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Gespenster

D/F 2005. R,B: Christian Petzold. B: Harun Farocki. K: Hans Fromm. S: Bettina Böhler. M: Stefan Willl, Marco Dreckkoetrer, Johann Sebastian Bach. P: Schramm Film, Les Films des Tournelles. D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Aurélien Recoing u.a.
85 Min. Piffl ab 15.9.05

Tagtrauma

Von Thomas Warnecke Wie in seinen bisherigen Filmen nimmt Christian Petzold in Gespenster den Menschen zum Maß und Mittelpunkt: In langen Totalen oder Halbtotalen folgt die Kamera den Figuren auf Augenhöhe oder nimmt gelegentlich deren Perspektive ein. Nur zwei Einstellungen sind zwischengeschnitten, in denen die Kamera auf sich selbst verweist und von einem unnatürlichen Standpunkt aus auf das Geschehen blickt, beide sind Aufnahmen aus Überwachungskameras. Die eine zeigt, wie ein Unbekannter im Supermarkt Françoises kleines Kind entführt, das sie für einen kurzen Moment unbeaufsichtigt im Einkaufswagen gelassen hatte, und ist die einzige Einstellung, die außerhalb der 24 Stunden linear erzählter Zeit von Gespenster liegt. Sie markiert das Trauma, das Françoise immer wieder in jungen Mädchen ihre Tochter suchen läßt. Zugleich ist sie der einzige sichtbare Beleg dafür, daß es diese Tochter einmal gegeben hat, so wie die Überwachungskamera im anderen Fall, als Nina und Toni bei H&M ins Visier genommen werden, die einzige Form zu sein scheint, in der zwei Außenseiterinnen noch wahrgenommen werden: als Sicherheitsrisiko.

Nina ist ohne festes Zuhause aufgewachsen und befindet sich zur Zeit im »betreuten Wohnen« mit Arbeitseinsatz. Julia Hummer versteckt diese Figur hinter einem langen Pony oder starrt zu Boden, so wie ein Kind, das glaubt, wenn es sich die Augen zuhält, kann es keiner sehen. Toni hingegen scheint auch nirgendwo herzukommen, ist aber immer irgendwohin unterwegs. Sie knüpft und trennt Verbindungen, so wie sie ihr altes T-Shirt wegwirft, als sie ein neues geklaut hat. Sabine Timoteo läßt sie mit jeder Geste nach Aufmerksamkeit heischen, wahlweise ist sie schroff zu Nina oder kneift sich verlegen in die Seite. Für den Regisseur beim Castingtermin lacht sie breit und erfindet sich und Nina eine neue Biographie, aber Benno Fürmann versteckt sich im Bildhintergrund hinter großen Brillengläsern.

Den nicht zustandekommenden Bindungen zwischen den Figuren entspricht das Verhältnis zu ihren Orten, transitorische Räume, die jeweils den drei Hauptfiguren zugeordnet sind: Hotel, Heim und Straße. Die Schauplätze werden montiert wie einzelne Bühnenbilder, durch Schnitte getrennt und nicht durch Fahrten verbunden. Petzold filmt keine Anschlüsse, weil das erstens langweilig ist, aber zweitens vor allem auch nicht nötig, weil jede Situation immer nur ein Übergang ist. Ihm kann egal sein, daß ihm Fernsehspielästhetik vorgeworfen wird, so wie es kein einziger guter Film nötig hat, darauf hinzuweisen, etwas anderes als Theater zu sein.

Daß Einzelheiten gelegentlich prätentiös wirken oder auch ratlos, liegt vielleicht an der Figur der Françoise, die als Französin in Berlin zu sehr Fremdheit symbolisiert und ein bißchen mysteriös ist. Marianne Baslers Spiel und die »Bäche von gesalz'nen Zähren« der leitmotivisch eingesetzten Bachkantate legen einen bittersüßen Schimmer über die nüchtern inszenierten Bilder dieses Films, der zeigt, was von einem Morgen bis zum nächsten passiert, und damit alles erzählt, was davor war. Was aus Nina wird, wenn sie mit dem Abspann den Film verläßt, bleibt eine bedrückende Vorstellung. 1970-01-01 01:00

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