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Gespenster

D/F 2005. R,B: Christian Petzold. B: Harun Farocki. K: Hans Fromm. S: Bettina Böhler. M: Stefan Willl, Marco Dreckkoetrer, Johann Sebastian Bach. P: Schramm Film, Les Films des Tournelles. D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Aurélien Recoing u.a.
85 Min. Piffl ab 15.9.05

Sozialzombies

Von Oliver Baumgarten Christian Petzold ist ein Meister der Reduktion, ein Ökonom filmischen Erzählens, das hat er schon mehrfach bewiesen. Er deutet an, er läßt Bilder für sich sprechen und hütet sich vor vordergründigem Kommentar. Seine Filme verweigern sich dem passiven Konsum, sie fordern, sie zwicken und entsagen verschwenderischem Luxus.

Mit Gespenster hat Petzold diese Ästhetik ein weiteres Mal zugespitzt. In klarste Bildsprache gefaßt, haben sich die Geschichten seiner letzten Filme immer weiter zu einem Abstraktum verdichtet, hinter dem sich das Eigentliche verbirgt. Seine Gespenster etwa – Toni, Nina und ihre vermeintliche Mutter – durchleben einen Plot, dessen oberflächliche Banalität zu einem durchschnittlichen TV-Movie gereichen könnte. Unter diesem simplen Konstrukt aber spuken die gleichen Figuren als untote Opfer gesellschaftlicher Umstände durch die Unterwelt sozialer Strukturen. Gesellschaftlich exekutiert und sich selbst entfremdet bleibt bloßes Funktionieren, gesteuert von Konvention und Gewohnheit. Erlösung aus diesem Zustand erhoffen sie sich allein durch das Klammern an emotionale Reflexe wie die flüchtige Bindung von Nina und Toni etwa oder die für ihre Weiterexistenz notwendige Suche der Frau nach ihrer Tochter. Die Gespenster sind unter uns, konstatiert der Film. Und es werden täglich mehr.

Das Kreativgespann Petzold/Fromm/Böhler, das nunmehr seit 1996 in fünf Filmen gemeinsam wirkt, harmoniert traumwandlerisch sicher in seinem Bestreben, einen einprägsamen Stil aus Ökonomie und Effektivität zu etablieren, der mittlerweile unverkennbar den deutschen Film bereichert. Gespenster nun hat dieses gestalterische und erzählerische Prinzip genußvoll auf dessen Höhepunkt getrieben, und es bleibt mit Spannung abzuwarten, ob Christian Petzold mit seiner nächsten Arbeit eine weitere Variation gelingen mag. 1970-01-01 01:00

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Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #39.
© 2012, Schnitt Online

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