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Das Leben ist ein Wunder

Zivot je cudo. F/YU 2004. R,B,M: Emir Kusturica. B: Ranko Bozic. K: Michel Amathieu. S: Svetolik Mica Zajc. M: Dejan Sparavalo. P: Les Films de Alain Sarde, Cabiria Films u.a. D: Slavko Stimac, Natasa Solak, Vesna Trivalic, Vuk Kostic u.a.
154 Min. Concorde ab 16.6.05

Gleisarbeiten

Von Thomas Warnecke Emir Kusturica hätte sich auf seinem Ruf als Balkan-Fellini ausruhen können – durch sein bisheriges Œuvre hat er sich hinreichend als eigenständige Autorenmarke mit unverkennbarer Handschrift etabliert. Das Leben ist ein Wunder enthält alle Merkmale seiner bisherigen Filme, doch seine Kunst besteht darin, daß trotzdem vieles anders ist. Wie in einer Stummfilmkomödie geht es für die Figuren darum, Umwelt und Dingwelt soweit zu beherrschen, daß ein Fortkommen möglich ist. An der Draisine wird dieser Kampf umittelbar anschaulich, ansonsten sind die grotesken Fahrzeuge in dieser Geschichte aus dem Bosnienkrieg 1992 Rudimente einer westlichen Zivilisation, die den Balkan erst erreichen, wenn sie anderswo nicht mehr gebraucht werden: Der Fortschritt kommt vom Himmel herab in Form einer Dampflok; vom alten Peugeot taugt nur noch die Karosserie als Aufsatz zu einem Schienenwagen – Technikschrott war schon in Schwarze Katze, weißer Kater begehrtes Schiebergut. Leitwährung ist weiterhin die Deutsche Mark.

Die Märchenwelt, die sich Kusturicas vitale Helden bisher noch immer blasmusikuntermalt zusammengebastelt und gefeiert haben, wird in Das Leben ist ein Wunder vom Krieg verhindert. Ein wenig erinnert der Film an Jiri Menzels großartigen Liebe nach Fahrplan, wo ebenfalls ein mehr lyrisch als heldenhaft veranlagter Eisenbahner lernen muß, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Der Ingenieur Luka, der eine Schienenstrecke quer durch das ehemalige Jugoslawien bauen will, hat genug damit zu tun, seine Modelleisenbahn vorm Granatenhagel in Sicherheit zu bringen.

Die äußere Wirklichkeit hat Kusturicas Helden den ganzen Film über fest im Griff. Neben Underground und Schwarze Katze, weißer Kater nimmt sich Das Leben ist ein Wunder, auch in der Entfaltung seiner Handlung, realistischer oder jedenfalls nüchterner aus; die bewegliche Kameraführung Michel Amathieus ist weniger auf der Suche nach Skurrilitäten, sie folgt dem Geschehen auf Augenhöhe. Trotzdem gibt es dominierende Bildmotive, die Schiene samt Fahrt darauf oder die Enge und Dunkelheit der Tunnels, die die scheinbar ständig neu gezogenen Grenzen unterwandern. Auch was den Krieg betrifft, herrscht Tunnelperspektive vor. Mag man politisch korrekt Kusturica vorwerfen, etwa serbische Kriegsverbrechen in Bosnien nicht zu thematisieren, überzeugt seine Kriegsversion doch als Darstellung unübersichtlicher und sinnloser Scharmützel; eine überblickshafte, ordnende und sinngebende (Feldherren-) Perspektive fehlt. Er entscheidet sich eher für Klamauk und Prügelei (endlich wird mal wieder sehenswert gekloppt im Kino) als für Brutalität, aber gegen pittoreske Folklore ist der Film gefeit, weil die Details konkret sind. Kommen wir zu Kusturicas Lieblingsdarstellern, den Tieren. Star im Großaufgebot der Fauna und wichtiger Bremser in dieser Geschichte rund um den Schienenstrang ist ein Esel, der sich immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufstellt; daneben bekriegen sich Katze und Hund, Federvieh und Schafe werden durchs Bild gejagt, und als Kroaten agieren zwei Braunbären. Ganz abgesehen von der erstaunlichen Inszenierungsleistung gelingt Kusturica mit den Tieren ein eigener Film im Film, nicht etwa als ausdeutbare Fabel, sondern als widerspenstige, handlungsbestimmende zweite Ebene, quer zur Welt der Menschen und Maschinen. Das Leben ist ein Wunder feiert das Wunder, unter feindlichen Bedingungen am Leben zu bleiben. In keinem seiner bisherigen Filme ist Kusturica der Welt diesseits des Kinouniversums dabei so nahe gekommen wie hier. 1970-01-01 01:00

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