die Frage nach dem nächsten Streich des Meisters im Raum. Mr. Allen, please come to Berlin! 2011-08-02 10:43

Weitere Autoren

© 2012, Schnitt Online

Sitemap