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Yella

D 2007. R,B: Christian Petzold. B: Simone Baer. K: Hans Fromm. S: Bettina Böhler. M: Stefan Will. P: Schramm Film u.a. D: Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner u.a.
89 Min. Piffl Medien ab 13.9.07

Die Ewigfremde

Von Tamar Noort Es sind nur zwei Stunden mit dem Zug, aber zwischen den Bahnhöfen liegen Welten. Denn am einen Ende der Strecke ist Yella zuhause, und am anderen wartet ein Job. Yella hat einmal in ihrem Leben Glück gehabt – das Glück ist sonst ihre Sache nicht. Und es soll auch jetzt nicht von Dauer sein. Denn sie läßt ihr gesamtes Leben im Osten zurück für ein vermeintliches westliches Schlaraffenland, ein Land aber, in dem Milch und Honig nur fließen, wenn der Preis stimmt – und der ist hoch.

Hätten wir kein Sommermärchen und keinen Anflug von Aufschwung in der Tasche, käme Yella wahrscheinlich daher als Spiegel deutscher Befindlichkeit. Die drohende Arbeitslosigkeit zwingt Menschen zur Gefühlskälte, im Osten hat nur der eine Chance, der in den Westen geht, und auch dort findet man kaum noch einen Job. Doch Yella dokumentiert nicht die Geschichte von Ost und West. Die Handlung, so mag man annehmen, bietet lediglich den Ausgangspunkt, eine Figur wie Yella zu verstehen. Denn Yella ist eine Reisende zwischen den Welten – und Ost und West sind nur Beispiele für zwei Pole, einander unvereinbar gegenübergestellt, zwischen denen Yella stetig hin- und heroszilliert, ohne richtig anzudocken. So ist Yella dann auch ins Bild gesetzt als eine Ewigreisende: Wir begleiten Yellas Reisen im Zug, im Taxi, im Auto – und dennoch scheint sie nie richtig anzukommen. Die Ewigreisende ist auch eine Ewigfremde. Nur so ist sie in der Lage, Grenzen zu überschreiten – oder zu verbinden. Sie balanciert auf der Grenze zwischen Leben und Tod, schlingert zwischen Glück und Leid, wandert von der gescheiterten Utopie zum knallharten Kapitalismus. Wo Yin und Yang ineinandergreifen und ein Stück des anderen jeweils in sich tragen, manifestiert sich die Verknüpfung zwischen den Gegensätzen, die in dem Film angedeutet werden, in Yella. Nur sie scheint diese Grenzen mühelos zu überwinden. Allen Menschen in ihrem Umfeld, die versuchen, sie jeweils auf ihre Seite zu ziehen, zerrinnt sie wie Sand in ihren Fingern.

Wenn Yellas Welten sich berühren, spürt sie das mit allen Sinnen. Der Schrei einer Krähe begleitet sie, er geht durch Mark und Bein; durch das Laubwerk eines Baumes raschelt leise der Wind. Es ist kühl, und der Druck auf den Ohren steigt. Sobald Yella die Krähe hört, ist sie da, die Schnittstelle zwischen den Welten. Yella bleibt bis zum Ende voller Geheimnisse – sie bleibt unserer Welt entrückt und ist doch Teil von ihr.

Bei der Berlinale wurde Nina Hoss in einem Interview gefragt, ob Yella nicht etwas trostlos geraten sei. Und sie antwortete, statt Trostlosigkeit berge Yella vielmehr Hoffung in sich. Eine Figur, die es schafft, Grenzen zu überwinden und zwischen den Welten zu oszillieren – als Bild für deutsche Befindlichkeit ließe sich darauf tatsächlich hoffen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #47.

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