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Vicky Cristina Barcelona

USA 2008. R,B: Woody Allen. K: Javier Aguirresarobe. S: Alisa Lepselter. P: Mediapro, Gravier Productions. D: Scarlett Johansson, Penélope Cruz, Javier Bardem, Rebecca Hall, Kevin Dunn, Patricia Clarkson u.a.
96 Min. Concorde ab 4.12.08

Katalanische Phantasmagorien

Von Tamara Danicic »Du irrst Dich, du kannst Dir nicht weiterhin einbilden, die Welt sei etwas ganz anderes, und wie ein Schmetterling herumfliegen«, heißt es zu Beginn im Titelsong »Barcelona« von Giulia y los Tellarini. Warum eigentlich nicht, würde die ihren Launen hinterherlaufende Cristina vermutlich fragen. Die Welt, das ist New York, das ist Doug, der golfspielende Karrieretyp von der Stange, mit dem ihre fast schon neurotisch selbstbeherrschte Freundin Vicky verlobt ist. Die Sphäre der Schmetterlinge hingegen das sommerlich flirrende Barcelona.

Eine Stadt wie aus dem Kunstbildband: Am Flughafen von einem Keramikwandbild Mirós willkommengeheißen, geht es weiter zu den architektonischen Hinterlassenschaften Gaudís: »Sagrada Familia«, »La Pedrera«, »Parque Güell«. Woody Allen läßt keine von ihnen aus. Er zeigt Barcelona durch die Augen der beiden Touristinnen, von denen eine, Vicky, ihren Master über »katalanische Identität« macht. Daß im Film keiner weit und breit Katalanisch spricht und die Gitarrenklänge, zu denen Vicky dahinschmilzt, andalusisch angehauchten Flamencotraditionen entspringen – who cares?

Woody Allen benutzt Barcelona eh nur als erotisch aufgeladene Projektionsfläche. Seit 2004 filmt der Parade-New Yorker nicht mehr in seiner Heimatstadt. Nach London hat er nun die katalanische Metropole für sich entdeckt (wenngleich angeblich nur, weil die Stadtverwaltung ihn mit einer stattlichen Summe dorthin lockte). Hier erleben die beiden Protagonistinnen ihre éducation sentimentale im gestreckten Galopp. Die »Erziehenden« – Javier Bardem als Latin Lover/Künstler Juan Antonio und Penélope Cruz als seine Exfrau Maria Elena, ohne die er ebenso wenig leben kann wie mit ihr – sind mittlerweile so etwas wie spanische Filmikonen bzw. filmische Spanienikonen. Auch sie Projektionsflächen, sowohl für Cristina als auch für Vicky. Die eine glaubt zeitweilig, in einem zügellosen Dreiecksverhältnis mit Juan Antonio und María Elena ihre unstillbare Sehnsucht stillen zu können. Die andere sieht in dem Maler den tiefsinnigen Künstler, der sie als einziger vor einem konsumorientierten, faden Leben an der Seite Dougs erretten kann. Am Ende werden alle in ihre Welt heimkehren, und Vicky wird konstatieren: »It was a passing thing. Now it's over.«

Das Glück läßt sich, wie schon so oft bei Woody Allen, nicht festhalten. Was bleibt, ist eine frivole Sommernachtskomödie, die durch den (Storylücken füllenden) Voice-Over-Kommentar manchmal etwas atemlos wirkt – und das Postkartenbild einer imaginierten Stadt. Die Reihenfolge der Liebenden im Titel ist kein Zufall: Vicky, Cristina, Barcelona. Und so heißt es am Ende des Titelsongs: »Weil er [der Grund meines Herzschmerzes] so stark ist, kann ich Dich nur aus der Entfernung miterleben und Dir ein Lied schreiben. Ich liebe Dich, Barcelona.« 2008-10-02 11:20

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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