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Gespenster

D/F 2005. R,B: Christian Petzold. B: Harun Farocki. K: Hans Fromm. S: Bettina Böhler. M: Stefan Willl, Marco Dreckkoetrer, Johann Sebastian Bach. P: Schramm Film, Les Films des Tournelles. D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Aurélien Recoing u.a.
85 Min. Piffl ab 15.9.05

Flucht in die Form

Von Thomas Waitz Wenn der Eindruck von Realismus tatsächlich auf Konventionalisierungen beruht, die historisch wandelbar sind, dann kann man festhalten: Die Authentizitätsmodelle Petzolds sind zur Zeit nicht gerade en vogue. Gespenster ist, bei aller Uneindeutigkeit, die an Belanglosigkeit grenzt, vor allem eins: gewiß nicht realistisch. Der Film ist, anders gesagt, in höchstem Maße artifiziell, und zwar in dem Sinne, daß er als Narrativ nicht über Kategorien wie Schlüssigkeit, Nachvollziehbarkeit oder gar Evidenz verhandelbar wäre. So werden die beiden Handlungsfäden, über die Gespenster verfügt, nicht nur kaum miteinander verwoben, sie sind, wollte man die Erwartbarkeit üblicher Erzählformen als Maßstab anlegen, in höchstem Maße befremdlich, so daß sich letztlich die Frage stellt, ob die Narration nicht vielleicht nur den gelegentlichen Anstoß zu Überlegungen bildet, die so oder so ähnlich den Regisseur per se beschäftigt haben.

Petzolds Figuren sind intellektuelle Entwürfe, aber nicht in einem kühnen Sinne, eher in einem, der mit dem Wort von der Reißbrettkonstruktion verknüpft ist: Unfaßbar, weil uns wiederkehrend jegliches Wissen über ihre Geschichte verweigert wird, als Identifikationsträger gänzlich ungeeignet, weil sie aus Gründen handeln, die bewußt uneinsichtig bleiben, allein Träger psychischer Dispositionen, nicht Figuren, die über eine emotionale Tiefenstruktur verfügen. Wir haben es im Falle von Gespenster, so scheint es, mit einer paradoxen Situation zu tun: einem Film, der von den Schwierigkeiten der Selbsterzählung des Individuums berichtet, sich aber dem Erzählen selbst widersetzt – und auch dies letztlich inkonsequent. Was bleibt, ist die Ästhetisierung des filmischen Ausdrucks, eine Flucht in die Form. Man wünschte sich, diese Figuren kämen heraus aus ihrer hermetischen Filmwelt, und die H&M-Filiale im Film sähe wirklich wie eine aus – stattdessen: Prada-Kino, leider. 1970-01-01 01:00

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Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #39.
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