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Das Leben ist ein Wunder

Zivot je cudo. F/YU 2004. R,B,M: Emir Kusturica. B: Ranko Bozic. K: Michel Amathieu. S: Svetolik Mica Zajc. M: Dejan Sparavalo. P: Les Films de Alain Sarde, Cabiria Films u.a. D: Slavko Stimac, Natasa Solak, Vesna Trivalic, Vuk Kostic u.a.
154 Min. Concorde ab 16.6.05

Karnevalistischer Mikrokosmos

Von Nikolaj Nikitin Mit seinem neuen Film hat Emir Kusturica wieder die poetische Kraft seines Frühwerkes à la Papa ist auf Dienstreise gefunden und sich thematisch seinem Meisterwerk Underground angenähert. Die Rückbesinnung auf die überzeugenden Aspekte seines Schaffens wie den Magischen Realismus, Fellini-Zitate, karnevalistische Sauf- und Kampforgien entzückt über zweieinhalb Stunden und weiß den Zuschauer optisch zu bannen – die Ohren werden währenddessen mit eigens komponierter Musik des Filmemachers betört. Mit viel Zeit, Liebe fürs Detail und vollgepfropften, wunderschönen Landschaftsaufnahmen (wir befinden uns im Gebirge zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien, und oft kommt der Wunsch auf, in manch einer Einstellung einfach länger zu verweilen und sie zu genießen) erzählt er eine Balkan Romeo und Julia-Version. Dabei ist eins seiner Hauptziele, durch das Schicksal zweier Liebenden und eines kleinen Dorfes einen Kommentar zum großen Konflikt des Balkan-Krieges abzuliefern (ohne daß dieser das alles bestimmende Hauptthema wäre). Ebenso wie die Modelleisenbahn des Protagonisten Luka (eines möglichen Alter egos Kusturicas) als Mikrokosmos für seine Träume von Schienen vor der Haustür stehen, verweist Kusturica durch skurrile und absurde Einzelschicksale auf den Makrokosmos Welt.

Dabei bezieht er nicht eindeutig Stellung zu einer Seite, obwohl seine Sympathien bekannt sind und immer wieder durchdringen – eindeutig wird nur auf die Meinung des Auslands zum Krieg gepfiffen und so beispielsweise auf die Fernseh-Reporterin geschossen oder in das Mikro einer Interviewerin gerülpst. Die gelungenste und amüsanteste Szene ist sicherlich die vom herrlich brachialen Kampf, der sich während eines Fußballspiels entwickelt (hier tritt die Vergangenheit des Regisseurs als Fußballspieler deutlich zu Tage).

Das Leben ist ein Wunder stellt ironisches, lakonisches, karnavalistisches, derbes, abstruses und intelligentes Kino dar – was will man mehr vom Mikrokosmos Leinwand? 1970-01-01 01:00

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Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #38.
© 2012, Schnitt Online

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