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The Raid

Serbuan maut. RI 2011. R,B,S: Gareth Evans. K: Matt Flannery. M: Aria Prayogi, Joseph Trapanese, Fajar Yuskemal. P: Pt. Merantau Films, XYZ Films. D: Iko Uwais, Joe Taslim, Donny Alamsyah, Yayan Ruhian, Pierre Gruno, Ray Sahetapy, Tegar Satrya, Iang Darmawan u.a.
100 Min. Koch Media ab 12.7.12

House of Pain

Von Daniel Bickermann Selten machte ein Film in den ersten Bildern so klar, worum es ihm ging – und worum nicht. Wir sehen eine Knarre und eine Uhr. Die Uhr tickt, hektisch, rhythmisch. Danach ein Gebet. Danach Klimmzüge, Sit-ups und Kampftraining. Dann ein Abschiedskuß für die schwangere Frau. Der Körper ist in erster Linie Waffe, erst in zweiter Instanz Mensch.

Es ist seit jeher der Traum des Actionfilms, das Herzstück des Genres auf Spielfilmlänge auszubauen und alles Außenrum wegzulassen – der ganze Film Showdown, alle Figuren nur Körper in Bewegung, das Kino als reine Kinetik. Doch welcher Showdown trägt über 90 Minuten? Schießereien? Selbst John Woo, der aus den vermeintlich langweiligsten set pieces noch originelle Ideen zaubern konnte, baute seine begnadeten Ballett-Ballerszenen nicht länger als 20 Minuten. Prügeleien? Wrestling-Freunde wissen spätestens seit Wrestmania VI, daß selbst ein Kampf zwischen Hulk Hogan und dem Ultimate Warrior nicht länger als 25 Minuten dauern darf, bevor er langweilig wird. Autoverfolgungsjagden? Selbst Jan de Bonts Speed, die bisherige klarste Kristallisierung der Maxime von Film als Dauer-Showdown, mußte zum eigentlichen Höhepunkt des Films dann doch aus dem fahrenden Bus raus.

Bleibt nur noch eine Angriffsoperation als Dauerszenario, eine Razzia, ein Eindringen, ein Kampf gegen eine Vielzahl von Gegnern – und wie der Titel schon erwähnt, wählt The Raid genau dieses Motiv. Das ist weder neu noch wird es das letzte Beispiel bleiben (die neue Dredd-Verfilmung hat offenbar den exakt gleichen Plot). Die beiden polaren Beispiele hierfür sind Kurosawas Sieben Samurai, der seinen bahnbrechenden Actionsequenzen auch eine meisterhafte Figurencharakterisierung beifügte, dafür aber über vier Stunden brauchte; dem gegenüber steht Ridley Scotts Black Hawk Down, der ebenfalls davon träumte, alles Unwichtige wegzulassen, und dem die Figurencharakterisierung darüber so erbärmlich mißriet, daß keiner der Protagonisten Empathie- oder auch nur Wiedererkennungwert hatte. Die Frage stellt sich also: In welche Kategorie fällt The Raid?

Regisseur, Autor und Editor Gareth Evans hat es ebenfalls sichtlich eilig, nach drei Minuten ist der emotionale Prolog beendet und es geht rein ins Getümmel. Im Auto gibt es noch schnell einen recht knappen Missionsauftrag, bei dem klar wird, daß es ein absurdes Himmelfahrtskommando ist. Und nach zehn Minuten sind wir am Ort des Geschehens, den wir nicht mehr verlassen werden. Tatsächlich schafft es Evans aber im Gegensatz zu Scott, die Figuren sozusagen »unterwegs« zu charakterisieren und ihnen inmitten des Getümmels wenigstens rudimentär Tiefe und Charakter zu geben. Es ist ein nicht zu unterschätzender Erfolg des Films, daß man allen Figuren folgen kann und auch will.

Getümmel, das heißt hier übrigens: urban warfare und jeder gegen jeden, mit einigen schönen Komplikationen auf beiden Seiten, viele Kampfsequenzen – einige davon schön motiviert, andere nicht so. Man kann nicht anders, als von der Intensität und Präzision der Kampfkunst hier beeindruckt zu sein, und das meint nicht nur die Prügeleien. The Raid ist ein klarer Nachkomme der asiatischen Action-Tradition, der auch z. B. Takeshi Kitano angehört: Ein Kopfschuß oder ein Genickbruch sind hier ist keine Hollywood-Zeitlupen-Musik-Highlights, sondern kühl inszenierte und vor allem perfekt vertonte Schockmomente, die gerade angesichts ihrer Kälte und ihres Realismus tief unter die Haut gehen. Und auch das dramaturgische Konzept geht überraschend auf, der Film hält den Atem an, stürzt von einer Klimax zur nächsten (um in einer faszinierenden Antiklimax zu enden...) und befriedigt Kampfsportfreunde voll und ganz.

Wer aber nun tatsächlich ein Meisterwerk auf Augenhöhe mit John Woo oder Akira Kurosawa erwartet, der kennt das Genre nicht wirklich. Denn jeder Action-Fan sollte inzwischen wissen, daß besagter Traum von der absoluten Reduktion auf reine Action einen Actionmeilenstein ausschließt, so paradox das klingen mag. Es ist wahr: Einen guten Actionfilm erkennt an seiner guten Action. Einen meisterhaften Actionfilm aber erkennt man an allem außenrum. Wer nur die endlosen Schießereien eines John Woo kennt, der verpaßt das Verspielte, die süßliche Naivität, die übertriebene, beinahe alberne Moralromantik, die der ästhetischen Brutalität der Action erst ihre Schärfe gab. Und wer von Kurosawa nur das Gemetzel im Regen gesehen hat, versteht nicht den melancholischen Grundton, die sozialpolitischen Aspekte und die zutiefst humane Achtung für die arbeitende Bevölkerung, die erst Triebfeder für das ganze Werk sind.

Nun, keinem anderen Actionfilm des letzten Jahres würde man vorwerfen, daß es kein epochales Werk ist – insofern schon allein der Vergleich mit solchen Meistern ein Lob für The Raid. Nach all den Vorschußlorbeeren und dem Hype muß man aber auch sagen dürfen: Wer das Werk einer neuen Action-Ära sehen will, muß noch etwas warten. Wer dagegen originelle Wege sehen möchte, wie man Menschen mit Türschwellen, Propangasflaschen und Macheten ermordet, der wird hier etwas Seltenes erleben: Einen perfekt funktionierenden, über die komplette Länge spannenden Film als Dauer-Showdown, Kino als reine Kinetik. 2012-08-05 14:29

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